Das hatte sich die Berliner AfD anders vorgestellt. Rund 16 Prozent bei der ARD und knapp 14 Prozent beim ZDF zeigen die Hochrechnungen am Wahlabend. Spitzenkandidatin Kristin Brinker jubelt dennoch. Alice Weidel umarmt sie.
„Ich bin total stolz, dass wir deutlich, deutlich dazugewonnen haben“, sagt Brinker wenig später. Die AfD habe ihren dritten Platz behauptet und werde nun als „starke Oppositionsfraktion“ arbeiten. Auch Martin Kohler, Chef der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland in Berlin und voraussichtlich neuer Abgeordneter, zeigt sich zufrieden: Mit 16 Prozent könne man „sehr zufrieden sein“.
Eine Niederlage ist das für die AfD gewiss nicht. Sie konnte ihr Ergebnis von 9,1 Prozent deutlich verbessern. Aber seit Monaten lag die Partei in den Berliner Umfragen bei rund 18 Prozent. In der Partei hatte man mit einem Ergebnis in dieser Größenordnung gerechnet. Die Hochrechnungen können sich noch verschieben und liegen nicht weit davon entfernt. Aber sie liegen nun einmal darunter.
AfD wollte „den Regierenden Bürgermeister stellen“
Stärkste Kraft wollte die AfD werden, Brinker ins Rote Rathaus. Ende Mai sagte sie auf dem Programmparteitag: „Wir erheben den Anspruch, den Regierenden Bürgermeister von Berlin zu stellen.“ Im Laufe des Wahlkampfs wurde dieser Anspruch bereits zurückgeschraubt. Beim Wahlkampfabschluss vor acht Tagen in Charlottenburg verhaspelte sich der Brandenburger AfD-Fraktionschef Hans-Christoph Berndt noch bezeichnend: Dass die AfD „stärkste“ – eine „starke Kraft“ werde, sei gewiss.
Mit einem Ergebnis unter den lange erwarteten 18 Prozent hatte dagegen kaum jemand gerechnet. Im Raum 107 stehen die Gäste um 18 Uhr dicht gedrängt. Es ist stickig. Davor ein kleiner Stand mit Sekt, Wein und Bier. Das Buffet befindet sich eine Etage entfernt, immer wieder ziehen kleine Gruppen durch den Flur. Dort klingt die Stimmung schnell anders als bei den Auftritten vor den Kameras.
„Das ist mir zu wenig“
„Nein, damit bin ich nicht zufrieden“, sagt der Abgeordnete Martin Trefzer. „Das ist mir zu wenig.“ 18 Prozent wären schön gewesen. Julian Adrat ist „enttäuscht“. Der Direktkandidat aus Mitte steht auf Listenplatz 15 und dürfte in das neue Abgeordnetenhaus einziehen. Es hätte mehr sein können, hört man an diesem Abend häufiger.
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Nicht zuletzt, weil die AfD aus anderen Teilen Deutschlands derzeit ganz andere Zahlen gewohnt ist. In Sachsen-Anhalt gewann sie vor zwei Wochen mit 43,8 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern liegt sie am Sonntagabend laut den Hochrechnungen bei rund 38 Prozent und knapp vor der zweitplatzierten SPD. In Berlin kommt sie davon weit entfernt ins Ziel.
Populistischer sein, wie die Linke
Wieso? Darauf gibt es viele Antworten. Wenige suchen die Schuld bei der AfD selbst. Die meisten zeigen zuerst auf die Linke. Deren Kampagne sei besser durchgedrungen, vor allem mit dem Thema Mieten. Die Linke habe die eigene Kampagne „ein bisschen zur Seite gedrängt“. Vielleicht hätte die AfD selbst stärker polarisieren müssen. Populistischer sein müssen. Ein wenig mehr wie die Linke.
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Dabei habe die AfD durchaus Angebote gemacht, heißt es, etwa ihr Punktesystem bei der Vergabe geförderter Wohnungen, von dem unter anderem gebürtige und langjährige Berliner profitieren sollten. Nur habe man die eigene Politik offenbar nicht gut genug vermittelt. Also: Wir müssen unsere Politik besser erklären.
Keine Kritik an Spitzenkandidatin Brinker
Kritik an Brinker? Fehlanzeige. Jedenfalls öffentlich. Trefzer bescheinigt der Landesvorsitzenden einen „starken Wahlkampf“. Auf die Verantwortung der Landesführung angesprochen, wird er vorsichtiger. „Da müssen wir mal reden.“ Ob man den einen oder anderen Akzent anders hätte setzen können, müsse nun besprochen werden.
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In den Gesprächen abseits der Kameras geht die Kritik weiter. Immer wieder heißt es, die Kandidaten hätten einen guten Wahlkampf geführt. Eben: die Kandidaten. Unterstützung bei den Wahlkämpfen in den Bezirken habe es kaum gegeben, heißt es. Vieles hätten die Kandidaten weitgehend selbst stemmen müssen.
Am Wahlabend will daraus noch niemand einen offenen Streit machen. Dafür ist das Ergebnis auch zu gut. Und wären da nicht die Umfragen, würde die AfD jetzt nur jubeln, sagt einer. Die AfD wird mit einer deutlich größeren Fraktion ins Abgeordnetenhaus einziehen. Doch zwischen den eng stehenden Gästen und auf den Fluren ist bereits zu hören, worüber die Partei nach diesem Abend reden wird: warum aus den erwarteten 18 Prozent weniger geworden sind.
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