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Ende 1998 hatten Hunderte FU-Studenten ihre Aufnahme bei der Berliner F.D.P. beantragt: Während eines Hochschulstreiks lockte der ideell ausgehöhlte, aber materiell gut ausstaffierte Apparat als Machtinstrument. Die Partei lehnte die meisten Aufnahmeanträge ab. Wie war es überhaupt zu diesem Übernahmeversuch gekommen?
Bei den Abgeordnetenhauswahlen konnte die F.D.P. damals kaum drei Prozent erreichen. Ähnlich wie heute die SPD war sie zur Splitterpartei geschrumpft. Trotz Unterbrechungen hält der Niedergang an.
Guter Start mit einem verheißungsvollen Versprechen
Eigentlich hatte es für die deutschen Liberalen gut angefangen. Unter den Neugründungen nach 1945, die an die Zeit vor 1933 anknüpfen wollten, waren sie in allen Besatzungszonen eine der stärksten. Im Osten hatte die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) so viele Mitglieder, dass die SED sie über konkurrierende Blockparteien abzuschöpfen versuchte, etwa mit den Nationaldemokraten (NDPD).
In den Westzonen war ein Bezug zum deutschen Nationalliberalismus noch sichtbar. Die F.D.P. unter Erich Mende galt als Partei der Ritterkreuzträger. Der Streit mit Konrad Adenauer um die „Europäisierung“ des Saargebiets hatte die F.D.P. 1956 in die Opposition getrieben. Mit dem Berliner Parteitag von 1957 schien für die zwei Strömungen des Liberalismus, die links- und die rechtsliberale, ein Kompromiss gefunden. Der westdeutsche Liberalismus gab sich nun als Wahlheimat westlicher Werte, ja eines übernationalen Westens überhaupt, mit dem sich die offizielle Bundesrepublik zusehends gleichsetzte.
Ein Gleichgewicht moralischer und materieller „Werte“, nach längerem totalitären Umweg erreicht, galt als die BRD-typische und vielleicht historisch einmalige Chance. Im Dual von „Freiheit und Wohlstand“ schien die alte Spannung zwischen den Flügeln des Liberalismus und seines sozialen Kernmilieus gedämpft: Zwar war das Bild der BRD als „nivellierter Mittelklassegesellschaft“ (Helmut Schelsky) ein soziologischer Mythos, doch blieb er über die Grenzen des Bürgertums hinaus beliebt.
Unter Erich Mende galt die FDP als Partei der Ritterkreuzträger.
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Wendepunkt 1968
Die Kulturrevolte mit der Symbolzahl „68“ wurde von Bürgerkindern getragen, sie war eine Jugendbewegung. Liberal galt als langweilig, radikal als chic. Doch auch wenn die Revolutionäre mit ihren kommunistischen Flugblättern in die Betriebe gingen – sie hatten kein echtes Verhältnis zur Arbeiterschaft.
Langfristig sollte Klassenkampf sich zu Kulturkampf wandeln, erst als Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen, später mit marginalisierten Minoritäten. Der politische Liberalismus hatte anfangs mit der Jugendrevolte sympathisiert, sah sich aber angesichts ihrer terroristischen Ausläufer ernüchtert.
Vom Post-68er Katzenjammer erlösten sich viele Ex-Revolutionäre durch Rückzug ins Private. Phantasien von Weltrevolution schrumpften zur Weltoffenheitskur durch Auslandsstudium oder Backpack-Reise.
Doch der auf Selbstverwirklichung verengte kulturelle Liberalismus war kein bloßer Schatten des ökonomischen. Er hatte selbst ökonomische Implikationen. Sie wurden schon in den Spätsechzigern von computerbegeisterten Hippies und libertären Aussteigern im späteren Silicon Valley erkundet, Vorläufern einer IT-basierten Ökonomie und radikaler Konsumentenfreiheit. Ihre Bibel war der „Whole Earth Catalog“, Vision einer beglückten Menschheit dank universeller Wunscherfüllung.
