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I. Ein blaues Buch und eine alte Parole
Seit November 2024 liegt in vielen deutschen Wohnzimmern ein Buch mit einem einzigen Wort auf dem Umschlag: „Freiheit“. Angela Merkel blickt darin auf ihr Leben zurück, die Hälfte davon in der DDR. eine glückliche Kindheit, schreibt sie, und zugleich ein Leben, das ständig „auf der Kante“ gestanden habe. Das ist ein leiserer Begriff als jener, mit dem ihre Partei 1976 in den Bundestagswahlkampf zog: „Freiheit statt Sozialismus.“
Fünfzig Jahre nach dieser Parole und sechsunddreißig nach der Einheit lohnt die Frage, ob das „statt“ aufgegangen ist. Ich stelle sie als Sammler und als jemand, der ihn persönlich kannte, an einem Maler, den das vereinte Deutschland lange abgeschrieben hatte und gerade wiederentdeckt: Walter Womacka. Seine Alexanderplatz-Werke und sein Atelierhaus stehen inzwischen unter Denkmalschutz.
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II. Der Gärtnersohn aus Obergeorgenthal
Ich schreibe über Womacka nicht aus der Distanz. Über viele Jahre verband mich mit ihm eine Bekanntschaft, die freundschaftlich wurde. Er und seine Frau trugen dieselben Vornamen wie meine Eltern, Walter und Hannelore, und wie er waren sie aus Böhmen vertrieben worden. Was er in seinen Bildern suchte, kannte ich aus der eigenen Familie.
Womacka wurde 1925 im nordböhmischen Obergeorgenthal geboren, als Sohn eines Gärtners. Nach dem Dienst in der Wehrmacht verlor er mit Kriegsende die Heimat und begann in Braunschweig, Weimar und Dresden neu.
Für diese Generation war der Aufbau im Osten mehr als Parteidoktrin: das Versprechen, dass Armut, Krieg und Vertreibung sich nicht wiederholen. Womacka hat es gemalt und geglaubt. In seinen Erinnerungen „Farbe bekennen“ (2004) nennt er die Mauer hässlich, aber notwendig, weil sie den Frieden gesichert habe. Man muss den Satz nicht teilen, um ihn ernst zu nehmen: Für diesen Mann rangierte Frieden vor Freiheit, weil er erlebt hatte, was sein Fehlen kostet.
Sein bekanntestes Bild, „Am Strand“ (1962), zeigt dieses Ideal ohne Parole. Zwei junge Menschen an der Ostsee, Tochter und Bruder des Malers als Modell, niemand arbeitet, niemand marschiert. Über drei Millionen Drucke, dazu eine Briefmarke in zwölf Millionen Stück.
III. Drei Antworten auf die Entfremdung
Der Maßstab ist älter als beide Staaten: die Entfremdung, die Marx 1844 beschrieb – des Menschen von seiner Arbeit und am Ende von sich selbst. Der Sozialismus trat an, sie aufzuheben; daran musste sich seine Kunst messen lassen.
Womacka malte die Aufhebung: Am Haus des Lehrers zieht sich seit 1964 ein Fries von 125 Metern um das Gebäude, sein Titel: „Unser Leben“. Arbeit, Wissenschaft und Freizeit erscheinen darin versöhnt, der Mensch ist bei sich.
Wolfgang Mattheuer malte das Fortbestehen: Sein Sisyphos-Zyklus (1972–1976) zeigt den Menschen, der den Stein immer wieder hinaufrollt – im Sozialismus. Sein „Jahrhundertschritt“ (1984) schreitet vorwärts und verliert sich zugleich, der Kopf im Rumpf versunken.
Bernhard Heisig malte die Vorgeschichte: Seine Breslau-Bilder kreisen um Krieg, Festung und Untergang, um eine Entfremdung, die mit Gewalt begann, lange bevor ein Staat sie aufheben wollte.
