MÜNCHEN, im November. Der Generalsekretär muss den Kontakt zur Parteibasis halten. Doch manchmal ist der Weg dorthin gar nicht so einfach. Vergangene Woche besuchte Markus Söder den CSU-Ortsverband Rohr-Leuzdorf im fränkischen Landkreis Roth. Rohr hat 3300 Einwohner, der Ortsteil Leuzdorf nur 130. Leuzdorf ist zu klein, als dass er im Navigationssystem von Söders dunklem Dienst-BMW verzeichnet wäre. Kurzzeitig verlieren Chauffeur und Generalsekretär die Orientierung. Telefonische Nachfrage im Büro. Hektischer Blick in die Karte. Kehrtwende. Als Söder schließlich verspätet das Gasthaus zum Goldenen Hammer erreicht, steht der CSU-Ortsvorsitzende auf der Hauptstraße und winkt. Drinnen warten 45 Parteimitglieder und Leute, die der CSU nahe stehen. Der Ortsvorsitzende beschreibt die Lage der CSU als nicht sonderlich positiv. Er macht sich Sorgen wegen des Streits in der Union. Den Gast stellt er vor als "Dr. Söder, der in zehn Jahren vielleicht Ministerpräsident ist". Der 1,94 Meter große Söder tritt ans Rednerpult ohne auf die Bemerkung einzugehen. Das Publikum klatscht höflich. Die Anfahrt erweist sich als der schwierigste Teil des Abends.Franken ist Söders Heimat. Er spricht von Nürnberg, wo er als Sohn eines Baumeisters und Enkel eines Tankstellenbesitzers aufgewachsen ist und wo seine Familie bis heute wohnt. Er ist der einzige in der Familie, der studiert hat. Er redet über seine Stadt, er erwähnt den Club, wie der 1. FC Nürnberg unter Anhängern heißt, in dessen Aufsichtsrat er sitzt. Er macht ein paar abfällige Bemerkungen über München und den dortigen Fußballverein FC Bayern und scherzt, Stoibers Liebe zu dem Verein sei dessen einziger Makel. Er weiß, das kommt immer gut an. Die Zuhörer lachen. Söder kehrt jedoch schnell zum Ernst der Lage zurück. Er beklagt die Verschuldungspolitik der Bundesregierung. Nur Bayern zeige, wie man sparsam haushalte. Dann warnt er vor einem EU-Beitritt der Türkei. "Wir sind für privilegierte Partnerschaft statt Mitgliedschaft." Sonst würde die Türkei mit ihrer Größe bald ganz Europa verändern. "Wollen wir das? Reicht Europa wirklich bis Asien?" In diesem Zusammenhang reicht sein Nationalgefühl über Franken hinaus. "Ich bin gerne Nürnberger, ich bin gerne Bayer, ich bin gerne Deutscher." Vor allem aber ist Söder Stoibers wichtigster Mann in der Partei; einer, der ihm bedingungslos ergeben ist. In München gilt Söder als Stoibers Bauchredner. Seit 1994 ist der 37-Jährige nun schon im Landtag, er machte sich dort einen Namen, indem er regelmäßig im Anschluss an Stoibers Auftritte das Wort ergriff und die Rede des Ministerpräsidenten zusammenfasste. "Radlfahren", nennt man das in Bayern. Vor seiner Zeit im Landtag war Markus Söder Vorsitzender der Jungen Union; der ehemalige CSU-Parteichef Theo Waigel hatte vergeblich versucht, Söder von diesem Amt fernzuhalten, weil der ihm schon damals zu Stoiber-lastig war. Ein glühender Verehrer von Stoiber? Natürlich sei er das, sagt Söder. Er bewundere Stoiber. Das gibt er offen zu. Im Sommer 2002 machte er für Stoiber gar Wahlkampf an italienischen Badeorten. Solch engagierte Leute hatte Stoiber nicht immer. Söders Vorgänger Thomas Goppel, der 1998 das Amt übernahm, galt als selbstbewusster Generalsekretär, der sich selbst für den besseren Ministerpräsidenten hielt. Goppel wurde als selbstbewusster Redner wahrgenommen, der komplizierte Antworten liebte. Der ehemalige Parteichef Theo Waigel sagte einmal, kitzelige Vorstandsvorlagen hätten auf Parteitagen nur eine Chance, wenn man Goppel das Rederecht entziehe. Söder ist gewandter im Umgang mit Medien: Immerhin war der ehemalige Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung nach dem Jurastudium zunächst Volontär beim Bayerischen Fernsehen. Aber bevor Stoiber Söder in dieses Amt hob, galt der junge Aufsteiger als nicht vermittelbar. Zwar betonte Söder immer, er bewundere Franz Josef Strauß, dem er einmal bei einem Wahlkampf-Auftritt die Hand hinstrecken durfte. Seine Mitschüler trugen Stickers gegen Ronald Reagan. Er dagegen klebte die Buchstaben FJS auf seine Schultasche. Dennoch kritisierten CSU-Politiker wie der damalige Chef der Landtagsfraktion, Alois Glück, Söder sei nicht geerdet in der Partei und vertrete deren Werte nicht hinreichend. Zudem kritisierten Parteifreunde seine Wortmeldungen als intellektuell blamabel. Hinter vorgehaltener Hand nannten sie ihn einen Sprücheklopfer. Als Abgeordneter und JU-Vorsitzender galt Söder als jemand, der an keinem Mikrophon vorbeigehen konnte, ohne sich für den Erhalt des Sandmännchens im Fernsehen einzusetzen, oder sich zu beklagen, weil die Darstellung eines fränkischen Kommissars das