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Frieden auf Erden
Welch unglaubliche Verheißung, die die Engel über den Feldern von Bethlehem verkünden. Und Klarheit umleuchtet die Menschen, die da ihre Schafe hüten. Ein Stern geht auf und die Weihnachtspoesie aller Generationen lässt den Himmel singen, die Erde erblühen und sie bringt den ganzen Kosmos in Bewegung, das zu erfahren, was da verheißen ist.
Frieden auf Erden. Um welchen Frieden geht es? Es herrscht ja die „Pax Romana“. Und wir ahnen, auch durch die biblischen Texte, wie sehr sie sich auf Gewalt, Unterdrückung, Kontrolle und Vasallentum gründet. Aber die jüdische Tradition lebt weiter und sie ist herrschaftskritisch, prophetisch und sie hat eine kraftvolle Vision von Schalom: Friede und Gerechtigkeit werden sich küssen. Sie werden ihre Schwerter umwandeln zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Winzermessern. Sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Alle werden wohnen unter ihrem Feigenbaum und Weinstock und niemand wird sie aufschrecken.
Die Heiligen Drei Könige beim Jesuskind in einem Gemälde von Sano di Pietro, 1470
© Everett Collection/imago
Für mich ist die Weihnachtszeit eine Visionsschmiede für den Frieden. Immer umfassender, grundlegender, überschwänglicher, mutiger und übermütiger darf er gedacht, gefeiert und dann auch realisiert werden. Die weihnachtlichen Texte beziehen ja das ganze beseelte Leben mit ein: „Das Feld freue sich und alles, was darauf ist. Es sollen jauchzen alle Bäume im Wald.“ So jubiliert es in den Psalmen. Und die Volksfrömmigkeit hat ganz selbstverständlich die Tiere einbezogen in den Weihnachtsfrieden. Was wäre der Stall, in dem das Kind geboren wird, ohne Ochs und Esel? Und ganz gewiss singen zusammen mit den Engeln auch die Vögel.
Und, auch hier war die Weisheit und Erzählkunst vieler am Werk und hat die biblischen Texte weiter erzählt: Weise, Könige und Königinnen machen sich auf den Weg zu einem Neugeborenen und seiner Mutter, geboren in Not, Unbehaustheit. Sie fanden ja keinen Raum in der Herberge. Und gerade hier steht der Stern der Sehnsucht still und sie werden von Freude erfüllt, sie bringen mit, was sie sind und haben, und lassen sich erneuern.
Ein Volk ohne Vision verwildert
Weihnachten im Jahr 2025. Noch nie in meinem 68-jährigen Leben habe ich unsere Gesellschaft so arm an Visionen erlebt. Im Buch der Sprüche heißt es: Ein Volk ohne Vision verwildert, geht zugrunde. Wenn unsere Visionen nicht weiter reichen als kriegstüchtig zu werden, als Kämpfen für eine „Pax Americana“, die immer nur Frieden für Wenige vorsah, für eine unipolare Weltordnung unter der Vorherrschaft der USA, für Wirtschaftswachstum innerhalb eines Turbokapitalismus, der Klima und Umwelt zerstört und Armut und Ungerechtigkeit vermehrt, dann haben wir wirklich keine Zukunft.
Von Friedrich Merz ist der Ausspruch bekannt geworden: „Freiheit ist wichtiger als Frieden. Frieden gibt es auf jedem Friedhof.“ Ich frage: Wie kann er einen Eid auf unser Grundgesetz leisten, in dem das Friedensgebot wesentlich ist? Es ist ja kein Gebot zur Friedhofspflege.
Mit großer Sorge nehme ich wahr, wie das Feindbild Russland von politischer und medialer Seite intensiv befeuert wird. Ist denn 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges überhaupt kein Bewusstsein dafür da, dass unser Land eine historische Verantwortung trägt für 27 Millionen ermordeter slawischer Menschen, die meisten aus dem Gebiet des heutigen Russland?
Bundeskanzler Friedrich Merz
© Florain Gärtner/imago
Ich wünsche mir von meiner Kirche und von allen Religionsgemeinschaften, dass wir hörbarer werden und den so engen und engstirnigen Diskurs um Krieg und Frieden erweitern. Haben wir nicht alle kraftvolle Visionen vom Frieden? Ist es nicht unser Kerngeschäft, geistige Räume für Buße und Umkehr zu schaffen? Und wir haben Gemeinschaften und Vernetzungen, mit denen wir Wege der Versöhnung und des Friedens einüben können. Wir können das Wissen um eine Verbundenheit stärken, Teil einer Menschheits- und Schöpfungsfamilie zu sein.