Diese Antworten schließen einander nicht aus. Heisig und Mattheuer konnten ihre Zweifel erst nach der kulturpolitischen Lockerung ab 1971 entfalten; Heisig war 1964 als Rektor abgesetzt worden und kehrte erst 1976 zurück. Womacka hatte seine Utopie schon zu Ulbrichts Zeit ins Stadtbild gesetzt.
Ein Mann steht in der Ausstellung „Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949-1990“, die 2018 im Albertinum zu sehen war, vor den Ölgemälden „Am Strand“ (l.) von Walter Womacka und „Peter im Tierpark“ von Harald Hakenbeck.
© Sebastian Kahnert/dpa
IV. Die zweite Entfremdung
Mit der Einheit kam der Markt. Womackas Wandbilder im Außenministerium der DDR verschwanden 1995/96 mit dem Abriss des Gebäudes. Das Original von „Am Strand“ hängt heute im Albertinum, als Eigentum der Bundesrepublik – das Bild des Staates, den es feierte, im Besitz des Staates, der ihn ablöste.
Auf Auktionen werden seine Gemälde heute mit 1500 bis 8000 Euro geschätzt, Mattheuers Hauptwerke erzielten über 200.000 Euro. Ein Grund ist nüchtern: Womackas Motive wurden millionenfach reproduziert, seine Originale sind weniger knapp. Der andere nicht: Der Abstand urteilt auch darüber, wessen Biografie sich im Westen erzählen ließ – der zweifelnde Mythenmaler ja, der überzeugte Utopist nein.
Ich habe diesen Markt selbst erlebt. Bei der Eröffnung einer Womacka-Ausstellung in einer Galerie am Kupfergraben fragte ich ihn nach einem Bild aus seinem Atelier: einem Bildnis Wilhelm Piecks, etwa zwei mal drei Meter, einst als Geschenk für den Präsidenten in Auftrag gegeben und nie übergeben – zum geplanten Anlass war Pieck nicht mehr Präsident. Womacka nannte 7500 Euro. Ich antwortete: „Ja, Herr Professor, ist ja auch viel Farbe.“ Ein Staatsporträt hatte den Preis seiner Fläche angenommen.
Hier liegt, was ich die zweite Entfremdung nenne: Die Kunst, die im Osten einem Staat dienen sollte, dient nun einem Preis. Das Werk wird vom Sinn getrennt, der es hervorbrachte – genau der Vorgang, den Karl Marx an der Arbeit beschrieb.
Angela Merkel erinnert sich, die offizielle DDR sei für sie „die Inkarnation der Geschmacklosigkeit“ gewesen; kräftige Farben habe sie im Alltag vermisst. Und doch hingen in Millionen Wohnungen ihres Landes die Farben Womackas: Ostsee, Strand, ein freier Sommertag. Auch das gehört zur Erinnerung.
V. Was die Parole dagegenhält
Wer „Freiheit statt Sozialismus“ ernst nimmt, hat zwei Einwände, und ein redlicher Text muss sie aussprechen. Der erste trägt einen berühmten Namen: Georg Baselitz, in den Fünfzigerjahren Student in Weißensee, fügte sich der Doktrin nicht, wurde verwiesen, ging nach West-Berlin und wurde dort weltberühmt. In Womackas Utopie hatte dieser Schüler keinen Platz.
Der zweite Einwand wiegt schwerer, weil er Womacka selbst betrifft. Am 27. August 1968 stimmte er im Neuen Deutschland öffentlich dem Einmarsch in die Tschechoslowakei zu – in das Land seiner Kindheit. Der Friedenswunsch des Vertriebenen und die Zustimmung zu Panzern in Prag stehen in derselben Biografie.
Beides widerlegt nicht, dass Womacka seine Friedensutopie ernst meinte. Es zeigt, wo sie endete: dort, wo der Staat, der sie verkörpern sollte, Freiheit unterdrückte. Mattheuer zog 1988 die Konsequenz und trat aus der SED aus. Womacka zog sie nie.