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Hippies, Yuppies und Bobos
Die drei Dekaden bis 1975 waren die Ära westlicher Nachkriegsstabilität gewesen, eines Gleichgewichts von Sozialstaat und Marktwirtschaft, im heutigen Alt-Westen oft nostalgisch beseufzt. In den 1980ern kam zuerst in den USA das Leitbild eines neuen Liberalismus auf: Im Bourgeois-Bohemian vereinen sich Wirtschafts- und Kulturliberalismus. Er möchte erfolgreich und wohlhabend sein, sich aber auch lässig und rebellisch fühlen dürfen. Bobos sind ein Hybrid aus Yuppies und Hippies, womit geborene Bürgerkinder ihren sozialen Rang durch ethischen Konsum legitimieren.
Der Yuppie als Vulgärtyp kapitalistischer Freiheit war dadurch nicht verschwunden. In den Achtzigerjahren hatte er den herrschenden Sozialtypus dessen gebildet, was vom Neoliberalismus mit „outsourcing“, „lean production“ und „schlankem Staat“ vorangetrieben wurde. In den Neunzigerjahren war der kreative Erfinder zum Investor, der Investor zum Spekulanten mutiert. Der Yuppie-Zyniker existiert faktisch bis heute. Er bekennt sich ohne Moraldekor zum Marktprinzip, lässt so die Klassenkomponente des Liberalismus schamlos unverhüllt und sorgt damit für dessen soziale Unbeliebtheit.
Sein siamesischer Zwilling ist der minoritätensensibel und umweltethisch agierende Kulturliberalismus der Bobos. In der gegenwärtigen Politik-Topographie gilt dieser als linksliberal. Doch waren es gerade linksliberale Parteien gewesen, die seit den 1990ern die wirtschaftliche Privatisierung und so die neoliberale Umwälzung vorantrieben, in manchen Ländern viel weiter als Ronald Reagan oder Margaret Thatcher.
Die Neoliberalisten Thatcher und Reagan
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Nach dem Ende des Kalten Krieges
Wie würde sich das Verhältnis von Wirtschafts- und Kulturliberalismus nach dem Ende des Realsozialismus gestalten? Dessen Kollaps schien einen Sieg liberaler Werte zu bedeuten – von kultureller Weltoffenheit wie freier Konkurrenz. Er entsprach aber auch einer Transformation des Kapitalismus selbst, vom Fordismus mit Fließband und Stechuhr zu den neuen Techno-Ökonomien.
Deren Werte permanenter Aktivität, etwa „aktiver Erholung“ und „positiver Performance“, sowie fluider Identitäten drängten ins öffentliche Bewusstsein. Das bedeutete einen Wandel, der kaum für alle Gesellschaftsmilieus attraktiv zu machen war. So schrumpfte die liberale Fortschrittserzählung auf Heldengeschichten von „Kreativen“, in den neuen Tellerwäscherfabeln von genialischen Start-Ups.
1989/90, direkt nach Ende des Kalten Krieges, schien die liberale Utopie grenzenlosen Wachstums noch allen Begrenzungsprojekten überlegen. Kommunismus und zuvor Nazismus waren solche Projekte gewesen. Sie hatten mit Klassenkampf und Rassenhass kapitalistische Wachstumszwänge ideologisch umfrieden wollen. Grenzenloses Wachstum angesichts schwindender Ressourcen, angesichts global erweiterter Konkurrenz erforderte jedoch neue Verwertungsfelder. Das legte umfassende „Selbstoptimierung“ nahe. Ein Druck zur „Performance“ erfasste nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Alltagsleben, Politik und Kultur. In diese trieb der als Raubtierkapitalismus geschmähte Neoliberalismus rasant hinein.
