Sicherheit

„Das liegt an Migration, definitiv“: Alina Beyer über Berlins Unsicherheit

Alina Beyer hielt es in Berlin nicht mehr aus. Jetzt schreibt sie über Belästigung, Kriminalität und Migration – und darüber, was die Politik versäumt.

9 Min
Die Journalistin und Autorin Alina Beyer am Alexanderplatz in Berlin.

Die Journalistin und Autorin Alina Beyer am Alexanderplatz in Berlin.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Berlin hat gewählt, doch eine Frage aus dem Wahlkampf ist geblieben: Wie sicher ist die Hauptstadt? Die Linke wurde am 20. September mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. Bei den Gesprächen mit Grünen und SPD geht es auch um organisierte Kriminalität – ein Thema, mit dem sich Alina Cara Beyer seit Jahren beschäftigt. Darüber schreibt sie in ihrem Buch „Unsicher in der eigenen Stadt – Warum Politik und Gesellschaft versagen – und wir handeln müssen“.

Die Journalistin verbindet darin persönliche Erlebnisse mit Recherchen über Kriminalität, Migration, Drogen und den Zustand deutscher Städte. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erzählt sie über Angst in der U-Bahn, den Görlitzer Park, Migration – und darüber, warum Beyer Berlin schließlich verlassen hat.

Journalistin und Autorin Alina Beyer: „Man hat das Gefühl, es funktioniert einfach alles in Berlin nicht.“

Journalistin und Autorin Alina Beyer: „Man hat das Gefühl, es funktioniert einfach alles in Berlin nicht.“

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Frau Beyer, Sie haben fünf Jahre in Berlin gelebt. Warum sind Sie gegangen?

Ich war fünf Jahre da, vor allen Dingen aus beruflichen Gründen. Und ich habe mitbekommen, wie sich in dieser Zeit die Stadt zum Schlechteren verändert hat. Zum Beispiel hat das Thema Belästigung massiv zugenommen, aber eben auch das Drogenelend. Man kann gar nicht mehr aus der Bahn aussteigen, ohne damit konfrontiert zu werden.

Das hat mir auf der Seele so wehgetan: zu sehen, dass das so zugelassen wird, dass nichts dagegen getan wird. Und es gibt Möglichkeiten, etwas gegen Kriminalität zu unternehmen.

Zur Person
Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Zur Person

Alina Cara Beyer, Jahrgang 1995, ist Journalistin, Autorin und Moderatorin. Sie lebte fünf Jahre in Berlin und pendelt weiterhin zwischen Europa und dem Nahen Osten. Hauptsächlich lebt sie heute in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien.

Ihr journalistischer Schwerpunkt ist die innere Sicherheit. In ihrem 2026 erschienenen Buch „Unsicher in der eigenen Stadt“ beschäftigt sie sich mit Kriminalität, Migration und dem Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum.

Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie gemerkt haben: So möchte ich nicht mehr leben?

Eine der schlimmsten Situationen war vor zwei Jahren. Es war mitten im August, warm, aber ein regnerischer Abend. Ich war auf dem Weg nach Hause und sehe, wie ein Auto angerollt kommt. Die Person hat das Fenster runtergemacht und versucht, mit mir ins Gespräch zu kommen.

Dann habe ich gesagt: „Geh weg, ich will das nicht. Lass mich in Ruhe.“ Der Fahrer fuhr mir trotzdem weiter hinterher, sodass ich richtig Todesangst bekommen habe. Ich dachte, ich werde jetzt entführt, vergewaltigt, und bin losgerannt.

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Ihr Buch heißt „Unsicher in der eigenen Stadt“. Gilt das für jede Stadt in Deutschland oder ist das ein reines Großstadtproblem?

Es ist beides unschön. Aber in Großstädten gibt es eine rasantere Abwärtsspirale.

Woran liegt das?

Das liegt an Migration, definitiv. Es liegt aber auch an – das haben mir die Kriminologen gesagt – einer steigenden Zahl von Menschen, die sogenanntes „Schnittstellenklientel“ sind. Das sind Menschen, die mehrere Probleme auf einmal haben. Die zum Beispiel Psychosen oder Schizophrenie und gleichzeitig eine Suchterkrankung haben. Drogen- und Alkoholmissbrauch kommen sehr oft zusammen.

Und diese Menschen sind absolut unberechenbar. Davon haben wir eine steigende Anzahl, bei der tatsächlich niemand so genau weiß, wie man mit ihnen am besten umgeht.

