Kolumne

Tabuthema Kinder: Wir müssen reden

Wer arbeitet, verzichtet. Wer im Transfersystem lebt, bekommt Kinder. Sozialindustrie und fundamentaler Islam arbeiten zusammen. Über die fatalen Anreize unseres Systems.

Marcel Luthe
Marcel Luthe
8 Min
Deutsche Frauen inklusive derer mit Migrationshintergrund bekommen 1,23 Kinder.

Deutsche Frauen inklusive derer mit Migrationshintergrund bekommen 1,23 Kinder.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Ein Handwerksgeselle im Bau. Eine Assistenzärztin in Doppelschicht. Ein Erzieher in der Kita. Eine Sachbearbeiterin bei einer Versicherung. Sie alle müssen haushalten. Sie überlegen bewusst, ob ein – weiteres – Kind in die Lebensführung passt. Die Mehrzahl entscheidet sich dagegen. Nicht aus fehlendem Kinderwunsch, sondern aus Notwendigkeit.

Drei Etagen tiefer in der Bedarfsgemeinschaft rechnet mancher auch. Dort heißt es: Jedes weitere Kind, mehr Bedarf – und mehr Bedarf heißt mehr Leistung. Der Anreiz fungiert gegen die, die in Deutschland den Karren ziehen. Er arbeitet für die, die in ihm sitzen.

In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder. Wer das ausspricht, gilt als zynisch, herzlos, hart. Wer diese These offen diskutieren will, wird aus der Debatte ausgegrenzt. Zum Schaden aller.

Zwei große gesellschaftliche Lager haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren auf dasselbe geeinigt, aus unterschiedlichen Motiven: Beide wollen mehr Geburten in Deutschland.

Sozialindustrie und fundamentaler Islam arbeiten zusammen

Das erste Lager ist die deutsche Sozialindustrie nebst ihren zahlreichen Lobbyisten. Sie hat ein Transfersystem aufgebaut, das die Mehrkindfamilie ohne eigene Erwerbsleistung systematisch alimentiert. Das zweite Lager ist der orthodox-fundamentale Islam, wie er die Familienauffassung in Neukölln, Marxloh und Chorweiler prägt. Andere fundamentalistische Bewegungen – christliche Freikirchen, ultraorthodoxes Judentum – sind statistisch klein und politisch unauffällig. Der orthodox-fundamentale Islam ist es nicht.

Die WZB-Erhebung von Ruud Koopmans hat 2013 unter den befragten türkisch- und marokkanischstämmigen Muslimen 44 Prozent gefunden, die alle drei Fundamentalismus-Kriterien gleichzeitig erfüllen: Rückkehr zu den Wurzeln des Islam, eine einzige zulässige Auslegung des Koran und Vorrang religiöser Regeln vor den Gesetzen des Landes. Bei der einheimisch-christlichen Vergleichsgruppe sind es vier Prozent. Faktor elf. In absoluten Zahlen: Millionen.

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Imam Abdul Adhim Kamouss hat das vor wenigen Tagen in dieser Zeitung noch einmal vorgetragen. Sein Beitrag „Es geht um unser Leben“ ist eine eindringliche Verteidigung der Nachkommenschaft als religiöse Pflicht: Sinn schwinde, deshalb schwinde die Kinderzahl. Kinder seien anvertraute Gabe. Familie sei Fundament. Verantwortung vor Allah sei der Weg zum Paradies. Theologisch klingt das gefällig. Politisch, sozial und ökonomisch ist es die Abschaffung Deutschlands.

Die Zahlen hinter dem Tabu

Hier die nüchternen Zahlen: Zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland 2024: 1,35 Kinder pro Frau.

Deutsche Frauen – inklusive derer mit Migrationshintergrund: 1,23. Ausländische Frauen: 1,84. Differenz: 0,61. Ein halbes Kind pro Frau. Diese Differenz ist nicht religiös und nicht ethnisch bedingt, sondern strukturell. Sie verschwindet bei hochqualifizierten Frauen mit Migrationshintergrund. Und sie wächst bei sogenannten Bedarfsgemeinschaften.

5,77 Millionen Menschen leben 2024 in Deutschland in Bedarfsgemeinschaften. Die SGB-II-Quote, der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, der auf Grundsicherung angewiesen ist, liegt bei 8,7 Prozent und ist sehr unterschiedlich verteilt: Während bei Paaren ohne Kinder etwa jeder vierzigste Haushalt Grundsicherung erhält, ist es bei Alleinerziehenden jeder Dritte – und dann ab drei Kindern mit 70,5 Prozent Grundsicherungsquote sogar eine Mehrheit aller Haushalte. Faktor 28 vom ersten zum letzten Wert. Das heißt: Mehr als zwei Drittel der Menschen, die allein mehrere Kinder versorgen, leben von der Leistung anderer.

