Mehr als 20 Monate stand das Watergate leer. Jetzt zieht dort ein Pariser Kultclub ein: Silencio. Ab dem 30. Oktober bespielt der „Culture Club“ die Räume an der Falckensteinstraße. Sieben Monate lang, bis Mai 2027.
Den Auftakt machte am Mittwoch, dem 9. September, eine Pre-Opening-Nacht. Anlass war die Eröffnung von Maurizio Cattelans Ausstellung „Night“ in der Neuen Nationalgalerie. Zum Start war direkt Techno-Prominenz an den Turntables zugange: Ibiza-Legende Richie Hawtin, Berghain-Resident-DJ Ben Klock, BASHKKA und Valentina Magaletti.
Das reguläre Programm soll erst im Oktober bekannt werden. Das berichten übereinstimmend die Szeneportale Groove, FAZEmag und Resident Advisor.
Der Name kommt aus einem Lynch-Film
Silencio wurde 2011 in Paris gegründet, von Arnaud Frisch, Manu Barron und Anthony Caton. Das Trio hatte zuvor bereits den Social Club aufgebaut, eine feste Größe im French-Touch-Umfeld.
David Lynch gestaltete das Interieur des Pariser Silencio mit. Namensgeber war der fiktive Club Silencio aus seinem Film „Mulholland Drive“. In den frühen Jahren war Lynch sogar an der Programmgestaltung beteiligt.
Über die Jahre traten dort Prince, Björk und Kendrick Lamar auf. Lana Del Rey gab ihr erstes Pariser Konzert dort. Später sollen unter anderem Charli XCX, A$AP Rocky, Gaspar Noé und Greta Thunberg als Gäste gesichtet worden sein.
Das Berlin-Pop-up feiert das 15-jährige Bestehen des Pariser Originals. Zuvor gab es bereits temporäre Ableger in Venedig, Cannes, Miami und New York. Ein Jubiläumsbuch soll laut Resident Advisor im September kommenden Jahres erscheinen.
Neue Optik für alte Räume
Das Watergate schloss 2024 nach 22 Jahren Betrieb. Ulrich Wombacher, einer der drei Club-Chefs, erklärte damals im Exklusiv-Interview mit der Berliner Zeitung, wie sich Berlin verändert hat – und dass er den Club schließen werde.
Für Silencio wurde der Raum umgebaut. Beteiligt: Studio Karhard, bekannt vom Berghain-Design, außerdem Studio Raito und Bureau Borsche.
Der Künstler Marc Leschelier hat neue DJ-Pulte aus Betonsteinen gebaut, dazu mehrere Betonskulpturen. Der Boden ist raus, der rote Backstein liegt frei, wie Groove berichtet. Die Raumaufteilung blieb aber erhalten: Bars und Toiletten stehen an denselben Stellen wie zuvor. Das alte Watergate-Logo an der Fassade wurde übermalt. Die ist nun komplett schwarz.
Kritik aus der Clubszene
Nicht alle sehen die Übernahme unkritisch. Groove beschreibt sie als Eindringen des „globalen Kunst-, Film- und Pop-Jetsets“ in einen Ort, der der Berliner Clubkultur lange als Schutzraum galt.
Die Sorge: Werte, die traditionell im Berliner Underground-Nachtleben hochgehalten werden, könnten verdrängt werden. Für den Pariser Original-Club (wo beim sogenannten Bottle-Service Kellner Champagnerflaschen zu den Sitzen bringen) werden Mitgliedschaften zu 100 Euro pro Monat feilgeboten – die allerdings offenbar nicht zwingend notwendig sind, um Eintritt in die Clubräume zu erhalten.
Silencio-Mitgründer Arnaud Frisch relativiert die Sorgen, sieht Berlin als Avantgarde: „Ein Club ist eine Form, die neu erfunden werden muss, nicht bewahrt“, sagte er laut Pressemitteilung. Berlin habe das früher verstanden als jede andere Stadt.
Ein Symbol des Strukturwandels
Das Watergate war über viele Jahre eine feste Adresse im internationalen Techno- und House-Kalender. Die Lage direkt an der Spree, die große Fensterfront zum Wasser und das tanzbare Tech-House-Profil machten den Club international bekannt.
Seit der Schließung 2024 stand die Frage im Raum, was mit den Räumen an der Oberbaumbrücke passieren würde. Nun ist klar: Für ein weiteres halbes Jahr bleibt der Ort bespielt – wenn auch unter völlig neuen Vorzeichen.
Wie geht es weiter?
Ab November sollen wechselnde Kollektive die Räume übernehmen, jedes Wochenende ein anderes. Welche Namen dahinterstehen, ist noch offen. Ob aus dem Pop-up ein dauerhafter Austausch zwischen internationalem Kunstbetrieb und Berliner Nachtkultur wird, bleibt abzuwarten.
Fest steht: Die Debatte über Zugehörigkeit, Kommerzialisierung und kulturelle Deutungshoheit im Berliner Nachtleben dürfte mit dem Silencio-Pop-up neue Nahrung bekommen.
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