Sie sprechen Migration sehr direkt als Ursache an. Welche Rolle spielt sie nach Ihren Recherchen?

Wir sehen in der Kriminalität, dass Ausländer überrepräsentiert sind, proportional zu ihrer Anzahl in der Bevölkerung. Das deckt sich, ehrlich gesagt, mit meiner eigenen Erfahrung. Gerade das Thema Belästigung, was mir leider sehr oft passiert ist: Das sind sehr oft Menschen mit Migrationshintergrund. Also eigentlich fast immer.

Dann gibt es noch eine weitere Gruppe. Das sind diese Pick-up-Artists, so würde ich die nennen, die sich im Internet anschauen, wie man eine Frau anspricht. Das versuchen sie nachzumachen, indem sie sich einer Frau in den Weg stellen oder sie anfassen und nicht mehr loslassen.

Aber die Intensität, würde ich sagen, kommt schon eher aus diesem Flüchtlingsbereich.

Das ist eine Aussage, die gerade im linken politischen Spektrum auf Widerspruch stößt. Welche Reaktionen erleben Sie?

Genau deswegen war es mir stets wichtig, zu recherchieren. Am Anfang gehe ich sehr intensiv auf die ganzen Zahlen ein.

Und dann gibt es eigentlich zwei Gruppen an Kritikern. Entweder volle Zustimmung – und fast jede Frau kann dann noch eine Geschichte erzählen, die in eine ähnliche Richtung geht – oder eben diese komplette Ablehnung.

Jene Menschen halten dagegen mit Aussagen wie: „Ja, aber die Mordrate ist ja gar nicht gestiegen, sondern gesunken“, ohne die Verhältnisse zu beachten. Dann sage ich: Ist ja okay, dass sie meine Kritik nicht hören wollen, aber es ist das, was nicht nur ich erlebe und, wohlbemerkt, mit Zahlen belege.

Alina Beyer im Interview mit der Berliner Zeitung zu ihrem Buch „Unsicher in der eigenen Stadt.“

Alina Beyer im Interview mit der Berliner Zeitung zu ihrem Buch „Unsicher in der eigenen Stadt.“

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Warum wollen manche das Ihrer Meinung nach nicht hören?

Wenn man sehr lange ein bestimmtes Weltbild vertreten hat, dann tut es natürlich auch seelisch weh, wenn dieses Weltbild infrage gestellt wird.

Wo beginnt für Sie die Pauschalisierung von Migranten?

Ich finde es spannend zu sehen, dass jemand, der in Deutschland geboren ist, sich trotzdem nicht mit Deutschland identifiziert. Und ich glaube, diese Entwicklung hat man in der Migrationspolitik viel zu lange nicht berücksichtigt.

Das geht teilweise zwei, drei Generationen zurück. Menschen, die aus Palästina ausgewandert oder geflohen sind, deren Eltern schon hier geboren sind, sehen sich trotzdem als Palästinenser, obwohl sie schon seit zwei Generationen deutsch sind.

Ich selbst erwarte gar nicht, dass Menschen, die in Deutschland leben, sich mit Deutschland so direkt identifizieren. Aber ich erwarte, dass sie sich an unsere Gesetze halten.

Sie kritisieren auch die Prioritäten der Berliner Politik. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Zum Beispiel, dass man die Stadt inklusiver gestalten will. Wie sieht das Ergebnis aus? Ungefähr so: Statt zu sagen: „Okay, dann schaue ich mir die Bahnhöfe an“, die teilweise nicht barrierefrei sind. Das bedeutet: Menschen im Rollstuhl, Menschen, die nicht gut laufen können, Frauen mit Kinderwagen – die kommen nicht richtig von A nach B, obwohl wir die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen sollen.

An all das geht man eher nicht ran, aber man fokussiert sich auf gendergerechte Toiletten. Das passt für mich nicht zusammen.

Sie schreiben auch über den öffentlichen Raum. Warum nennen Sie ausgerechnet U7 und U8 als Problemlinien?

Ich finde, es ist jedes Mal ein richtiges Abenteuer, in die U-Bahn einzusteigen. Bei den Menschen, denen man da begegnet, ist von Belästigung bis hin zum penetranten Anstarren alles möglich. Ich habe schon alles gesehen. Männer, die Schattenboxen machen – das ist das Ausführen von Schlag- und Bewegungstechniken in die Luft. Menschen, die einfach laut Musik spielen. Alles ist dreckig, voller Kaugummis, Müll, Erbrochenem.

