Das Wort Casino-Kapitalismus hat für Moritz Uhlmann einen ganz speziellen Klang, denn als das, was man heute Casino-Kapitalismus nennt, in sich zusammenfiel, befand er sich am semantischen Ursprung dieses Begriffes - in Las Vegas, wo er an einem Projekt für das Spielerhotel Palazzo arbeitete. Nun, einige Monate später, befasst sich der junge Architekt aus Berlin mit der Energieoptimierung einer Plattenbau-Schule im brandenburgischen Rathenow und so ist man geneigt, der Finanzkrise einen positiven Effekt auf seine Karriere beizumessen. Zumindest, was deren gesellschaftliche Relevanz angeht. Vom Honorar wollen wir an dieser Stelle schweigen.Moritz Uhlmann hat erst im vergangenen Jahr die Uni absolviert, doch besitzt seine Berufslaufbahn in all ihrer Kürze schon eine historische Dimension. Wurde sein Engagement in Las Vegas wegen der akuten Finanznot der internationalen Investoren gestoppt, so kann die Schule in Rathenow nur im Zuge des Konjunkturpakets der Bundesregierung erneuert werden. Wenn Moritz Uhlmann sagt, dass er durch die Krise einen Job verloren und einen gewonnen habe, dann spricht er mit der Kühlheit des Architekten. Doch zwischen Las Vegas und Rathenow lagen ein paar Wochen, in denen er kurz davor gewesen ist, Hartz IV zu beantragen.Moritz Uhlmann, 29 Jahre alt, kommt aus einer Würzburger Architektenfamilie. Er sagt, er habe um die Probleme in diesem Beruf gewusst, dass es immer auf und ab gehe. Werden Architekten gesucht, wollen alle Architektur studieren, sind sie mit dem Studium durch, ist der Boom vorbei. Als er im vorigen Sommer fertig wurde, sah es gut für ihn aus. Er hatte ein Praktikum bei David Chipperfield in London absolviert, er war während der Semesterferien einmal vier Wochen in Peking und belegte dort mit seiner Gruppe bei einem Wettbewerb den zweiten Platz. Sein Studium an der Technischen Universität Berlin beendete er mit einer sehr guten Note.Er hatte also das Gefühl, dass er erstmal Urlaub machen könnte, bevor es an die Bewerbungen ging. Moritz Uhlmann wirkt bescheiden und überlegt, man kann sich nicht vorstellen, dass er etwas überstürzt. Doch die Sache in Las Vegas war dann zu verlockend. Eine Cousine von ihm wollte dort mit ihrer eigenen Tanzshow einen exklusiven Klub eröffnen. Die Vorbereitungen im Hotel Palazzo waren soweit gediehen, dass die Unterlagen für den Bauantrag eingereicht werden konnten. Moritz Uhlmann wäre für das Mobiliar zuständig gewesen. Die Entwürfe liegen auf dem Küchentisch seiner Wohnung in der Berliner Pappelallee. Zu sehen sind runde Nischen, runde Sessel, runde Sitzgruppen, alles 60er-Jahre-James-Bond-Stil, wie Uhlmann sagt. Ein halbes Jahr Arbeit steckte darin, als das Aus kam.Nun war Zeit für seine Bewerbungsmappe. Als sich Uhlmann bei jenen Büros vorstellte, wo er gerne arbeiten würde, hatte die Krise soeben ihren Höhepunkt erreicht. Auf zwanzig Anfragen bekam er eine Antwort, eine Absage. Also begann er nach Angeboten zu schauen. Falls überhaupt, wurden Architekten im Praktikum gesucht oder Studenten mit dreijähriger Berufserfahrung - nichts anderes als Selbstausbeuter. Soweit war Moritz Uhlmann noch nicht. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, zeichnete Bauanträge und half bei seinen Eltern aus. Als dann das zweite Konjunkturpaket beschlossen wurde, das insbesondere die Bauwirtschaft ankurbeln soll, wendete sich das Blatt. Jetzt waren Architekten auf einmal wieder begehrt. Er verschickte erneut zehn Mappen, zunächst nur in Berlin, bekam gleich eine Einladung zum Bewerbungsgespräch und hatte noch am selben Nachmittag den Job. "Es ist ein kleines Büro, das noch ganz am Anfang steht", sagt Uhlmann, "aber die haben Ambitionen, da richtig was aufzubauen."Wenn in Rathenow die Bauarbeiten beginnen, wird er als Projektleiter öfter dorthin reisen. Rathenow ist nicht Las Vegas, für Moritz Uhlmann ist es letzten Endes viel mehr als das. ------------------------------Foto: Ich habe durch die Krise einen Job verloren und einen gewonnen. MORITZ UHLMANNEin Banker vermietet jetzt Boote, ein junger Architekt findet seine erste Stelle, einem Arbeiter wird der Lohn gekürzt. Sechs Geschichten von Menschen, deren Leben sich durch die Finanzkrise verändert hat.
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