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Das Zeitalter des Narzissmus: Wie aus einer Diagnose ein Massenphänomen wurde

Der 1. Juni ist der Internationale Tag der Sensibilisierung für narzisstischen Missbrauch. Dazu ein paar wichtige Anmerkungen.

Jürgen Große
Jürgen Große
8 Min
Das Gemälde „Narziss“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio im Rahmen der Ausstellung „Wege des Barock“ im Museum Barberini in Potsdam

Das Gemälde „Narziss“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio im Rahmen der Ausstellung „Wege des Barock“ im Museum Barberini in Potsdam

© Martin Müller/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Als Diagnoseschlager und zugleich als Totschlagwort wird „narzisstisch“ derzeit nur von „toxisch männlich“ übertroffen. Viele setzen ohnehin beides gleich. In Stuhlkreisen, Netzforen, Therapiegruppen versammeln sich die Opfer des Narzissmus: verlassene, unverstandene, seelisch misshandelte Personen, meist weiblichen Geschlechts. Parasitäre Freundinnen, hinterhältige Kolleginnen, vor allem aber herrschsüchtige Vorgesetzte und rücksichtslose Ehegatten: Ihnen allen ist Narzissmus rasch attestiert. Aus Selbsthilfegruppen und von Bestsellertischen sind die Narzissmusdiagnosen in die Intimverhältnisse gewandert – als wissenschaftsbewehrter Vorwurf und als moralisches Verdikt.

Gern attestieren Narzissmusopfer sich selbst eine entsprechende Verwundbarkeit durch Hochsensibilität. „Hochsensibel ist wie hochbegabt, nur muss man nichts können“, ätzte jüngst die Komikerin Lisa Eckhart. Die Narzissmus(opfer)inflation hat aber nicht nur die Aufmerksamkeit von Fachhumoristinnen, sondern auch von Fachpsychologen erregt. Die Aprilausgabe von Wirtschaftspsychologie heute sieht im allgegenwärtigen „Narzissmus“ eine unzulässige Begriffsdehnung („concept creep“), was zwischenmenschliche Wahrnehmungen verzerre und wogegen allenfalls fachpsychologisch Studierte immun seien.

Rat zur Rache

Auf dem Buchmarkt freilich ist die „Narzissmusinflation“ ungebrochen. Strategische Ratgeber versprechen einen Wissensvorsprung in der Berufskonkurrenz, erst recht im Beziehungskampf. Wer hier auf der Verliererseite steht, kann sich mit seiner moralischen Überlegenheit als allzu sensibel und empathisch trösten. Doch zärtliche Wundpflege ist nur die letzte Option in dieser Literatur. Fachgerecht bedient sie mehr als Opfergefühle, nämlich Rachefantasien. „Wie man sich an einem Narzissten rächt: Hol dir deine Macht zurück“ (2013) ist längst nicht mehr Extrem-, sondern Normaltonlage.

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Ein 2024 in Deutschland erschienenes Werk wie „Immun gegen toxische Menschen: Manipulation durch Narzissten erkennen“, verfasst von zwei aufmunternd blickenden Psychologinnen (Klappenfotos) mit beachtlicher Followerzahl (Klappentext), sollte „Immun gegen toxische Männer“ heißen: Sämtliche ihrer Beziehungsbeispiele sind entlang einer heteronormativen Täter-Opfer-Linie aufgestellt. So gelingt alsbald, wie auch von einem Konkurrenzwerk verheißen, „Dein Abschied vom Narzissten“ (2025)!

Beleidigt der plumpe Entlarvungsgestus solcher Titel – „Narzissten erkennen, Manipulationen durchschauen“ (2026) – nicht die Intelligenz ihrer Leserschaft? Doch die Ratgeber signalisieren ein Minimum an Seriosität. Sie verweisen eingangs meist auf den Unterschied des kindlich notwendigen Narzissmus (nach Sigmund Freud) vom pathologischen des Erwachsenen und des pathologischen Narzissten vom moderaten Egozentriker in uns allen. Manchmal sei der Übergang zu bösartiger oder pathologischer Selbstsucht und Selbstverliebtheit nur graduell! Allerdings ist auch die praktische Handhabung mancher Ratgeber schwierig. Narzissten, liest man etwa, drehten ihren Opfern das Wort im Munde um, doch sei „Du drehst mir das Wort im Munde um“ gerade ein Merkmal narzisstischer Rhetorik.