Ansehens Frankens in den Schmutz ziehe. Söders Stärke - seine Gewandtheit im Umgang mit Medien - wurde in den Augen seiner Parteifreunde mitunter zu einer Schwäche. Er sagte gerne zu allen und jedem etwas, wenn er sich dadurch Publicity versprach. "Blöd, blöder, Söder", reimten Abgeordnete im Landtag. Seine Parteifreunde informierten Journalisten darüber.Vor einem Jahr hat Söder dann das Kommando in der Parteizentrale in der Nymphenburger Straße übernommen. Und damals hätte wohl niemand gedacht, dass Söder nur ein Jahr später nach Edmund Stoiber der wichtigste Mann in der Partei ist. Das zeigt auch der Streit um Horst Seehofer. Vor einem Jahr hätte Söder sich wohl noch nicht erlaubt, sich ganz offen gegen Stoibers Stellvertreter Seehofer zu stellen. Jetzt aber sagt er, Seehofer habe sich verrannt.Markus Söder musste verhindern, dass der interne Zwist in der CSU den an diesem Freitag beginnenden Parteitag überschattet. Bis zur vergangenen Woche war es noch ein Streit zwischen CSU und CDU. Dann wurde es ein Streit innerhalb der CSU. Söder weiß, dass Seehofer in der Partei längst an Rückhalt eingebüßt hat. Selbst Landtagspräsident Alois Glück, der gewöhnlich nicht als Freund von Söder und Stoiber gilt, kritisiert Seehofer. Für den Generalsekretär sind das alles glückliche Fügungen. Denn plötzlich ist nicht der Seehofer-Kritiker Söder isoliert, sondern Horst Seehofer selbst. In dieser Lage wundert es eigentlich niemanden, dass selbst Söders alte Gegner ihm attestieren, dass er seine Aufgabe in den vergangenen Monaten ganz gut gelöst habe. Er sorgte für einen neuen Anstrich im Haus und schaffte so etwas wie Teamgeist in der Parteizentrale. Er organisierte den Europa-Wahlkampf und erhielt am 13. Juni mit 57,4 Prozent eine Bestätigung. Die Querelen in der Münchner CSU, die im Sommer im Abgang der ehemaligen Parteichefin Monika Hohlmeier gipfelten, hat er überstanden. Mehr noch: Auf lange Sicht hat der Abgang der Strauß-Tochter den Einfluss einer möglichen Konkurrentin in der Partei geschwächt. Söder konnte seine Stellung festigen: Die "94er", wie seine Parteifreunde genannt werden, die mit ihm in den Landtag zogen, haben langsam die Macht in der Fraktion übernommen und stehen bereit für die Nachfolge der "74er", wozu neben Regierungschef Stoiber auch die Minister Günther Beckstein, Kurt Faltlhauser und Otto Wiesheu gehören. Den Vorsitz der CSU-Medienkommission, der ihm viele Kontakte - etwa mit TV-Chefredakteuren oder Bild-Chefredakteur Kai Diekmann -, sichert, hat Söder behalten. Als Nachfolger von Wilfried Scharnagl sitzt er zudem im Fernsehrat des ZDF. Als die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Tagen an Söders Bauchrednerei erinnerte und schrieb, das sei bis heute so geblieben, dementierte Söder auf einem Pressetermin. Soll heißen: Als Generalsekretär habe er das nicht mehr nötig. Söder selbst sieht sich als zurückhaltenden Parteimann, der viel vermittle. In seinem ersten Jahr sei er sich oft vorgekommen wie ein UN-Friedensdiplomat. Seit Wochen lehne er einen Auftritt bei Sabine Christiansen ab, weil er im Streit um die Gesundheitsreform nicht unnötig gegen die CDU sprechen wollte. Er sagt, er habe gelernt, auch einmal zu schweigen. In Wahrheit aber sind vor allem seine Kritiker leise geworden. Und Söder ist manchmal doch noch der "Maustotschmatzer", als den ihn der Kabarettist Bruno Jonas beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg bezeichnete - als einen, der redet, bis alle mausetot sind. Erst vor wenigen Tagen forderte er die Einführung des Schulgebets, um den Schülern Halt und Orientierung zu geben. Die SPD kritisierte die Idee als "typischen Söder". In Berlin habe man ihn anfangs nicht ernst genommen, sagt Söder. Er habe viel gearbeitet, mitunter ist er zweimal am Tag nach Berlin geflogen, um an Besprechungen teilzunehmen. Inzwischen sei das Verhältnis mit CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer gut. Vor der CSU-Parteizentrale in München flattern nun Fahnen mit dem neuen Logo, das Söder gewählt hat. Viel hat er nicht verändert - die Buchstaben sind schlanker und gerader. Damit sei das Logo der CSU dem Logo der CDU ähnlicher geworden, heißt es. Das soll eine neue Einigkeit demonstrieren. Nach dem Streit über die Gesundheitsreform. ------------------------------In Berlin habe man ihn anfangs nicht ernst genommen, sagt Söder. Inzwischen sei das Verhältnis mit CDU-Generalsekretär Meyer gut. ------------------------------Foto: Ist er ein glühender Verehrer von Edmund Stoiber? Natürlich sei er das, sagt Markus Söder (r.). Er bewundere Stoiber. Das gibt er offen zu.
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