Haben Sie am letzten Freitag auch etwas in den Medien vermisst? Zum 25. Jahrestag der Ereignisse des 11. September wurde uns das offizielle Narrativ der Anschläge auf das World Trade Center wieder aufgewärmt: 19 islamistische Attentäter mit Teppichmessern, vier entführte Flugzeuge, zwei davon krachen in die Zwillingstürme, die Feuer fangen und einstürzen. Osama bin Laden, al-Qaida, „War on Terror“. Die Bilder gingen damals und nun am vergangenen Freitag wieder um die Welt.
Die Leitmedien haben uns Erinnerungen und Zusammenfassungen dieses Tages geliefert, ohne zu erwähnen, dass sich um die Ereignisse von 9/11 mehr Fragezeichen türmen als Gewissheiten. Das Thema ist in keiner Weise abgeschlossen oder fertig erzählt. Wir erwähnen hier exemplarisch nur drei von vielen offenen Sachverhalten:
Warum WTC 7 überhaupt zusammengestürzt?
1) Noch immer gibt es keine plausible Erklärung, warum WTC 7, das dritte Hochhaus, in sich zusammengestürzt ist, obwohl in dieses Gebäude kein Flugzeug geflogen ist. Im Fernsehen war von diesem dritten Zusammensturz praktisch nichts zu sehen und selbst 25 Jahre später weiß ein Großteil der Bevölkerung nicht, dass an diesem Tag drei und nicht zwei Wolkenkratzer eingestürzt sind. Auch im Abschlussbericht der 9/11-Kommission wird dieses Gebäude nicht erwähnt. Eine Studie der Universität Fairbanks aus dem Jahr 2020 besagt, dass Feuer den dritten Wolkenkratzer „definitiv nicht“ zum Einsturz bringen konnte.
2) In der Live-Berichterstattung des Tages haben zahlreiche Zeugen vor Ort von Detonationen und Sprengungen gesprochen, die hintereinander zu hören waren (https://www.youtube.com/watch?v=4QQHhc1OH54 ab Minute 1:10). Schon am nächsten Tag tauchte diese mögliche Erklärung in den Medien nicht mehr auf, obwohl es vielen Architekten und Ingenieuren zufolge die plausibelste Begründung für den Zusammensturz der Türme ist.
3) Thomas Kean, der Vorsitzende der 9/11-Kommission beklagte sich Jahre später nach Veröffentlichung des Abschlussdokuments, dass ihre Untersuchung „zum Scheitern verurteilt“ war, unter anderem wegen politischer Voreingenommenheit und weil die Kommission zentrale Beweisstücke aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht einsehen konnte.
Nur diese drei Punkte machen deutlich, dass die Geschichte, die uns von offiziellen Stellen erzählt wird, im besten Fall nur ein Teil der Wahrheit sein kann. Doch der Mythos 9/11 sitzt auch nach 25 Jahren fest im Sattel. Jeder, der das Regierungsnarrativ hinterfragt, bekommt das Label „Verschwörungstheoretiker“ verpasst.
Voneinander getrennte Welten
Ja, es kursieren krude Theorien in den Truther-Foren und sozialen Medien. Doch gelernte Journalisten sollten die Fähigkeit und den Ehrgeiz haben, zwischen belegbaren Fakten und Geraune zu unterscheiden. Wer alles und jeden, der Ungereimtheiten aufzeigt, in die Kategorie „verächtlich“ einsortiert, liefert der Wahrheitsfindung einen Bärendienst und fördert die Spaltung der Gesellschaft. Denn 9/11 hat nicht nur in journalistischer Hinsicht Welten voneinander getrennt.
Uns interessiert hier mehr die Frage, warum die Kommunikation über die Ereignisse so schwer ist, und warum die Mehrheit der Journalisten einen großen Bogen um das Thema 9/11 macht. Diese Kommunikationshindernisse betreffen beide Seiten der Theorien- und Auseinandersetzungsfront. Ebenso betrifft es jene, die keine Meinung dazu haben und mit dem ganzen Thema nichts zu tun haben wollen wie auch jene, die vehement und stark emotional aufgeladen ihre Theorien verteidigen und sich im Kampf mit allen anderen sehen.
Unser Autor
Unser Co-Autor
Menschen, die an Theorien über Verschwörungen glauben, wird häufig vorgeworfen, sie würden damit Komplexität reduzieren, um sich ein einfaches Weltbild zu schaffen. Im Fall des 11. September 2001 scheint es uns allerdings genau umgekehrt.
Wenn man an die offizielle Version glaubt und einzig die Terroristen in Westasien für die Anschläge verantwortlich macht, bleibt die Dichotomie zwischen gut und böse erhalten. Die Fronten bleiben klar getrennt. Die Guten sitzen im Westen, verteidigen Demokratie und Freiheit und das Böse ist in der Ferne und bekämpft moderne und progressive Werte. Das macht zwar Angst, erhält aber ein einfaches Weltbild am Leben.