Der Ausländeranteil im Bürgergeld lag 2005 bei 18,8 Prozent. Heute bei 47,8 Prozent. Jeder zwanzigste hier lebende Deutsche bezieht Bürgergeld – und jeder fünfte hier lebende Ausländer. Die Bundesregierung hat die Bürgergeld-Ausgaben für 2024 mit 46,91 Milliarden Euro beziffert. 22,23 Milliarden gingen an Empfänger ohne deutsche Staatsangehörigkeit. 18,97 Milliarden davon an Personen aus Drittstaaten – es ist also eigentlich ebenso gut ein Nichtbürgergeld.

Die Krise beginnt im Klassenzimmer

Wo orthodox-fundamental orientierte muslimische Familien zusammenleben – und nur dort, in dieser Dichte –, sind die Mütter typischerweise nicht erwerbstätig. Die Kinderzahl liegt über dem Durchschnitt. Die Sozialleistungsabhängigkeit ist hoch. Die Konzentration in bestimmten Stadtteilen in Ballungsräumen ist Folge der Kostenübernahme durch die Jobcenter, statt den Bedürftigen dort Wohnraum zur Verfügung zu stellen, wo welcher verfügbar ist: auf dem Land.

Stattdessen zeigt sich diese Problemballung in den Schulen in den Ergebnissen der Pisa-Studie 2022: ein Bildungsabstand von 59 Punkten in Mathematik und 67 Punkten im Lesen gegenüber Schülern ohne Migrationshintergrund. Etwa drei Schuljahre Rückstand! Es ist eine absehbare Katastrophe, die durch die KI-Entwicklung noch forciert wird. Hunderttausende werden abgehängt, weil mit ihnen Geld zu verdienen ist.

Warum sich Arbeit oft nicht lohnt

Wenn die Journalistin und Volljuristin Fatina Keilani durchrechnet, was sie als alleinerziehende Mutter von vier Kindern im Bürgergeld bekäme – rund 4500 Euro Bedarf monatlich, dazu zweckgebundene Leistungen für Klassenfahrten, Schulbedarf, Nachhilfe, Sportverein –, hochgerechnet rund 70.000 Euro netto im Jahr, beschreibt das keine Ausnahme, sondern die Regel: Wer Kinder will und nicht grandios, sondern nur gut verdient, sollte eigentlich nicht arbeiten. So funktioniert das System.

Dort, wo die orthodoxe Auslegung des Familienauftrags ohnehin gilt – wo die bis zu vier Frauen nicht erwerbstätig sein sollen, in denen Kinder göttliche Pflicht und nicht persönliche Entscheidung sind –, wird die von Frau Keilani beschriebene Rechnung gelebt und genutzt. Der deutsche Sozialstaat finanziert, was Fundamentalisten fordern. Und untergräbt damit stetig sein Fundament. Für die Älteren, die eingezahlt haben, ist nichts da. Für diejenigen Kinder, die womöglich nie einzahlen werden, sprudelt das Füllhorn.

Umso mehr hat es mich bewegt, den Gastbeitrag von Herrn Kamouss in dieser Zeitung zu lesen. In den Quartieren, in denen seine Aussendung am wirksamsten ist – in Teilen von Neukölln, Marxloh, Chorweiler –, fehlt es nicht an familiärem Sinn. Es fehlt an sozialem Verstand, an einer Verantwortung, für die eigene Familie durch Leistung zu sorgen. Der „Sinn“ drängt Frauen aus dem Erwerbsleben, er schafft soziale Abschottung – nicht durch gottgegebene Armut, sondern weil der gemeinsame Leistungswille fehlt.

Er lässt Kinder aufwachsen, die als Zukunftsperspektive „Hartzer“ angeben, die mit höherer Wahrscheinlichkeit früh kriminell werden und denen oft kein Vater vorlebt, was es bedeutet, jeden Tag pflichtbewusst seine Arbeit zu erledigen.

Die deutsche Sozialpolitik hat dem nichts entgegengesetzt. Im Gegenteil. Sie hat ein System gebaut, das die Anreizstruktur, die Herr Kamouss theologisch verkündet, fiskalisch nachzeichnet. Wer als Mutter mit sechs Kindern nicht arbeitet, lebt in vielen deutschen Großstädten besser als die berufstätige Krankenschwester mit zwei Kindern.

Und auch von den meisten, die die Wirtschafts- und Arbeitsbedingungen verteidigen sollten – so der grundgesetzliche Auftrag für alle Gewerkschaften – hört man keine Kritik daran, sondern das Gegenteil.

