Wahlabend

Von 61,9 auf knapp zwölf Prozent: Der historische Absturz der Berliner SPD

Das schlechteste Ergebnis der Berliner SPD überhaupt: Während der Wahlparty in Friedrichshain herrscht Fassungslosigkeit.

5 Min
Ein desaströser Abend: SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach beim Wahlabend seiner Partei im Astra-Kulturhaus in Friedrichshain.

Ein desaströser Abend: SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach beim Wahlabend seiner Partei im Astra-Kulturhaus in Friedrichshain.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Die Sozialdemokraten haben es geahnt. Deshalb kommt Spitzenkandidat Steffen Krach wenige Minuten nach der ersten Hochrechnung auf den Punkt. „Das Wahlergebnis ist eine Katastrophe für die Berliner SPD“, sagt der 47-Jährige an diesem Sonntagabend gegen 18.10 Uhr. „Es gibt nichts schönzureden.“

Nach 18,4 Prozent bei der Wahl 2023 nur noch knapp zwölf: Das ist das schlechteste Ergebnis, dass die SPD in Berlin jemals erzielt habe, fasst der SPD-Mann zusammen. Platz fünf – ein Desaster. In der Tat.

Grelle Frisuren, hohe Plateauschuhe, schräge Kleidung. Nach einem kräftigen Regenguss am Nachmittag wirken manche durchnässte Besucher des RAW-Geländes in Friedrichshain wie verlorene Seelen. So gesehen hat sich die SPD mit dem Astra-Kulturhaus, das zu dem chaotisch wirkenden Veranstaltungskomplex abseits der Warschauer Straße gehört, einen guten Ort für ihren Wahlabend ausgesucht.

Traubenzucker für die müde Partei

Die einst so stolze Regierungspartei, die 1963 bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 61, 9 Prozent der Wählerstimmen errang und noch bei der (ungültigen) Wahl 2021 mit 21,4 Prozent Platz 1 eroberte, rangierte bei Umfragen zuletzt abgeschlagen. Und so kommt es dann auch: Mit knapp zwölf Prozent bleibt die SPD noch hinter den Grünen.

Gegen 17.30 Uhr ist der Saal gerade mal halb gefüllt. „Wieder Power“ steht auf den Traubenzucker-Päckchen, die auf den Stehtischen liegen. Die SPD kann es brauchen. Aber ob etwas Zucker reichen wird?

Wirtschaftssenatorin Franzisky Giffey, ab Ende 2021 rund 16 Monate Regierende Bürgermeisterin und 2020 bis 2024 Landesvorsitzende, und Innensenatorin Iris Spranger stehen mit reglosen Mienen im Publikum. Als würden sie ein Urteil erwarten. Das dann wie vorhergesagt kommt.

Wieder Berlin – das hat nicht geklappt. Impression vom Wahlabend der SPD.

Wieder Berlin – das hat nicht geklappt. Impression vom Wahlabend der SPD.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

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Als um 18 Uhr die erste Hochrechnung für Mecklenburg-Vorpommern mehr als 36,5 Prozent für die Manuela Schwesig auf dem Bildschirm erscheint, brandet bewundernder Applaus auf. Der sofort wieder erstirbt, als das noch bessere Ergebnis der AfD bekanntgegeben wurde.

Die Achterbahnfahrt der Gefühle wiederholt sich, als die Hochrechnung für Berlin folgt. Ein lautes „Ooohh“, als das ZDF über das gute Ergebnis der Linken berichtet, und erneut Beifall, als klar wird, dass die AfD hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist und auf Platz drei kommt.

