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Ich komme aus Dunkeldeutschland.
Also, das war einmal ein ganz harmloser Begriff. Der ist entstanden, weil es im Osten so wenig Glühbirnen und Leuchtstoffröhren gab. Die DDR war eine Mangelwirtschaft. Deshalb gab es kaum Werbung und weniger Straßenlaternen und eines der höchsten Gebote hieß Stromsparen. Manchen Westbesuchern hat das Angst gemacht. Sie standen in den Straßen, rochen die Braunkohlegase aus den Schornsteinen und die Zweitakterabgase aus den Trabis und sahen: Nichts.
Einmal war ich mit einem unterwegs, wir liefen eine Straße entlang; und er fühlte sich beklommen, weil es so dunkel war. Nach einer Weile sagte er: Wollen wir vielleicht dort hinten hingehen? Da ist Licht! Ich führte ihn zur nächsten Kneipe, da beruhigte er sich.
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Ein Bundespräsident kramte das Wort wieder aus
Viele Jahre, nachdem das mit dem Licht behoben und es überall so richtig hell geworden war, heller übrigens, als mir lieb war, kramte ein Bundespräsident das Wort wieder aus. Dieser Bundespräsident teilte sein Land in ein helles und ein dunkles, und das dunkle lehnte er ab. Über sein Amtsverständnis könnte man nachdenken, aber wie auch immer es kam, seither haftet der Begriff Dunkeldeutschland auch dem wieder an, was sich mal die Deutsche Demokratische Republik genannt hatte.
Ich habe das all die Jahre ignoriert. Aber da die Zeiten so stürmisch sind und das Dunkeldeutschland in aller Munde ist, möchte ich doch etwas dazu sagen.
Erstens: Ja, ich mag es, wenn es nicht so hell ist. Solange es geht, stehe ich noch im Herbst morgens auf, ohne das elektrische Licht anzumachen. Ich gehe mit dem schwächer werdenden Tageslicht ins Bad, frühstücke im Morgengrauen. Und wenn es dann doch einfach zu dunkel ist, mache ich nur ganz wenige Lampen an. Oder nur eine Kerze. Ich mag das. Ich kann kein Deckenlicht leiden, das Licht von oben ist der Sonne vorbehalten. Ich freue mich auch, wenn ich einen Sternenhimmel sehe, der nicht von Straßenlaternen aufgebleicht wird. Also ja, Dunkeldeutschland. Meinetwegen.
Doch wie gesagt, heute meint der Begriff ja was anderes. Der dunkle Osten ist der, der noch Nachhilfe braucht. Der vom Autoritären geprägt ist. Dem es an Weltoffenheit fehlt. In dem Ängste und Aggressionen regieren. Der noch viel lernen muss, damit er richtig dazugehört.
Was ich in Dunkeldeutschland gelernt habe
Also zweitens: Das Land, in dem ich großgeworden bin, war keine Demokratie. Aber ich habe in diesem Land gelernt, worauf man wohl achten müsste, wenn man eine Demokratie machen wollte.
Das Land, in dem ich großgeworden bin, hatte es nicht mit der Freiheit. Aber ich habe in diesem Land verstanden, was Freiheit ist.
Das Land, in dem ich großgeworden bin, hatte geschlossene Grenzen. Aber ich habe in diesem Land eine große Neugier auf die ganze Welt entwickelt.
Dieses Land liebte die Indoktrination. Aber es hatte auch Nischen, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.
Das Land bot keinen guten Nährboden für die Wirtschaft. Aber es ist in diesem Land auch nicht alles für Geld verkauft worden.
Das Land gängelte die Rockmusiker. Aber es sind ein paar gute Songs dort entstanden.
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Ein kluger Songtext
Das Land protegierte übrigens einen Mann namens Kurt Demmler, der schlimme Verbrechen beging. Aber dieser Mann hat, auch als Verbrecher, ein paar kluge, poetische Texte geschrieben. In einem der Lieder, für die Kurt Demmler einen Text geschrieben hat, heißt es:
„Es gibt Momente, da stellen sich die Weichen, und selten, und selten von allein. Entscheidungen fallen, die in die Zukunft reichen, und sollen und sollen unsre sein.“
So ist das im Leben. Es besteht aus Licht und Schatten. Und ihr, im hellen Deutschland, wo immer das ist, solltet nicht denken, bei euch sei das anders. Ihr habt mehr Schatten, als ihr denkt.
Ich zünde euch gern eine Kerze an, wenn es euch an Licht gebricht, um den Schatten zu sehen, hier und dort, im Dunklen!
Kenneth Anders, geb. 1969 in Naumburg/Saale, ist promovierter Kulturwissenschaftler. Er arbeitet u. a. als Programmleiter des Oderbruch Museums Altranft und ist Festivalleiter der Provinziale, des Filmfestes Eberswalde. Seine Kolumnen, Essays und Theaterstücke werden im Aufland Verlag veröffentlicht, gerade ist mit „Ich wende mich ab und freue mich auf dies und das und dich und dich“ eine aktuelle Sammlung erschienen.
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