Brunnen der Völkerfreundschaft am Alexanderplatz, entworfen von Womacka in den Jahren 1969/70
© Sabine Gudath/Imago
VI. „Wir sind das Volk“ – „Wir sind ein Volk“
Dieser Herbst ist ein anderer als die bisherigen. Am 6. September erhielt die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent der Stimmen, am 20. September wurde sie in Mecklenburg-Vorpommern mit 38,2 Prozent stärkste Kraft; die CDU verpasste dort erstmals den Landtag. Und doch heißt es am Tag der Einheit wieder: „Wir sind ein Volk.“
Dabei hieß es im Herbst 1989 zuerst „Wir sind das Volk“. Das war ein Satz gegen eine Obrigkeit, gesprochen von Menschen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollten. Erst Wochen später wurde daraus „Wir sind ein Volk“. Die Erzählung der Einheit hat den ersten Satz unter dem zweiten begraben. Diese Glättung rächt sich nun.
Denn die Prägung von vierzig Jahren verschwindet nicht mit einem Beitritt. Wer in der DDR aufwuchs, kannte vieles nicht, was Freiheit ausmacht – aber auch vieles nicht, was Angst macht: um die Arbeit, die Wohnung, die Behandlung im Krankheitsfall. Diese Sicherheit war teuer erkauft, mit Mauer und Bevormundung. Aber sie hat eine Wertung hinterlassen, in der Geld nicht das letzte Wort hat. Womackas Bilder sind der sichtbare Rest davon.
Wer dort die AfD wählt, sucht nach meiner Überzeugung nicht das Programm dieser Partei, sondern das verlorene Gefühl, als Volk gemeint zu sein statt gebraucht zu werden. Dass eine Partei es einsammelt, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist, ist der eigentliche Befund dieses Herbstes. Aus „Wir sind das Volk“ ist nicht „Wir sind ein Volk“ geworden, sondern: Wir sind das benutzte Volk – benutzt erst von einem Staat, dann vom Markt, jetzt von einer Partei.
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VII. Freiheit als Frage
„Freiheit statt Sozialismus“ setzte 1976 zwei Dinge gegeneinander, als könne man das eine nur ohne das andere haben. Die Einheit hat die politische Frage entschieden, und das zu Recht: Ohne Demokratie, schreibt auch Merkel, gibt es keine Freiheit.
Die Frage nach der Entfremdung aber hat sie nicht erledigt. Sie hat ihr Gewand gewechselt – vom Plan zum Preis, vom Auftrag zum Zuschlag. Ein Bild, das einst Millionen Wohnungen schmückte, gilt heute als Ware mit überschaubarem Wert. Das Mosaik am Alexanderplatz zeigt dagegen jeden Tag, dass Kunst etwas sein kann, das allen gehört.
Vielleicht ist das die Lehre: Freiheit ist kein Zustand, den man erklärt, sondern eine Frage, die man offenhält. Merkel beschreibt sie als die Möglichkeit, weiterzugehen. Womacka träumte von einer Welt, in der niemand mehr gehen muss. Was ein Land in diesen Bildern wiederentdeckt, ist vielleicht dasselbe, was es in diesem Herbst an der Wahlurne gesucht hat: das Gefühl, gemeint zu sein.
Walter Womacka wäre am 22. Dezember 2025 hundert Jahre alt geworden. Er hat die Einheit zwanzig Jahre als Abgeschriebener erlebt, seine Wiederentdeckung nicht mehr. Ich kannte ihn als einen, der an eine bessere Welt glaubte, mit allen Irrtümern eines solchen Glaubens. Wer seine Bilder heute wieder ansieht, ehrt keinen Staat. Er ehrt einen Vertriebenen aus Böhmen, der den Frieden malte, weil er wusste, was sein Fehlen kostet.
Hans Christian Rehak-Isenring ist Orthopäde im Ruhestand. Er kannte Walter Womacka über viele Jahre persönlich und sammelt Kunst aus der DDR, darunter Werke Womackas. Er lebt in Zürich und Wien.
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