Als kulturelle Ideologie konnte der von Nation und Staat entlastete Freiheitsbegriff triumphieren. Als politische Großutopie hingegen hatte sich der Liberalismus totgesiegt. Sein historischer Kern waren bürgerliche Besitz- und Abwehrrechte gewesen, politische Formen zur Freisetzung von wirtschaftlicher wie kultureller Konkurrenz, kein positiver Ideengehalt. „Antitotalitarismus“ war im 20. Jahrhundert die typisch liberale Verlegenheitsformel. Deren politische Substanzlosigkeit war nach Abtritt des zweiten Totalitarismus 1989/90 sichtbar geworden, auch wenn noch jahrelang die Biermanns und Knabes vor dessen Drachensaat warnen sollten.
2026 steht der liberale Kernbegriff für einen tiefgreifenden sozialen Wandel, vielfach von oben her vorangetrieben. „Freiheit“ bedeutet Auflösung tradierter Grenzen und Normen, aber auch Auflösung sozialer Sicherheiten und Gewohnheiten des Lebens, das weiter hartnäckig in Kreisen und Grenzen verlaufen will. Diesen Widerspruch hat das – kulturell immer noch tonangebende – heutige grüne vom einst liberalen Bürgertum geerbt. Seine Projekte von Antidiskriminierung und Minoritätenrechten, seine Rhetoriken der Achtsamkeitsrhetorik sind ambivalent.
Gewiss geht es durch die Diskursmacht des kulturellen Liberalismus rhetorisch „emotionaler“ zu, sensibel bis zur Hypersensibilität. Umgekehrt bedeutet das freilich, dass – meist verletzte – Gefühle als soziale und ökonomische Verwertungsmasse entdeckt werden. Das war bereits dem 1990er-Jargon von kulturellem Kapital, von emotionaler Intelligenz, von Humanressourcen anzuhören. Manche nannten das „emotionalen Kapitalismus“ (Eva Illouz), andere Liberalkapitalismus. Dieser teilt die Menschen schlicht in Erfolgreiche und Versager der „self perfomance“.
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Und die Gegenwart
Hat der letzte deutsche Regierungswechsel diese Tendenzen beschleunigt oder verlangsamt? Der politische Liberalismus bleibt unter seinem globalen Pyrrhussieg in den 1990ern begraben. Was sich in nicht wenigen Gesellschaften des globalen Westens abzeichnet, ist ein marktliberales Regime an der Basis bei weiterhin kulturliberalem Überbau, wie ihn sogenannte NGOs und politisch engagierte Bobos in vielen Institutionen verankern konnten.
Die progressiv-liberale Sorge lautet auf „Krise der repräsentativen Demokratie“, die Hoffnung der Besorgten ruht auf einem kräftig durchgreifenden Staat. Antidiskriminierung und Weltoffenheit prägen unverändert eine obrigkeitsliberale Rhetorik, die ärmeren Schichten handfeste materielle Verluste, aber auch Veränderungen der kulturellen Lebensumwelt akzeptabel machen soll.
Protest und Widerstand dagegen haben – sozial durchaus bessergestellte –Progressivbürger mit dem Ruf dumpfen Provinzlertums belegt. Der Liberalismus von oben beruft sich auf kulturliberale Ideen von Vielfalt und Toleranz. Sie gelten als Garanten bürgerlicher Freiheit in Wirtschaft und Politik, auch nachdem deren einstige Vision, der grüne Kapitalismus, in der Realität täglich verblasst.
In solchen Widersprüchen sortieren sich alte politische Parteiungen zu neuen Gegensätzen. Dem progressiven Prinzip wirtschaftlicher und kultureller Freizügigkeit steht ein meist „reaktionär“ gelabelter Widerstand entgegen. Im Vorpreschen von Kultur- wie Marktliberalismus wird die Idee universeller Entgrenzung weltweit zum Lebensfaktum. Zugleich sind es moralisch abgrenzungsbewusste und materiell auch abgrenzungsfähige Milieus, die diese Entgrenzung feiern. Ein grünes Bürgertum hat den politischen Liberalismus in vielen seiner Spannungen und Widersprüche beerbt.
Jürgen Große ist Historiker und lebt als freier Autor in Berlin. Soeben erschien: „Im Deutschland der anderen. Miniaturen aus der dritten Republik“ (2026).
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