Erinnerung

Der deutsche Indiana Jones verlor den Kampf gegen die Nazis

Er kroch mit Fackeln in Felsengräber und machte Persepolis weltberühmt: Ernst Herzfeld war der deutsche Indiana Jones. Vor 90 Jahren ging er nach Princeton – vertrieben von den Nazis.

Stefan Piasecki
Stefan Piasecki
8 Min
Archäologischer Ausflug in Persien im Winter 1930: Ernst Herzfeld steht hinter dem deutschen Gesandten Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg (v. l.), der später zum Widerstand des 20. Juli 1944 gehörte und am 10. November 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde.

Archäologischer Ausflug in Persien im Winter 1930: Ernst Herzfeld steht hinter dem deutschen Gesandten Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg (v. l.), der später zum Widerstand des 20. Juli 1944 gehörte und am 10. November 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde.

© Bundesarchiv

Wer Indiana Jones in seine abenteuerlichen Filmwelten folgt, ahnt nicht ihren wahren Kern. Dass es einen solchen, in Princeton lehrenden Archäologen wirklich gab, der schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Fackeln in verschüttete Tempel kroch und in Kladden Beobachtungen und Zeichnungen antiker Inschriften festhielt.

Ohne Fotoapparate, Strom, Funk oder gar Telegrafie. Ein Begründer der modernen Archäologie ohne jedes technische Hilfsmittel. Und der – anders als der Filmheld – seinen letzten Kampf gegen die Nationalsozialisten nicht mehr gewinnen konnte.

Als Ernst Emil Herzfeld im Herbst 1936 seine Tätigkeit am renommierten Institute for Advanced Study in Princeton aufnahm, endete vorerst eine jahrzehntelange abenteuerliche Lebensreise durch die unerschlossenen Wüsten des Orients.

Kein zeitgenössischer Film, keine moderne Dokumentation kann die Weite des verfallenen Landes, der stillliegenden Karawansereien, der verfallenen Burgen auf den Gipfeln der Gebirge von Alamut oder die Gräberfelder in den Ebenen beschreiben wie die Berichte von Ernst Herzfeld.

Der echte Indiana Jones?

Orte, seit Jahrhunderten unbesucht und noch vor dem großen Krieg durch die ersten Touristen auf ihrer ewigen Suche nach Grabbeigaben geplündert. Deutschland verlor 1936, im Jahr der Olympiade, endgültig einen seiner bedeutenden Gelehrten des 20. Jahrhunderts – und die Iranforschung ihren kühnen Pionier.

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Was heute Archäologen mittels Drohnen, Satellitenbildern und digitalen Geländemodellen leisten, erledigte Herzfeld mit Zeichenblock, Kohlestift, später einer Fotokamera, Kompass und unerschöpflicher Neugierde.

Er bereiste den Nahen Osten jahrzehntelang zu Pferd, auf Maultieren und in Automobilen, kartierte Ruinenstädte und legte Monumente frei, die das Bild der altpersischen Historie prägen. Kaum ein anderer deutscher Wissenschaftler kommt dem Bild eines Indiana Jones näher – auch wenn Herzfelds Abenteuer stets im Dienst der Wissenschaft standen.

Von Celle in die Ruinenstädte des Orients

Geboren wurde er am 23. Juli 1879 in Celle. Ursprünglich studierte er Architektur und Ingenieurwissenschaften, wandte sich aber schon früh der Archäologie, Kunstgeschichte und den orientalischen Sprachen zu. Nach seiner Promotion im Jahr 1907 zur persischen Archäologie von Pasargadae an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin begann eine Laufbahn, die ihn nahezu ununterbrochen in den Nahen Osten führte.

In dieser Arbeit verband er erstmals Architektur, Archäologie und Altorientalistik zu einer systematischen Erforschung dieser frühen persischen Residenzstadt und legte den Grundstein für seine internationale Karriere. Zuvor, zwischen 1903 und 1905, hatte er an den Ausgrabungen der assyrischen Hauptstadt Assur gearbeitet. Anschließend bereiste er Syrien, Mesopotamien und Persien und legte damit den Grundstein für eine vollkommen neue Erforschung der Region.