Glaube man daran, dass die Türme professionell gesprengt worden sind, dann öffnet sich plötzlich ein ganz anderes Tor für wesentlich verstörendere Erklärungsmöglichkeiten und Notwendigkeiten. Da wohl kaum vorstellbar ist, die Terroristen hätten die Sprengsätze in den Hochhäusern platziert, braucht es Hintermänner und Teilhabe irgendeiner Instanz.
25 Jahre nach 9/11: Warum Verschwörungstheorien den eigentlichen Skandal verdecken
Der 11. September 2001: Chronologie eines Tages, der die Welt veränderte
Lassen wir den Gedanken zu, ein Teil derer, die regieren, besitzt die Grausamkeit, ein derartiges Ereignis zu planen und die Rücksichtslosigkeit, es dann auch noch durchzuführen. Plötzlich gibt es keine klare Trennung mehr zwischen gut und böse. Plötzlich scheint das Böse mitten unter uns. Zu diesen beunruhigenden Annahmen kommt hinzu, mit dieser Meinung in der Gesellschaft nicht mehr willkommen zu sein.
Die Psychologie der Verschwörungsleugner
Es gibt vielfältige Gründe warum sich Menschen nicht für neue Perspektiven öffnen. Die Psychotherapeutin Frances Shure hat sich detailliert mit der Psyche der Menschen beschäftigt, die über alternative Theorien zum 11. September 2001 schweigen oder sie bekämpfen. Ihre Arbeit ist weitgehend unter dem Radar der Leitmedien geblieben.
Zum einen ist es komfortabel Verschwörungen auszuschließen, denn dadurch wird die Unannehmlichkeit der kognitiven Dissonanz umgangen. Wir wissen alle, wie unangenehm es sein kann, bekanntes in Frage stellen zu müssen. In vielen Fällen liegt dem Leugnen alternativer Erklärungstheorien verschiedene Facetten der Angst zu Grunde:
+ die Angst, unsere Welt könnte sich auf den Kopf stellen
+ die Angst, wir könnten von Emotionen überwältigt werden
+ die Angst, wir müssten unser Leben verändern
+ die Angst vor der Erkenntnis, die Welt könnte kein sicherer Ort sein
+ die Angst davor, unser professioneller Ruf könnte geschädigt werden
+ die Angst, von Freunden und Familie abgewiesen und verstoßen zu werden
+ die Angst, wir könnten unseren Regierenden nicht mehr vertrauen
+ die Angst davor, sich lächerlich zu machen, weil man so lange der offiziellen Version Glauben geschenkt hat
25 Jahre danach: Immer sond noch viele Fragen offen
© Walid Ibrahim/imago
Zu den psychischen Dynamiken, die Menschen daran hindern, an alternative Theorien zu glauben, gehört die Tendenz, Autoritäten zu folgen und die Tendenz, sich konform gegenüber einer etablierten Gruppenmeinung zu verhalten. Konformität kann sich bis zu „Groupthink“ (Gruppendenken) zuspitzen. Das ist die Neigung der Mitglieder einer Gruppe, sich der vorherrschenden Meinung anzupassen und Druck auszuüben, um alternative Ansichten zu unterbinden. Diese Dynamiken führen zu einem überhöhten Gefühl der Gewissheit und haben oft irrationale und entmenschlichende Handlungen gegenüber Andersdenkenden zur Folge. In der Coronazeit haben Ungeimpfte dies alltäglich gespürt und sind dadurch teilweise bis heute traumatisiert.
Viele dieser Tendenzen verstärken sich gegenseitig und führen so zu einer Spirale der Stille auf Seiten jener Menschen, die selbst eigentlich anderer Meinung sind.
Staatsverbrechen gegen die Demokratie
Es gibt zudem Bedingungen, die es erleichtern, alternativen Theorien über die Ereignisse vom 11. September Gehör zu schenken. Haben die Rezipienten zuvor schon Kenntnisse über andere Staatsverbrechen gegen die Demokratie (SCADs, State Crimes Against Democracy), fällt es leichter, sich auf eine alternative Theorie zum 11. September einzulassen. Zu diesen SCADs gehören etwa die Iran-Contra-Affäre, der Tonkin-Zwischenfall oder Operation Northwoods.
Der Widerstand, eine andere Theorie als die offizielle Version über die Ereignisse des 11. September zuzulassen, kann auch mit dem Zustand des Nervensystems zusammenhängen. Haben Menschen traumatische Kindheitserfahrungen erlebt, zu denen nicht nur Schocktrauma, sondern auch Entwicklungstraumata zählen – also eine tiefgreifende seelische Verletzung, die aus einem langen Prozess von Unterdrückung, gefühlter Hilflosigkeit oder Gewalt entsteht – können neue, verstörende Ereignisse eine Retraumatisierung auslösen. Davor will man sich instinktiv schützen.
