Kommunalwahl

49,88 Prozent FDP: Das Wunder von Lommatzsch

Bürgermeisterin Anita Maaß ist das Gegenbeispiel einer erfolglosen FDP: Sie ist seit 21 Jahren im Amt, wurde nun für weitere sieben Jahren gewählt – während der Rest der Liberalen weiter in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

5 Min
Anita Maaß mit FDP-Parteichef Wolfgang Kubicki und Dresdens OB Dirk Hilbert (v.l.n.r.), hier bei einem Treffen 2022.

Anita Maaß mit FDP-Parteichef Wolfgang Kubicki und Dresdens OB Dirk Hilbert (v.l.n.r.), hier bei einem Treffen 2022.

© Jürgen Männel/imago

Die Frau hat offensichtlich ein Händchen für historische Daten – wenn auch unfreiwillig. Anita Maaß von der FDP wurde am Sonntag zum vierten Mal zur Bürgermeisterin der Kleinstadt Lommatzsch (4300 Einwohner) in Sachsen wiedergewählt. An einem Sonntag, an dem Deutschland auch bundesweit Wahlergebnisse sah, die teilweise nicht für möglich gehalten wurden.

Die CDU reißt erstmals die Fünf-Prozent-Hürde in einem Landesparlament nicht mehr. Die FDP flog auch aus dem Landtag in Mecklenburg-Vorpommern, ist damit nur noch in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Hessen sowie Bremen vertreten.

Gewählt wurde Maaß erstmals am 18. September 2005, auch ein historisches Datum. An diesem Sonntag holte die CDU noch 35,2 Prozent, Angela Merkel wurde Bundeskanzlerin. Die FDP im Bund holte übrigens 9,8 Prozent. Mittlerweile spielen die Liberalen im Bund keine Rolle mehr, in Sachsen sind sie seit der Landtagswahl 2014 bereits Auslaufmodell. Selbst der Dresdner OB Dirk Hilbert warb in seinen Wahlkämpfen 2015 und 2022 nicht als FDP-Mitglied für Stimmen, sondern für das Bündnis „Unabhängige Bürger für Dresden e. V.“. Die FDP als Wählerschreck? Nicht so bei Anita Maaß.

Die Fünfzigjährige gewann gestern im zweiten Wahlgang mit 49,88 Prozent, nur vier Stimmen fehlten zur absoluten Mehrheit. Dabei wollte sie im Sommer schon hinschmeißen, das Amt nach 21 Jahren abgeben und nicht erneut kandidieren, da die täglichen Amtsgeschäfte durch teilweise Blockaden des Stadtrates zur Tortur wurden. Die AfD ist seit 2024 nach den Freien Wählern zweitgrößte Fraktion, stellte im letzten Frühjahr einen Abwahlantrag gegen Maaß. Sie nannte es gegenüber der  Zeit „Mobbing“, für die AfD hingegen war es „gelebte Demokratie“. Doch auch diesen Antrag überlebte sie. Der AfD-Gegenkandidat auf den Bürgermeisterposten, Gottfried Striegler, holte am Sonntag 35,47 Prozent.

„Ich brenne für meine Stadt“

„Es war eine Herzensentscheidung, doch nochmal anzutreten“, erzählt Maaß der OAZ. Die gebürtige Oschatzerin kam „der Liebe wegen nach Lommatzsch“ und sagt: „Ich brenne für meine Stadt.“ Den Ausschlag gab im Juni ein offener Brief von Bürgern, Unternehmen und Vereinen mit 450 Unterschriften, der sie zum Weitermachen bewegte. Die AfD war offensichtlich nicht deren gewünschte Alternative.

„Das hat mich wahnsinnig berührt“, sagt die Mutter zweier Töchter. Sie schöpft neue Kraft, wirft ihren Hut für eine weitere Amtszeit kurzfristig doch noch in den Ring. „Ich habe dabei meine liberalen Grundüberzeugungen nie verheimlicht und so versucht, die Stadt zu steuern.“ Die Früchte ihrer Amtszeit können sich sehen lassen: Als eine der wenigen Kommunen Sachsens– wenn nicht sogar bundesweit, ist Lommatzsch de facto schuldenfrei.

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Das Rathaus von Lommatzsch bleibt für weitere sieben Jahre der Amtssitz von Anita Maaß.

Das Rathaus von Lommatzsch bleibt für weitere sieben Jahre der Amtssitz von Anita Maaß.

© DreamstimexAnimaflor/imago

Schuldenfreie Kommune: Unverhoffte Erbschaft half

„Wir waren 2005, als ich anfing, mit 8,5 Millionen Euro hochverschuldet. Es gab Investitionsstau und jede Menge Probleme in der Stadt.“ Heute habe die Stadt zwar 1,9 Millionen Euro „rentierliche“ Schulden für Investitionen in den Abwasserbetrieb. Die laufenden Zins- und Tilgungslasten dieser Kredite werden aber vollständig durch die Abwassereinnahmen gedeckt.

Geholfen hat auch eine unverhoffte Erbschaft an die Stadt Lommatzsch: Ingo Menzel, der Urenkel des Lommatzscher Glasmachers Carl Menzel – übrigens gleichzeitig ein Großcousin von Schauspieler Terence Hill - vererbte der Kommune nach seinem Tod 40 Prozent seines Vermögens. Der Italo-Western-Held lebte als Kind selbst in Lommatzsch.  Ende 2024 wurde das Erbe an die Stadt ausgezahlt, 2,6 Millionen Euro verbuchte auf einmal die Stadtkasse als Zahlungseingang. Mit soviel hatte Maaß selbst nicht gerechnet.

Das Geld arbeitet nun am Markt und soll die Restschuld von 460.000 Euro für das Lommatzscher Schützenhaus tilgen.

Die Lommatzscher Pflege mit ihren fruchtbaren Böden gilt als Kornkammer Sachsens, die noch weitere Windräder bekommen soll.

Die Lommatzscher Pflege mit ihren fruchtbaren Böden gilt als Kornkammer Sachsens, die noch weitere Windräder bekommen soll.

© Sylvio Dittrich/imago

Lommatzscher streiten um Freibad und Windräder

Trotzdem hat auch diese Kommune Probleme. Das Freibad ist seit fünfzehn Jahren dicht, Maaß widersteht den Wiedereröffnungswünschen ihrer Einwohner. Auch die Ausdehnung von Flächen für weitere Windräder – die Stadt hat seit 2015 zwei Wind- und ein Solarpark – ist im Stadtrat umstritten. Lommatzsch ist mit 66 Quadratkilometern groß, die Politik in den 37 Dörfern plus der Altstadt von Lommatzsch aber kleinteilig. Viele wollen mitgenommen werden. Maaß weiß: „Die kommende Amtszeit wird nicht leicht.“

Nach ihrem Erfolgsgeheimnis in 21 Jahren Kommunalpolitik für die FDP befragt, sagt sie der OAZ: „Ich diene meiner Stadt und sehe den Job als Bürgermeisterin als Berufung - mit der vierten Amtszeit nun auch als Lebensaufgabe. Mein Ziel ist immer, geradlinig, verlässlich und glaubwürdig zu sein. Ich hänge mein Fähnlein nicht in den Wind.“

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