Felsgrab von Fakhriqa südlich des Urmia-Sees im Westen Irans: Ernst Herzfeld zeichnete die Anlage in völliger Dunkelheit, nur im Schein von Fackeln.

Felsgrab von Fakhriqa südlich des Urmia-Sees im Westen Irans: Ernst Herzfeld zeichnete die Anlage in völliger Dunkelheit, nur im Schein von Fackeln.

© Stefan Piasecki

Seine erste große Veröffentlichung von 1910 unter dem Titel „Iranische Felsreliefs“ war weit mehr als eine Bestandsaufnahme. Herzfeld verband archäologische Feldarbeit mit historischer Interpretation und zeigte erstmals systematisch die Entwicklung der iranischen Kunst von der Antike bis in die islamische Zeit. Dies war charakteristisch: Architektur, Geschichte, Philologie und Archäologie betrachtete er niemals getrennt, sondern als Teile eines kulturellen Ganzen.

Die Arbeitsweise war nicht weniger abenteuerlich als ein Film: „Eine Tagesreise weiter östlich von Bistun, am Wege von Kermanshah nach Kangawar, liegt das Dorf Sahna in dichten Hainen von Obstbäumen (…). In den Bergen, an deren Hang sich (…) Obstgärten hinziehen, öffnet sich ein schmales Seitental, und darin liegt, gar nicht weit vom Dorf, ein zweites Felsengrab.“ Um dieses seit 1813 bekannte, aber nie dokumentierte Grab Farhad u Shirin zu erreichen, musste sich Herzfeld anseilen und die 10 Meter hohe senkrechte Wand hochziehen lassen: „Das Grab besteht aus Vorhalle, erster Grabkammer, Brunnenschacht und zweiter Grabkammer.“

Mit Kompass und Karten in den Krieg

Der Erste Weltkrieg bedeutete für ihn keinen Bruch mit dem Orient. Nach kurzen Einsätzen an der West- und Ostfront ließ er sich dorthin versetzen. Als Vermessungsoffizier kartierte er die Provinz Mossul. Seine Kenntnisse machten ihn für die Armee ebenso wertvoll wie für die Wissenschaft.

Der Kontakt zur Berliner Universität riss nie ab: 1917 erreichte ihn im Irak die Nachricht, dass er zum außerordentlichen Professor für Historische Geografie und Kunstgeschichte des Alten Orients berufen worden war. Der Krieg wurde für ihn damit weniger zu einer Unterbrechung seiner Forschungen als zu einer Fortsetzung seiner jahrzehntelangen Erkundungen – dieses Mal in Uniform.

Nach dem Krieg begann seine eigentliche wissenschaftliche Glanzzeit. Bereits 1920 erhielt er den weltweit ersten ordentlichen Lehrstuhl für Vorderasiatische Archäologie – ein Fachgebiet, das er entscheidend mitbegründete. Gleichzeitig leitete er Ausgrabungen am Tigris, deren Ergebnisse die Erforschung der islamischen Kunst revolutionierten. Die von ihm entdeckte vorgeschichtliche „Samarra-Kultur“ gehört bis heute zu den Grundbegriffen der Vorderasiatischen Archäologie.

Ab 1923 verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Arbeit endgültig nach Persien. 1925 zog Herzfeld dauerhaft nach Teheran und blieb – mit Unterbrechungen – fast zehn Jahre im Land.

Diese Jahre fielen in eine Zeit tiefgreifender Umbrüche. Reza Schah Pahlavi versuchte nach seiner Machtübernahme 1925, aus dem alten Persien einen modernen Nationalstaat zu formen. Straßen, Eisenbahnen und Universitäten entstanden, zugleich entwickelte sich ein neues nationales Geschichtsbewusstsein.

Die vorislamische Vergangenheit – insbesondere das Achämenidenreich – gewann plötzlich eine enorme politische Bedeutung und Herzfeld bekam eine unerwartete wissenschaftliche Chance.

Er wurde zu einem der wichtigsten Berater der persischen Regierung in Fragen des Denkmalschutzes und spielte eine Schlüsselrolle bei der Ausarbeitung des neuen persischen Antikengesetzes von 1931. Dieses beendete das jahrzehntelange französische Grabungsmonopol und schuf erstmals eine eigenständige iranische Altertümerverwaltung.