2024 trat DGB-Vorstand Anja Piel mit Diakonie, Awo, dem Paritätischen, VdK und Sozialverband Deutschland vor die Presse: Der „Regenschirm Bürgergeld“ dürfe niemandem weggerissen werden. Im selben Zeitraum forderte der DGB die Aufhebung der Wohnkostendeckel und die Entschärfung der Sanktionen. Eine Position zur Anreizstruktur für Mehrkindfamilien ohne Erwerbsleistung sucht man dort vergeblich.

Formal vertritt der DGB die Beschäftigten. Politisch vertritt er ein System, das diese Beschäftigten finanzieren, das Leistung bestraft und Passivität fördert, das seit vielen Jahren zum Verlust der wesentlichsten Ressource der deutschen Volkswirtschaft führt – Bildung – und durch die hohen Sozialabgaben deutsche Produkte international wenig wettbewerbsfähig macht.

Diese Entscheidung ist weder ökonomisch noch politisch klug. Sie ist nicht einmal barmherzig, denn es verzögert und vergrößert nur die sozialen Belastungen, die die unweigerliche Folge dieser Politik sind. Es ist feige.

Was sich ändern müsste

Was wäre also zu tun? Zwei Eingriffe. Beide unbequem. Beide gleichzeitig.

Erstens: Pro Kind unter 24 Jahren senkt der Staat den individuellen Einkommensteuersatz der Eltern um fünf Prozentpunkte. Eine Familie mit vier Kindern, deren persönlicher Grenzsteuersatz heute bei 32 Prozent läge, zahlte dann 12 Prozent. Wer den Spitzensteuersatz von 42 Prozent zahlt, käme bei vier Kindern auf 22 Prozent.

Das ist keine Subvention. Das ist die nüchterne Anerkennung, dass diese Eltern das Sozialsystem ihrer eigenen Kinder finanzieren – und das aller Bedarfsgemeinschaften gleich mit. Wer Reproduktion der Leistungsträger will, muss die Leistungsträger entlasten. Spürbar. Nicht symbolisch.

Zweitens: Die Anreizstruktur des Bürgergeldes für Mehrkindfamilien wird zurückgeschnitten. Die Kosten der Unterkunft werden am ortsüblichen Mittelwert gedeckelt, nicht am Maximum.

Aktivierungspflichten der nichterwerbstätigen Elternteile werden ab dem dritten Kind verschärft. Sprachförderung wird Voraussetzung des Leistungsbezugs. Kindergeld, Regelbedarf und zweckgebundene Leistungen für Klassenfahrt, Sportverein, Nachhilfe gehören systematisch überprüft. Wer Kinder hat, soll im Bürgergeld leben können. Wer Kinder als Einkommensquelle nutzt, soll es nicht.

Beides zusammen verändert die Anreize in eine Richtung, die diese Republik dauerhaft bezahlen kann. Es entkoppelt die Sozialpolitik von der orthodox-fundamentalen Theologie, in deren Schlepptau sie sich seit zwei Jahrzehnten befindet. Und es zwingt den DGB, sich zu entscheiden, wessen Interessen er eigentlich vertreten will.

Die Bundesregierungen der letzten zwei Jahrzehnte subventionieren familienpolitisch die Vermehrung der Leistungsempfänger und bestrafen die Vermehrung der Leistungsträger.

Die aktuelle – oder spätestens die nächste – wird damit aufhören müssen – oder Deutschland wird einen Schulabschluss-, Sprach- und Arbeitsstandard erreichen, der den bereits jetzt sichtbaren Arbeitsplatzverlust, die Schwächung des Wirtschaftsstandorts Deutschland insbesondere gegenüber China und das fundamentale Haushaltsdefizit unkontrollierbar werden lässt.

Der Imam beklagt am Schluss seines Beitrags, das Leben werde als kontrollierbare Größe verstanden, immer weniger als anvertraute Wirklichkeit. Das ist nicht falsch.

Eine freie Gesellschaft kontrolliert das Leben nicht. Sie kontrolliert aber ihre Anreizsysteme.

Diese hat sie aus der Hand gegeben – an einen Sozialstaat, der nicht weiß, wen er fördert; an eine Theologie, die nicht weiß, was sie der Republik aufbürdet; an eine Gewerkschaftsdachorganisation, die die eigenen Mitglieder als Finanziers der Gegenseite einsetzt.

Wir brauchen die offene, faktenbasierte Debatte über die Frage: Bekommen in Deutschland die Falschen die Kinder?

Denn ungeachtet dessen gilt: Wer die Falschen subventioniert, bekommt mehr davon. So funktionieren Anreize.

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