In der Atacama-Wüste in Nordchile liegt Schnee, auf einer Fläche von den Anden bis fast an den Pazifik. Nasa-Satelliten haben dieselbe Stelle binnen acht Tagen zweimal fotografiert, einmal braun, einmal weiß. In der Provinz Tocopilla gilt der Katastrophenzustand, ein Mensch starb.
Nasa-Satellit fotografiert: acht Tage zwischen Fels und Schneedecke
In Teilen der Atacama ist seit Jahrhunderten kein Regen gemessen worden. Ausgerechnet dort liegt jetzt Schnee.
Am 6. August fotografierte der Satellit Landsat 8 das Chajnantor-Plateau in den chilenischen Anden: brauner Fels, Vulkane, in der Mitte ein etwas hellerer Fleck. Am 14. August nahm Landsat 9 dieselbe Stelle auf. Alles weiß.
Der helle Fleck war verschwunden. Er markiert eines der größten Radioteleskope der Welt.
Wie groß die Sache war, zeigte fünf Tage später der Satellit Terra. Sein Bild vom 19. August zeigt eine Schneedecke, die sich von den Anden westwärts über den trockensten Teil der Wüste schiebt, bis kurz vor die Küste südlich der Hafenstadt Antofagasta.
Schnee gab es hier auch 2025 und 2011. Neu ist die Fläche, wie das Nasa Earth Observatory schreibt. Lange bleibt er nicht liegen, die Höhensonne räumt ihn binnen Tagen bis Wochen ab.
Überlebensmodus auf 5000 Metern: 90 km/h und minus 7,9 Grad
Das Alma-Observatorium mit seinen 66 Antennen steht dort oben, weil es dort praktisch nie regnet. Genau das wurde zum Problem.
Am 12. August stellte die Anlage den Betrieb ein, am 18. August erneut. Die Antennen wurden aus dem Wind gedreht, damit sich kein Schnee in den Schüsseln sammelt. Überlebensmodus nennen die Betreiber das.
Gemessen wurden minus 7,9 Grad und Böen um 90 km/h. Auch Observatorien näher an der Küste pausierten.
Tocopilla: 30 Millimeter Regen bei fünf Millimetern im Jahr
Wo es nicht schneite, regnete es. Die Küstenstadt Tocopilla mit ihren rund 30.000 Einwohnern bekam binnen weniger Stunden etwa 30 Millimeter ab. Der Jahresdurchschnitt der Region liegt bei fünf.
Das Wasser sammelte sich in den Trockentälern oberhalb der Stadt und kam als Schlammlawine zurück. Straßen wurden zu braunen Flüssen, Autos trieben ab, das Krankenhaus stand unter Wasser und musste die Dialyse einschränken.
Die Katastrophenschutzbehörde Senapred zählte 580 Betroffene, 1166 Menschen in Notunterkünften, drei Verletzte und einen Toten. Präsident José Antonio Kast verhängte am 18. August den Verfassungszustand der Katastrophe über die Provinz, wenige Tage später erklärte das Innenministerium drei komplette Regionen zum Katastrophengebiet.
Der Schnee schmilzt in Tagen. Der Wiederaufbau läuft bis heute.
Weiter südlich, in Taltal, fielen in drei Tagen knapp 40 Millimeter. Das Zehnfache eines normalen Jahres.
69 Prozent: Warum dieser El Niño alle Rekorde schlagen könnte
Warum regnet es überhaupt in einer Wüste? Der Auslöser heißt Kaltlufttropfen, ein Höhentief, das sich vom Jetstream löst und nach Norden treibt. Fast der gesamte Winterniederschlag Nordchiles stammt aus solchen Systemen.
Der Tropfen von Ende August löste sich aus einem ungewöhnlich großen Trog, der von der Südspitze des Kontinents bis in die Subtropen reichte. Dazu kam feuchte Luft vom Pazifik. „Solche Ereignisse sehen wir nur wenige Male pro Jahrzehnt, wenn überhaupt", sagt René Garreaud, Atmosphärenforscher an der Universität von Chile, dem Nasa Earth Observatory.
Den Hintergrund liefert El Niño. Dann schwächelt das subtropische Pazifikhoch, das Nordchile sonst trockenhält, und die Zugbahnen der Tiefs rutschen Richtung Äquator.
Die US-Klimabehörde Noaa gab am 13. August über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis an. Für Oktober bis Dezember beziffert sie die Chance auf 69 Prozent, dass dieser El Niño stärker ausfällt als jedes gemessene seit 1950.
Auch in Deutschland wird deshalb gerechnet. Dort geht es um die Frage, ob der Winter 2026/27 mild oder kalt wird.
15.000 Quadratkilometer Blüten: Die Wüste färbt sich ab September
Der Regen hat eine zweite Folge, und die sieht freundlicher aus. Im Boden der Atacama liegen Samen und Zwiebeln von mehr als 200 Pflanzenarten und warten oft jahrelang auf Wasser.
Kommt genug davon, blüht die Wüste. „Desierto florido" nennen die Chilenen das.
Die Forstbehörde Conaf rechnet für diese Saison mit bis zu 15.000 Quadratkilometern Blühfläche. Das ist rund 17-mal Berlin.
Zu sehen sein soll das Farbenmeer in Huasco, Freirina, Vallenar, Caldera, Copiapó und Chañaral. Die ersten Blüten werden in der ersten Septemberwoche erwartet, der Höhepunkt in der zweiten Oktoberwoche, das Ende im November.
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