Cannabis und Glücksspiel: Von Verboten zu wirksamer Prävention – ein Plädoyer für rationale Politik
Vielsagendes Manifest: Was Friedensnobelpreisträgerin Machado mit Venezuela vorhat
Sicherheit neu denken
In Zeiten tiefgreifender Verunsicherung überzeugt mich zunehmend die Kampagne „Sicherheit neu denken“. Sie nahm in der Badischen Landeskirche ihren Ausgang und ist inzwischen in einigen europäischen und afrikanischen Ländern aktiv. Vom 28. bis zum 30. November 2025 feierte die Initiative ihr zehnjähriges Bestehen und lud in die Friedensstadt Bad Kreuznach zu einem Aktiventreffen ein. Ich war da und war beeindruckt und bewegt von der Friedensintelligenz, der Kompetenz, dem Erfahrungsreichtum und Visionskraft der ungefähr hundert Aktiven.
Gemeinsam mit vielen Partnern weltweit möchten wir zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel ermutigen von einer militärisch geprägten zu einer zivilen Sicherheitspolitik, zu Diplomatie, gewaltfreier Konfliktbearbeitung, Kooperation, sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit. Wir möchten den Sicherheitsbegriff erweitern, er beinhaltet auch soziale, ökologische und ökonomische Stabilität und Gerechtigkeit. Von zwei mir wichtigen Themenbereichen möchte ich erzählen.
Mut zu selbstkritischer Analyse und historischer Redlichkeit
Oberst a.D. Wolfgang Richter vom Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik war beim „Positiv-Szenario 2025–2040: Die Rolle Europas für den Frieden in der Welt“ zu diesem Thema eingeladen. Sein Vortrag war so detailreich, historisch präzise, erhellend und inspirierend, dass wir auf eine Fortsetzung am Abend nach einem sehr intensiven Tag drängten. Er beleuchtete die Geschichte seit 1990. Sein Fazit: Visionen sind realisierbar, wenn der politische Wille da ist. Eine kooperative Sicherheitsordnung unter Einbeziehung Russlands ist möglich, von 1990 bis 2005 war sie Realität mit einer starken OSZE und KSZE und der Arbeit an einem gemeinsamen Haus Europa.
Wolfgang Richter analysierte, wie die europäische Sicherheitsordnung lange vor dem Februar 2022, vor allem in den Jahren 2008, 2014, 2021 erodiert wurde und welche Verantwortung dafür die USA (neue „Freiheitsagenda“ von Georg W. Bush, die US-amerikanische Macht etablierte), die EU und die Nato hat. Die deutsche Regierung wollte das nicht, hat es aber auch nicht verhindert. Er mahnt historische Redlichkeit an. Klar ist auch, dass eine selbstkritische Analyse nicht den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine rechtfertigt. Um Schritte zum Frieden zu finden, ist sie jedoch nötig. Eine konfrontative Sicherheit, die nur auf Abschreckung beruht, ist instabil. Politik muss auf gemeinsame Sicherheit und Frieden ausgerichtet sein.
Nato-Gipfel Prag 2002: George W. Bush, Präsident USA , im Hintergrund Gerhard Schröder
© Sammy Minkoff/imago
Von und mit Afrika lernen
Und wer hätte gedacht, dass mich ausgerechnet die Begegnung mit einer Verteidigungsministerin a.D. hoffnungsfroh stimmt? Marie-Noelle Koyara war außerdem Ministerin für Frauenförderung und Landwirtschaft sowie zentralafrikanische Vertreterin der FAO (Food and Agriculture Organisation) der Vereinten Nationen in der Elfenbeinküste, Burkina Faso, Kap Verde. Jetzt ist sie Koordinatorin für „Rethinking African Security – RAS“, eine Aktive von „Sicherheit neu denken international“. Ihr Anliegen: Zivile Sicherheitspolitik mit afrikanischen Werten, Traditionen, Spiritualität zu verbinden und mit Frauenempowerment und der machtvollen Position afrikanischer Mütter.
Afrika ist jung und die Jugend will Zukunft und die Dringlichkeit, den Mythos von der erlösenden Gewalt zu entzaubern, ist groß. Ich denke, wir können von und mit Afrika lernen und uns anstecken lassen von einem Mut zur Zukunft.
Die Zeit zwischen den Jahren
Die Zeit des Jahreswechsels ist eine kostbare. Was soll wirklich und wirksam neu werden im neuen Jahr? Wie können wir Sicherheit neu denken und gestalten? Wie wollen wir leben und zusammen leben? Welchen Visionen von Frieden geben wir Raum in unseren Herzen und in unseren Gemeinschaften? Wie können wir der Heiligkeit allen Lebens mehr entsprechen? Wie möchten wir heilsame Prozesse inmitten unserer Menschheits- und Schöpfungsfamilie stärken – mit unserer Intelligenz und Kreativität, mit Geld und Vermögen, als Einzelne und in Gemeinschaft?
Weitere Infos: www. sicherheitneudenken.de
Monika Matthias, Pfarrerin im bewegten Ruhestand, ehrenamtlich aktiv in der Martha-Gemeinde, Berlin-Kreuzberg. Dort leitet sie am 11. Januar, 10 Uhr, den Gottesdienst.
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