„Wir haben uns alle etwas anderes gewünscht“

Kurz darauf betritt Spitzenkandidat Krach mit dem Landesvorstand die Bühne. Der schlanke Mann im hellgrauen Anzug redet nicht lange um den Brei herum. „Wir haben uns alle etwas anderes gewünscht“, sagt er. Vor 384 Tagen sei er angetreten, „und wir haben gekämpft. Aber wir haben es nicht geschafft, die Berlinerinnen und Berliner von der SPD zu überzeugen“, so der Ko-Landesvorsitzende. „Das tut uns allen weh.“

Die Sozialdemokraten seien in Berlin seit 37 Jahren an der Regierung beteiligt. „Wir waren Jahre und Jahrzehnte die Berlin-Partei.“ Das könne man heute nicht mehr sagen“, sagt Krach. Dieser Wahltag sei eine „Zäsur für die Berliner SPD“.

Keine Lust, jetzt schon über Koalitionen zu sprechen

Der Sozialdemokrat richtet „herzliche Glückwünsche“ an die Linkspartei. Zu möglichen Koalitionen sagt er auf der Bühne nichts: „An so einem Abend ist es zu früh, um über die Zukunft zu sprechen.“

Das wiederholt er gegenüber dem rbb: „Wir sind Teil einer Landesregierung, die nicht überzeugt hat“, sagt Steffen Krach. So kurz nach der ersten Hochrechnung sei nicht der Zeitpunkt, um über Koalitionen zu reden. „Wir haben keinen Regierungsauftrag. Wir sind abgewählt worden“, fasste der Spitzenkandidat zusammen.

Zuletzt sah es so aus, dass SPD trotz allem mit den Grünen ein Königsmacher für den neuen Senat sein wird. Sowohl für die Linke als auch für die CDU wären keine anderen Koalitionspartner in Sicht. Inzwischen droht das Stimmenpolster der beiden möglichen Trios zu schmelzen. Trotzdem bleibt es eine wichtige Frage während des SPD-Wahlabends: Mit wem könnten, mit wem sollten wir zusammengehen?

„Die Berliner SPD kommt wieder“ - aber wie?

Steffen Krach bekräftigt, dass Enteignungen von Immobiliengesellschaften mit den Sozialdemokraten nicht zu machen sei: das Hauptprojekt der siegreihen Linken.

Sven Heinemann, seit 2022 Landesgeschäftsführer der SPD, ist nicht der einzige, der sich ratlos zeigt. Für ein Zusammengehen mit der Linken fehle ihm allerdings derzeit „jede Fantasie“, sagt er. Das könnte daran liegen, dass der Friedrichshainer als Haushaltspolitiker mit der prekären Finanzlage des Landes Berlin bestens vertraut ist.

Die Linke habe Wohltaten versprochen, die in ihrer Summe angesichts eines Haushaltsdefizit von rund sieben Milliarden Euro nicht finanzierbar sein dürften, gibt Heinemann zu bedenken. Auch für ihn als Abgeordneten sei das Ergebnis eine „Katastrophe“: So, wie es sich abzeichnet, werde er dem neuen Parlament nicht angehören. „Wir haben es nicht geschafft, die Wähler zu überzeugen.“

Was hat sie, was wir in Berlin nicht haben? Die frühere Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey versuchte, den Schwesig-Effekt zu erklären.

Was hat sie, was wir in Berlin nicht haben? Die frühere Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey versuchte, den Schwesig-Effekt zu erklären.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Das ist das zweite Thema an diesem Abend: Was hat Manuela Schwesig, was Berliner SPD-Politikerinnen und SPD-Politiker in Berlin offensichtlich nicht haben?

Manuela Schwesig habe einen „Dafür-Wahlkampf“ geführt, keinen „Dagegen-Wahlkampf“, sagt Franziska Giffey, deren Stern in der Partei zuletzt gesunken ist. „Parteien werden gewählt, wenn sie klar machen können, wofür sie eintreten. Auf jeden Fall könne man den Misserfolg nicht auf den Bund schieben.

Die SPD sei bei dieser Wahl geschwächt und abgestraft worden, bilanziert Steffen Krach. „Aber die Berliner SPD kommt wieder.“ Dafür bekommt er im Astra-Kulturhaus lang anhaltenden Applaus. Doch es sieht nicht so aus, als hätte jemand eine Idee, wie das gelingen könnte.

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