Christoph Krüger, Heilpraktiker für Psychotherapie, macht in seiner Arbeit deutlich, dass es auch bei weniger drastischen Ereignissen zu Traumatisierungen kommen kann, wenn das Individuum etwas als bedrohlich wahrnimmt, keine Fluchtmöglichkeiten hat und sich die Überzeugung entwickelt, nicht richtig, nicht gut oder nicht erwünscht zu sein.
Der Verweis auf andere Informationen bei einem derart emotional aufgeladenen Thema wie dem 11. September, kann in Menschen schnell einen dissoziativen Zustand auslösen. Sie schützen sich dann automatisch, indem sich ihr Bewusstsein abschaltet. Das kann man etwa erkennen an einer Veränderung der Körperhaltung mit eingesunkenen Schultern oder einem abwesenden Blick.
In einem Moment, in dem eigentlich ein Ausdruck von Emotionen als normalere Reaktion gelten würde, ist der Mensch also emotional distanziert. Es ist verständlich, dass dann unmittelbar Abwehrreaktionen wie Vermeidung, Resignation oder Apathie folgen. Bevor hier keine individuelle Heilung ermöglicht wird, ist jeder Versuch, einer derart traumatisierten Person Beweise für eine andere Erzählung über den 11. September logisch zu erklären, zum Scheitern verurteilt.
Die Psychologie der Verschwörungstheoretiker
Im Lager der sogenannten Verschwörungstheoretiker ist wichtig zu unterscheiden zwischen absurden Verschwörungen und jenen die sich zunächst als Mangel an Informationen darstellen. Im Allgemeinen bezeichnen wir es gemeinhin als Nachrichten, wenn genügend Fakten über eine Verschwörung vorliegen – siehe Epstein-Files oder NSA-Skandal. Doch die Übergänge können fließend sein. Es gibt gewisse Bedingungen von Menschen, an absurde Verschwörungen zu glauben.
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Da Verschwörungstheorien häufig Komplexität reduzieren, kann es Menschen Struktur und Halt in einer immer komplexer werdenden Welt geben. Zugleich ermöglichen sie dem Individuum, seiner Individualität Ausdruck zu verleihen. Wer sich als Hüter des eigentlichen Wissens sieht, kann sich über die Masse emporheben, argumentiert Kommunikationswissenschaftler Jöran Klatt. Die häufige Entkoppelung von allzu strikter Beweisführung und Belegbarkeit gibt den Gläubigern eine Art Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung wieder.
Im Dunstkreis der Verschwörungstheorie sagt einem dann niemand mehr, was man glauben darf, alles erscheint plötzlich möglich. Es gibt einem die Freiheit im Denken wieder. Einmal in einer tiefen Theorie gefestigt, kann der Eindruck entstehen, man sei schon deshalb im Recht, „weil man in Opposition zu allgemein anerkannten Lehrmeinung steht – genauso wie Galileo“, erklärt Klatt.
Eines der wichtigsten Argumente, warum Menschen in Verschwörungsglauben verfallen, ist sicher auch darin begründet, dass es häufig hilft, die eigene Verantwortung am Weltgeschehen zu negieren. Wenn alles vorher bestimmt ist oder durch eine nahezu allmächtige Gruppe gesteuert wird, dann bringt es sowieso nichts, dagegen etwas zu unternehmen. Diese Begründung kann dazu missbraucht werden, keine Verantwortung für die Situation der Welt zu übernehmen und sich nicht aktiv für eine Veränderung einzusetzen.
Konstruktiv miteinander Reden
Erst wenn wir diese psychischen Dynamiken verstanden und integriert haben, können wir konstruktiv über die Ereignisse des 11. September reden und neue Erkenntnisse gewinnen, die dann auch eine gesellschaftliche Entwicklung herbeiführen können. Wenn aber die psychischen Verwicklungen der Beteiligten komplexer und intransparenter sind als das Thema, über das gesprochen wird, ist ein Erkenntnisgewinn wenig wahrscheinlich.
In der Praxis bedeutet dies, wir müssen lernen, viel langsamer zu diskutieren, viel mehr zu spüren ob wir gerade noch in einem konstruktiven Austausch oder schon in emotionalen Triggern gelandet sind. Es ist noch ein Weg bis dahin, aber er ist es wert ihn zu gehen. Dieser Weg führt wieder mehr zu Verbindung zwischen den Menschen, hin zur Erkenntnis und weg von Polarisierung und Abspaltung. Vielleicht liest sich dann die Geschichte des 11. Septembers 2001 in zehn Jahren anders als heute.
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