Weil staatliche Zahlungen unregelmäßig eintrafen, wohnte er über längere Zeit in der deutschen Gesandtschaft in Teheran. Dort entwickelte sich eine enge Freundschaft mit dem deutschen Gesandten Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, der Herzfelds wissenschaftliche Arbeit nachhaltig unterstützte.

Persepolis: Der Fund seines Lebens

Herzfelds Name ist untrennbar mit Persepolis verbunden. Bereits Ende der 1920er-Jahre führte er erste Vermessungen dort und in Pasargadae durch. Von 1931 bis 1934 leitete er im Auftrag des Oriental Institute der University of Chicago die großen Ausgrabungen in Persepolis.

Unter seiner Leitung wurden das Tor aller Länder, Teile der Apadana, der Prozessionsweg und zahlreiche weitere Bereiche der achämenidischen Residenz freigelegt. Besonders spektakulär war die Entdeckung tausender Verwaltungsdokumente aus der Zeit Dareios' I., die zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte des Achämenidenreiches zählen.

Parallel veröffentlichte Herzfeld monumentale Werke wie Archäologische Mitteilungen aus Iran, Iranische Denkmäler, Archaeological History of Iran und später Iran in the Ancient East. Ohne ihn hätte sich die Iranarchäologie kaum so rasch zu einer eigenständigen internationalen Disziplin entwickelt.

Während er wissenschaftlich den Höhepunkt seiner Laufbahn erreichte, änderte sich die politische Lage in Deutschland dramatisch. Obwohl Ernst Herzfeld Frontoffizier im Ersten Weltkrieg gewesen war, fiel er als Enkel jüdischer Großeltern unter die nationalsozialistischen Rassengesetze. 1935 wurde er aus dem preußischen Hochschuldienst entfernt und verlor seinen Berliner Lehrstuhl.

Vom gefeierten Forscher zum Verfolgten

Nach einem Zwischenaufenthalt in London, wo er Vorlesungen hielt, emigrierte er 1936 in die Vereinigten Staaten. Im Oktober desselben Jahres begann für ihn ein neues Kapitel in Princeton, schon damals einer der renommiertesten Forschungseinrichtungen der Welt. Parallel lehrte er am Institute of Fine Arts der New York University und setzte seine Forschungen zur iranischen Geschichte, zur zoroastrischen Religion und zur Kunst des Alten Orients fort.

Herzfeld hinterließ weit mehr als Ausgrabungen. Er schuf wissenschaftliche Standards, auf denen die gesamte moderne Iranarchäologie aufbaut. Seine Dokumentationen gelten trotz ihres Alters vielfach noch als unersetzlich. Zahlreiche seiner Schüler und Nachfolger führten seine Arbeiten weiter und machten Persepolis zu einem der am besten erforschten archäologischen Orte des Nahen Ostens. Auch die von Herzfeld gegründeten Publikationsreihen erscheinen teilweise bis heute in Nachfolgeformaten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erkrankte Herzfeld auf einer Reise in den Nahen Osten schwer. Am 21. Januar 1948 starb er im schweizerischen Basel im Alter von 68 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof am Hörnli in Riehen bei Basel.

Heute erinnert in Deutschland nur wenig an Ernst Herzfeld. In Iran hingegen gilt er als einer der großen Wegbereiter der modernen archäologischen Erforschung des Landes. Seine Karten, Fotografien und Grabungsunterlagen werden in den Archiven der Smithsonian Institution in Washington aufbewahrt – mehr als 30.000 Dokumente, die noch immer ausgewertet werden.

Wer verstehen will, wie aus den Ruinen von Persepolis ein Weltkulturerbe und aus der iranischen Altertumsforschung eine internationale Wissenschaft wurde, kommt an Ernst Herzfeld nicht vorbei. Cineasten erleben den alten Orient immerhin durch Abenteuerfilme. Neunzig Jahre nach seinem Wechsel nach Princeton erscheint sein Lebenswerk aktueller denn je: Wer mit Herzfelds Aufzeichnungen und Fotos arbeitet, wandert auf Brücken zwischen Kulturen, die sich politisch oft fremd geblieben sind.

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