Kulturelles Schlüsselphänomen

Das Narzissmusattest ist nicht nur Waffe im Beziehungskonflikt, wo ein Part unfairerweise von Dialog auf Diagnose umsteigt. Der Narzissmusbegriff dient auch als psychologisches Schlüsselphänomen für Gesellschaftsanalyse und -kritik. Hier ist der Weg in trivialpsychologische Niederungen ebenfalls kurz, was an Diagnosen zur Bankenkrise 2008 erinnert: Spekulationswirtschaft gehe in Ordnung, doch hätten die Banker nicht so gierig sein sollen.

„The Culture of Narcissism“, 1979 veröffentlicht vom US-amerikanischen Sozialhistoriker Christopher Lasch, gilt als seriös, ja ist fast ein Klassiker. Das Buch beschreibt die Anfänge dessen, was heute in voller Blüte steht, nämlich einerseits eine Psychologisierung von fast allem Denken und Werten, andererseits aber auch den Narzissten als tatsächlich dominanten Typus im Finanz- und Konsumkapitalismus. Letzterer habe die ältere, auf Bedürfnissublimierung (per „Über-Ich“) gebaute Leistungsgesellschaft des Industriekapitalismus pervertiert: Nunmehr seien es die inflationär bereitstehenden Angebote, für die erst die passenden Bedürfnisse zu schaffen wären. Darunter auch jene nach einem Lebenssinn jenseits von Leistung und Entwicklung; psychische Bedürfnisse also, die eher die eines Kleinkindes denn die eines Erwachsenen seien. Das führe zu einer Entfremdung von selbstwertsicheren Wunsch- und Erfüllungsstrukturen. Eine gefährliche Flucht ins Ideal!

Bevorzugt psychologischen Experten werde die Anleitung zum sinnvollen Dasein anvertraut, was etwa Liebespaare, Jungmütter oder Berufsanfänger zusehends an eigenen Fähigkeiten, an eigenen Erfahrungen zweifeln lasse und zu Betreuungsfällen mache. Sie flüchteten sich in Stereotypen des gelingenden Lebens, deren Unerreichbarkeit abermals der Verarztung bedürfte – ein Teufelskreis!

Sigmund Freud hatte auf seiner Couch, die im Freud-Museum in London ausgestellt ist, auch den einen oder anderen Narzissten liegen.

Sigmund Freud hatte auf seiner Couch, die im Freud-Museum in London ausgestellt ist, auch den einen oder anderen Narzissten liegen.

© Li Ying/Imago

Die Therapie mit ihrer unabschließbaren Arbeit an sich selbst würde so zum Modell fürs Leben. Bürokratische Abhängigkeit und Angst vor der Freiheit seien die irreversiblen Effekte. Die durchgehende Unsicherheit der zu Konsum-, primär aber Konkurrenzsubjekten mutierten Eltern und Kinder, Männer und Frauen, Jungen und Alten gegeneinander – sie lege die Flucht in starre, selbstgenügsame, somit unverletzbare Ich-Idole nahe. Ein jeder Mensch sei zu einem solchen Bild von sich aufgerufen, denn nicht mehr soziales Tun, sondern individuelles Sein müsse im neuen Kapitalismus für den Lebenssinn aufkommen. Daraus erkläre sich der Kult um die Authentizität des eigenen Ichs wie auch die Ermunterung, seine Affekte öffentlich auszustellen.

Im Zeitalter des Narzissmus reüssierten so seelische Erregbarkeit und moralische Betroffenheit zu sozialen Statusmarkern. Verhängnisvoll für die Zukunft sei der von der Mittelklasse ausgehende Hype um die immer selteneren, natürlich hochbegabten und hochsensiblen Kinder; eine Verlängerung des Narzissmus ihrer Eltern. Lasch argumentierte als psychoanalytisch wohlbelesener US-Traditionslinker, manchen gilt er als „Left Wing Conservative“. Seine Gesellschaftskritik wird weiterhin rezipiert.

