Nebelschleier hängen in den Tannenwipfeln, dünn genug, dass der weiße Vollmond sie durchdringen kann. Ein lidloses Auge in der Nacht, ein starrer, kalter Blick, der schon alles weiß. Er wird sich am Ende rot färben. „Ein Mord, so schön, als man ihn nur verlangen kann“, wurde am Sonnabend gleich zu Beginn der Berliner Premiere dem BE-Publikum mit einem beschwingten, entschleunigten Shanty versprochen. Ein Spoiler ist das nicht, schließlich sitzen wir in Georg Büchners „Woyzeck“, und es inszeniert der für seinen Hang zur Farbenpracht und zum Albtraum bekannte Bildertheatermeister Ersan Mondtag. Aber ob der Mord so schön wird, darf man sich fragen, wenn man den hoch- und schmalgewachsenen, langhaarigen und -bärtigen Maximilian Diehle mit der Axt hantieren sieht. Das ist zwar kein Messer, aber das ist Woyzeck.
Vorerst hackt er nur das Feuerholz, mit intensivem Blick und fliegendem Haar. Äxte, zumal in so langen und dünnen Armen, geben dem Theater mindestens bis in Reihe fünf eine sehr pure Idee von Realität. Ähnlich wie das Wasser an der Rampe, sei es auch noch so märchenhaft von Schilf und Gras umstellt. Wenn die Axt mit schnellem, zittrigem Schwung in einem weiten Bogen über dem Lockenhaupt durch die Dunkelheit saust, um dann auf den Hackklotz zu treffen, sodass das gespaltene Scheit in den Teich fällt – da kann man als Zuschauer schon froh sein, wenn man nur ein paar Tropfen abbekommt.
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Wir sind in einem Lager tief im Wald, drei Zelte stehen um eine Feuerstelle. Die kleine Gemeinschaft besteht aus Zauseln. Stilwille und Disziplin sind eigentlich nur beim Björn-Höcke-adretten Doktor (Marc Oliver Schulze) und beim Hauptmann (Martin Rentzsch) erkennbar, der sich offenbar im Jägerbedarfsladen gründlich hat beraten lassen. Die Gruppe versorgt sich selbst. Ohne viel Gewese nimmt der Doktor ein Reh aus. Man wäscht sich im Teich, aus dem man auch trinkt. Zum Pinkeln muss man nicht weit weg, die Männer sind hier unter sich. Oder? Marie (Gerrit Jansen) und die Amme (Peter Luppa) sind zwar männlich und unrasiert besetzt, aber sie übernehmen traditionell weibliche Aufgaben: die Innereien des ausgeschlachteten Tieres reinigen, die Limonade ansetzen und sich um das Kind kümmern. Es wird sogar gesungen und getanzt, raffiniert schief und verstolpert. Dann gesellen sich die Livemusiker dazu und hauchen in ihre Blasinstrumente, aus denen die von Tristan Brusch komponierte Musik nie direkt zu dringen scheint, sondern als verlangsamtes, halb vergessenes Echo aus besseren Tagen. Umso schöner.
Die letzten Zuckungen des Gewaltmonopols
Wenn der am Teichufer ins Moos gebrezelte Tambourmajor (Max Gindorff) später mit Marie im Zelt verschwindet und sie mit einem Ohrring bezahlt, lässt sich das gut mit der herrschenden Langeweile begründen. Was in dieser Gemeinschaft das dynamische Momentum sein soll, das Woyzeck zum Mörder und uns alle also mitschuldig werden lässt, das wird nicht klar. Die virtuose Darstellung eines in die Psychose driftenden Depressiven, um den sich die Gruppe gar nicht einmal so wenig kümmert, verschiebt die Verantwortung ins Schicksalhafte. Die Eifersucht bleibt ein privates Problem, das soziale Macht- und Wohlstandsgefälle hat sich in der Abgeschiedenheit in etwas Familiäres, Existenzielles und Willkürliches aufgelöst. Das könnte Absicht sein.