Ich finde es wirklich schlimm. Und Berlin ist die Hauptstadt – das sollte eigentlich das Aushängeschild von Deutschland sein.

Auch der Görlitzer Park bleibt ein Sicherheitsstreitpunkt. Sie haben sich für eine nächtliche Schließung ausgesprochen. Warum?

Ich fand das eine massive Erleichterung, als der Görlitzer Park nachts abgesperrt worden ist. Wir haben auch gesehen, die Kriminalität ist nach unten gegangen. Dann haben fünf Anwohner, die geklagt haben, ausgereicht, um das Ganze rückgängig zu machen.

Alles, was Berlin anfasst, funktioniert irgendwie nicht. Und das ist tatsächlich auch regierungsübergreifend. Es macht eigentlich gar keinen Unterschied, wer gerade regiert. Man hat das Gefühl, es funktioniert einfach alles in Berlin nicht.

Persönliche Erfahrungen, Zahlen und Recherchen: In ihrem Buch geht Alina Cara Beyer der Frage nach, warum sich Menschen in deutschen Städten zunehmend unsicher fühlen.

Persönliche Erfahrungen, Zahlen und Recherchen: In ihrem Buch geht Alina Cara Beyer der Frage nach, warum sich Menschen in deutschen Städten zunehmend unsicher fühlen.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Sie beschreiben Unsicherheit auch als Einschränkung Ihrer persönlichen Freiheit. Wie sehr bestimmt das Ihren Alltag?

Ich fühle mich in Deutschland und gerade explizit in Berlin sehr in meiner Freiheit eingegrenzt. Ich plane meinen Alltag extrem danach: Wo kann ich langlaufen, dass ich mich halbwegs sicher fühle? Und ich gehe nach einer gewissen Uhrzeit nicht mehr aus dem Haus.

Das betrifft leider nicht nur mich. Da gibt es ganz klare Zahlen dazu, dass sowohl Männer als auch Frauen ein immer stärkeres Vermeidungsverhalten an den Tag legen.

Und das bedeutet in der letzten Konsequenz auch, dass uns ein extremes ökonomisches Potenzial verloren geht. Wenn Menschen sagen: „Ich nehme den Job nicht an, weil ich abends durch eine unsichere Gegend laufen muss“, dann ist es eine massive Freiheitseinschränkung.

Wenn Sie drei Dinge in Berlin sofort ändern könnten – welche wären es?

Die Bahnhöfe. Dort würde ich auch ein Bettelverbot einführen. Obdachlose Menschen brauchen Unterkünfte und Hilfe, suchtkranke Menschen betreute Konsumräume. Die Bahnhöfe dürfen dafür kein Ersatz sein. In der Schweiz gibt es dafür Ansätze, an denen man sich orientieren könnte.

Dann würde ich alles daransetzen, den Görlitzer Park und auch weitere besonders belastete Parks nachts zu schließen. New York ist ein Beispiel dafür, wie man Parks, die Drogen- und Gewalt-Hotspots waren, wieder sicherer gestalten kann.

Und dann würde ich das Thema Beleuchtung angehen. Wo die Straßenbeleuchtung aus Spargründen heruntergefahren wurde, sollte man das rückgängig machen.

Alina Beyer: „Berlin ist die Hauptstadt – das sollte eigentlich das Aushängeschild von Deutschland sein.“

Alina Beyer: „Berlin ist die Hauptstadt – das sollte eigentlich das Aushängeschild von Deutschland sein.“

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Sie haben Berlin inzwischen verlassen. War das letztlich die Konsequenz daraus, dass Sie der Politik keine schnelle Veränderung mehr zutrauen?

Das ist etwas, was man bei der Politik regelmäßig erlebt: Es passiert etwas, dann ist die Aufregung groß, es werden harte Konsequenzen gefordert. Und dann passiert einfach nichts.

Man kann für sich selbst entscheiden, ob man einen Weg findet, damit umzugehen und damit zu leben – oder ob man die Stadt verlässt.

Das finde ich schade. Denn Berlin ist an sich eine großartige Stadt, reich an Geschichte. Aber wenn Menschen den öffentlichen Raum verwahrlosen lassen, andere belästigen oder Gewalt ausüben, geht ein Stück dieser Stadt verloren. Und ich habe den Eindruck, dass die Politik das viel zu oft einfach geschehen lässt.

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