Laura L. Smith, eine klinische Therapeutin für verschiedenste Störungen, erinnert in ihrem in deutscher Sprache geschriebenen Kompendium „Gesunder Umgang mit Narzissmus für Dummies“ (2024) an die gewaltigen „Schattenseiten der Selbstwertgefühlbewegung“ in den USA, die einst den sozial Benachteiligten zu Selbstvertrauen verhelfen sollte. Mit inflationärem Lob und leeren Belohnungen, etwa mit Teilnahmetrophäen, sei seit den 1960ern die Massenpsyche geformt worden. Während die Menschen weiterhin in einer Leistungsgesellschaft leben müssten, laute der Grundsatz jener Bewegung, dass negative Rückmeldungen auf ein Minimum zu beschränken seien, besonders bei Kindern. Mangelnde Erfahrung in der Frustrationsbewältigung lege den Grundstein zum Narzissmus, wie ihn Lasch als soziales Massenphänomen erstdiagnostizierte: „Du bist besonders“, „Jeder ist einzigartig“, kurz, „Goldmedaillen fürs Atmen“.

Die Meinung der Fachleute

Auch Kliniker haben von einer „narzisstischen Epidemie“ gesprochen. Das Handbuch „Narzissmus“ (2020) der Schweizer Psychiater Marc Walter und Oliver Bilke-Hentsch beginnt mit dieser Zeitdiagnose: „Den Selbstbespiegelungen kommt eine wachsende Bedeutung zu. Der Präsentation des eigenen Tuns wird mehr Augenmerk geschenkt als der Qualität dieses Tuns selbst. Woher kommt das? Es klingt fatal: In einer Welt, in der jeder das Eigene zeigen und darstellen will, gibt es niemanden mehr, der zuhört und zusieht. Es fehlt das validierende Element. Es fehlt das Echo, die notwendige tiefgehende Spiegelung durch andere.“ Wo objektive Wertgebung schwächelt, wird sie zum subjektiven Projekt: Das Selbstbild muss Selbstwert verbürgen.

Dennoch drängen beide Autoren auf verantwortungsvollen Wortgebrauch. Die diagnostische Allgegenwart von „Narzissmus“ beunruhigt sie wie andere Psychologen. Darunter sind auch solche, die sich selbst als Kulturdiagnostiker etabliert haben. Kürzlich monierte der Jetset-Therapeut Wolfgang Schmidbauer diagnostische Leichtfertigkeit, exemplarisch in „Die narzisstische Gesellschaft“ von Hans-Joachim Maaz, der 2016 Angela Merkel ein „narzisstisches Problem“ attestiert hatte. Schmidbauer warf Maaz vor, sich mit derlei Pauschalanalysen und Ferndiagnosen zu weit vorgewagt zu haben.

Das Licht fällt auch auf die Opfer

Offenkundig gefährdet „Narzissmus“ als populärpsychologische Diagnose, aber auch als populistische Denunziationsvokabel inzwischen das Renommee der psychologischen Wissenschaft. Kollegenneid mag überdies eine Rolle spielen, denn die Konkurrenz der Analytiker hat das Feld eng gemacht.

Wer medial noch mit Narzissmus punkten will, der muss heute mehr als Psychologie bieten, um sich vom populären Narzissmusgerede abzuheben. Das zeigt der Presseerfolg eines jüngst erschienenen Titels. „Das unersättliche Selbst: Phänomenologie des Narzissmus“ (2026), geschrieben von zwei Universitätsphilosophen, zehrt vom populärpsychologischen Vorverständnis des Narzissmusbegriffs. Es nutzt ihn darüber hinaus als Zugang in ein anthropologisches Tiefengeschehen. Bezeichnenderweise waren es gerade Nicht-Psychologen, die diesem Werk großzügig Beifall zollten.

Im medialen Verwertungszwang, überhaupt in der Vorherrschaft des Medialen, dürfte endlich auch der Schlüssel zum Narzissmus- wie zum Narzissmusdiagnose-Hype liegen. Bereits das Begriffsschicksal von „Opfer“ zeigte einen ähnlichen „concept creep“. Das soziale Renommee, das jene Menschen gewinnen, die schamfrei von ihren Befindlichkeiten sprechen können, begünstigt heute narzisstische Selbstdarsteller in Politperformance sowie „sozialen Medien“. Sie begünstigt speziell Menschen, die sich als Narzissmusopfer oder überhaupt als „Opfer“ sehen – als Opfer skrupelloser Täter, deren Tun nun endlich ans Licht zu ziehen sei. Dieses Licht fällt auch auf die Opfer.

Jürgen Große ist Historiker. Soeben erschien „Die Werke der Meister. Kritische Konfessionen“ (Berlin 2026).

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