Mithin bleibt von Büchners revolutionärer, eiskalter, medizinisch-materialistischer Gesellschaftskritik, die den Einzelnen ins Unglück und in Schuld zwingt, nicht viel übrig. Stattdessen schön verzerrte, entschleunigte, stimmungsvolle Blut- und Bodenromantik einer von Gefahr zusammengeschweißten Preppertruppe, die sich den Strukturen der Gesellschaft und dem Zugriff des Staates entzogen hat und ihr eigenes tribales Nest baut. Immer mal wieder hört man Hubschrauberlärm und in der Ferne Sirenen, aber das sind wohl die letzten Zuckungen eines Gewaltmonopolisten, der die Kontrolle längst verloren hat.
Noch tanzt der posthumane Zombie (Lili Epply), gehostet von der kollektiven KI.
© JR Berliner Ensemble
Sibylle Bergs Menschenbild ist kaum hoffnungsvoller als das von Georg Büchner oder Ersan Mondtag. Dabei könnte man meinen, dass der Titel ihres zwei Tage zuvor im Neuen Haus uraufgeführten Stücks Optimismus ausdrückt. „Es kann doch nur noch besser werden“ ist allerdings genau genommen gar nicht so aussagekräftig, was eine bessere Zukunft, sondern eher was die beschissene Gegenwart betrifft. Es dürfte dieselbe sein, vor der Mondtags Prepper in den Wald geflohen sind.
Mit der kleinen Inszenierung von Max Lindemann (und der fetten elektronischen Livemusik von Olan!) kann sich das Publikum schon mal auf die Adaption von Bergs jüngstem dystopischen Wälzer „RCE“ einschwingen, die in der Spielzeit noch folgt. Das heißt Remote Code Execution und benennt die Fähigkeit, von der Ferne auf das Betriebssystem eines Rechners zugreifen und dort unerwünschte Programmcodes ausführen zu können. Fremdsteuerung, wer kennt es nicht?
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„RCE“: Sibylle Berg rettet die Welt
Selbstverständlich ist es Sibylle Berg ein Leichtes, mit ihrer superklugen Begriffsarbeit und ihrer Eloquenz der Verachtung zu verbildlichen, wohin die Reise geht – und zwar umso schneller, je mehr Hoffnung wir auf die Segnungen der Technologie und der smarten Maschinen setzen. Was bleibt übrig, wenn wir unsere Lebensfunktionen Stück für Stück der Kontrolle einer deutlich kompetenteren künstlichen Vernunft überlassen? Was haben wir und was hat die davon? Am Anfang sehen die posthumanen Zombies noch ganz zufrieden aus mit ihrer Smartphone-Schnittstelle, aber dann.
Die gute Nachricht ist, dass es zwischen den Menschen keine sozialen Unterschiede mehr gibt. Also spätestens dann, wenn sie ihre Bürgerpunkte aufgebraucht haben, zum Beispiel, um in der virtuellen Warteschlange beim virtuellen Arzt vorzurücken. Ist das Konto leer, erfolgt das Downgrade, und die Anwendungen der virtuellen Beschäftigungen, die alles, was über bloße Lebensfunktionen hinausgeht, ersetzt haben, werden langsam heruntergefahren. Dann wird man Teil des Stoffwechsels. Solange man noch verzichtbare Körperteile hat, werden diese gegen Nährmittellösung eingetauscht. Aber wozu Körperteile? Man braucht ja auch nicht viele, wenn man sein Privatleben so dahinfristet unter einer Matratze im feuchten Keller. Ab und zu wird man von einer Wasserwerfer-Sintflut überspült, bei der nicht klar ist, ob sie von einem göttlichen Programmierfehler herrührt oder eine automatische Hygienemaßnahme ist.
Schnell abschalten und abhauen? Aber zu den Zauseln mit ihren Schießeisen und Äxten in den Wald kann man auch nicht wollen. Am Berliner Ensemble kann man mit diesen beiden Inszenierungen die Gegenwart gut durchreflektieren, aber ihr entkommen wird man nicht.
Nächste Aufführungen im Berliner Ensemble: „Woyzeck“ 24., 30. September, 1., 14.,15., 16. Oktober, große Bühne; „Es kann doch nur noch besser werden“, 30. September, 1., 31. Oktober, 1. November, Neues Haus. Karten und Informationen unter Tel.: 030 28408155 www.berliner-ensemble.de
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