Als Angela Merkel am Donnerstagabend die Grüne Woche eröffnete, hatte sie für ihren Agrarminister viele lobende Worte parat. Horst Seehofer sei ein Politiker, erklärte die Bundeskanzlerin, der sich einfühlsam um die Ängste und Nöte der Landwirte kümmere. In der ersten Reihe der Ehrengäste auf dem Messegelände saß Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und nickte zufrieden. Der mächtige Standesvertreter der rund 400 000 landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland hatte auch allen Grund zufrieden zu sein mit seinem Minister. Nicht nur, dass es seiner Branche gut geht wie lange nicht: Die Investitionen steigen, der Exporte boomen, die bäuerlichen Einkommen sind stabil. Auch politisch kann Sonnleitner mit Genugtuung auf die letzte Zeit zurückblicken.Denn weitgehend unbemerkt hat sich seit dem Amtsantritt von Angela Merkel vor gut einem Jahr in der Agrarpolitik eine Kehrtwende vollzogen. Die Bundesregierung sucht anders als Rot-Grün demonstrativ den Schulterschluss mit der bäuerlichen Welt. Es sei seine Aufgabe, hat Horst Seehofer einmal gesagt, als Minister die Interessen der Bauern zu vertreten. Die alte Regierung hatte dagegen vor dem Hintergrund nicht enden wollender Lebensmittelskandale wie BSE bewusst Distanz zur Bauernschaft gehalten und die Interessen der Verbraucher in den Mittelpunkt gestellt. Sehr zum Verdruss der Landwirte. Die Verbalattacken, Buh-Rufe und Eierwürfe auf bäuerlichen Versammlungen gegen die damalige grüne Ministerin Renate Künast sind unvergessen.Die Konfrontation hat Seehofer durch Zugeständnisse an das Agrar-Establishment beendet: Er forciert die Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Er relativiert die Stellung des Ökolandbaus. Er stärkt der klassischen Ernährungswirtschaft den Rücken. Er hält umstrittene landwirtschaftliche Organisationen wie die CMA-Marketingagentur am Leben. Ganz wie es der Bauernverband fordert. Überraschend ist das nicht. Seehofer ist seiner ländlich geprägten bayerischen Heimat verbunden. Er will Vorsitzender der CSU werden - einer Partei, die den Interessen der Landwirte seit jeher besondere Geltung verschafft. Und so gehen in seinem Ministerium die Agrarlobbyisten wieder ein und aus. Sie sitzen an vielen Schlüsselstellen, so wie es bis vor einigen Jahren gängige Praxis war. Sie helfen bei der Ausformulierung von Gesetzen. Unter Horst Seehofer ist das zwischen 2001 und 2005 kurzzeitig zum Verbraucherschutzministerium aufgewertete Haus wieder zu einem klassischen Agrarressort zurechtgestutzt worden.Einen Menschen wie Gerd Sonnleitner freut das natürlich. Er hat wieder Macht und Einfluss. Für die Konsumenten aber die neue Politik ein Rückschritt. Ihre Interessen müssen oft denen der Agrarwirtschaft weichen. Beispiel Gentechnik: Drei Viertel der Deutschen lehnen genveränderte Pflanzen ab. Trotzdem beschleunigt die Regierung deren Anbau. Sie lässt immer mehr genveränderte Organismen zur Anwendung zu. Beispiel Ökolandbau: Noch nie haben so viele Deutsche Bioprodukte gekauft. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Trotzdem haben Bund und Länder die Zuschüsse für Ökobauern zu Gunsten anderer Branchen gekürzt. Beispiel Gammelfleisch: Die Serie an Skandalen reißt nicht ab. Das Auffinden verdorbene Ware gehört schon fast zum Alltag. Trotzdem setzt Seehofer bei diversen Runden Tischen auf Kooperation mit der Fleischwirtschaft statt die mafiösen Strukturen zu zerschlagen.Wie sehr sich Horst Seehofer als Bauern-Minister versteht, zeigt auch sein Schweigen beim allgemeinen Verbraucherschutz. Als Anwalt der Konsumenten ist er bislang kaum aufgefallen. Ob Fahrgastrechte, Bankkredite oder Handytarife: In seinem ersten Amtsjahr hat er diesen profilierungsträchtigen Bereich brach liegen lassen. Manchmal agiert Seehofer fast wie ein Minister auf dem Absprung. Wie einer, der die agrarpolitische Routinearbeit in Sinne seiner Partei zwar gewissenhaft abarbeitet. Der sich aber sonst wenig für sein Ressort interessiert und insgeheim nach Höherem strebt.Den Landwirten sei die neue Zuwendung durch die Regierung gern gegönnt. Viele von ihnen arbeiten hart. Viele von ihnen haben unter dem konfrontativen Stil der letzten Jahre gelitten. Es ist also richtig, dass Politik und Bauernschaft wieder einen vernünftigen Umgang miteinander pflegen. Zu purem Lobbyismus darf dies allerdings nicht ausarten. Diese Gefahr aber besteht. Das Wohl der Millionen Verbraucher muss mindestens so wichtig sein wie das der Bauern.------------------------------Manchmal agiert Seehofer fast wie ein Minister auf dem Absprung, der sich wenig für sein Ressort interessiert und insgeheim nach Höherem strebt.
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