BERLIN. Zum Staatsmann fehlt ihm die Krawatte, und auch das weiße Unterhemd dürfte bei einem Staatsmann nicht in der Kragengegend hervorlugen. Ansonsten ist es aber an diesem Donnerstag in Berlin für einen Moment lang so wie früher. Als Joschka Fischer den Saal in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betritt, kommt es zum lange geplanten Überfall der Kameras und Fotoapparate. Dem 59-Jährigen ist anzusehen, dass er die Attacke genießt, er strafft sich, streckt die Brust raus. Kameras machen wichtig, und das ist für den Buchautoren Fischer mindestens so angenehm wie es früher für den deutschen Außenminister Fischer war.Der Staatsmann außer Diensten meldet sich zurück. Sein Verleger Helge Malchow sagt, man habe nun Gelegenheit, einer Geburtsstunde beizuwohnen. Der erste Band der Fischer-Memoiren "Die rot-grünen Jahre" geht mit einer Startauflage von 150 000 Exemplaren in den Verkauf. Es ist der verlegerische Versuch, den Deutschen schon zwei Jahre nach Abtritt der rot-grünen Bundesregierung die Erinnerung an die siebenjährige rot-grüne Regierungsgeschichte schmackhaft zu machen.Nach Malchows engagiert vorgetragenem Lob über die Analysefähigkeit und das schreiberische Vermögen seines Autoren, nach der geschickt platzierten Erklärung, das Erscheinungsdatum des Buches und die aktuelle Afghanistan-Krise der Grünen hätten - Hand aufs Herz - nichts miteinander zu tun, darf nun auch der Honorar-Weltenerklärer selbst etwas sagen. Er macht das, was er immer getan hat. Er räumt mit Missverständnissen auf, für die andere verantwortlich sind, am ehesten also die Journalisten. Sein Buch sei keine Abrechnung, wie er habe lesen müssen, sagt Fischer und zeigt, dass er das Stirnrunzeln nicht verlernt hat: "Unter Abrechnung verstehe ich was ganz anderes. Das ist keine Abrechnung."Also keine Abrechnung, nicht mit den Grünen, nicht mit Gerhard Schröder, nicht mit gar niemandem. Nein, sagt Fischer. Es handele sich einfach nur um "die subjektive Sicht der Dinge mit dem Anspruch, objektiv und durchaus selbstkritisch zu berichten". Fischer flunkert, aber das macht er geschickt. Natürlich ist sein Buch, "vom ersten bis zum letzten Anschlag selbst geschrieben", eine Abrechnung.Was anderes könnte es denn sein, wenn Fischer seine eigene Bundespartei als realitätsfern, eitel und zänkisch bezeichnet. Wenn er am Tag der Buchvorstellung sagt, die endlose Debatte zwischen grüner Illusion und der Realität habe ihn wund gerieben. So sehr, dass er nicht einmal mehr kommentieren mag, dass die Grünen mit ihrem Beschluss zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gerade die Flucht in die pazifistische Vergangenheit angetreten haben. Fischer muss das geradezu als Verrat an seiner Politik, an seinem Erbe verstehen, aber er sagt dazu nichts Inhaltliches. Er sagt nur: "Die Grünen müssen über ihren Weg selbst entscheiden." Das klänge nach endgültigem Abschied und Bruch, hätte Fischer nicht Minuten zuvor erläutert, er sei schließlich nicht in einen Trappistenorden eingetreten, dessen Mitglieder ein Schweigegelübde ablegen müssten: "Ich bleibe ein politischer Mensch und werde meine Meinung sagen." Nur den Grünen nicht. Vorerst nicht. Immerhin droht er ihnen nicht mit Rückkehr: "Die Tür ist zu. Es ist vorbei. Es ist zu Ende. Punkt."Fischers Buch gehört zur Gattung der Memoirenliteratur. Fischer ist sozusagen sein eigener Geschichtsschreiber, was praktisch ist. Denn er unternimmt eine Reise durch die Zeitgeschichte, von der es nur eine Version gibt - die eigene. Andere sind im Angebot nicht enthalten.So darf man in dieser autobiografischen Erinnerung an die ersten Jahre der rot-grünen Regierungszeit lesen, wie sich Fischer fühlte, als er sich im Mai 1999 auf den Weg zum Kosovo-Sonderparteitag der Grünen machte. "Auf der Fahrt nach Bielefeld war ich sehr angespannt. Wie immer vor solch wichtigen Momenten in meinem politischen Leben hatte ich mich vorher innerlich entschieden, was ich im Falle einer Niederlage tun würde. (...)Ich würde dann sofort gegenüber dem Parteitag meinen Austritt aus Fraktion und Partei erklären und dem Bundeskanzler meinen Rücktritt als Bundesaußenminister anbieten." Dazu sollte es, wie man heute weiß, nicht kommen, obwohl durchaus rustikale Mittel eingesetzt wurden, um den Außenminister zur Umkehr vom Kriegskurs gegen Jugoslawien zu bewegen. Ihn traf ein Farbbeutel am Ohr und verletzte das Trommelfell. Fischer wurde als Kriegshetzer beschimpft und konterte: "Und Herrn Milosevic schlagt ihr demnächst für den Friedensnobelpreis vor. Ich halte zum jetzigen Zeitpunkt eine einseitige Einstellung, eine unbefristete Einstellung der Bombenangriffe für das grundfalsche Signal. Milosevic würde dann nur gestärkt und nicht geschwächt." Fischer gewann die Abstimmung, Deutschland blieb weiter am Kosovo-Krieg beteiligt. Es war der erste Kriegseinsatz der Bundeswehr nach dem Zweiten Weltkrieg. Angeordnet hatte ihn ausgerechnet die rot-grüne Bundesregierung, dessen Vizekanzler ein Straßenkämpfer war, der sich zum Realpolitiker wandelte.Fischer hat einen flotten Schreibstil. Er schreibt wieder Deutsch, nicht mehr das Geschwurbel aus seiner Zeit an der Spitze des Auswärtigen Amtes. Wo er sich diplomatischer Floskeln bedient, kennzeichnet er sie wenigstens.Er erzählt Anekdoten - vom schnarchenden Spitzenbeamten, der eine Telefonkonferenz der Außenminister störte, als diese gerade über den Fortgang des Kosovo-Konflikts berieten. Von der besorgten US-Außenministerin Madeleine Albright, die während eines Telefongesprächs mit ihm einen kurzen Aufschrei am anderen Ende der Leitung vernahm: "Joschka, what's happening? Are you alright?" Es sei alles in bester Ordnung gewesen, versichert Fischer in seinem Buch und räumt ein, dass er telefonierte und zugleich im Fernsehen das spannende Champions-League-Spiel zwischen Bayern München und Manchester United sah.Man liest von Bundeskanzler Gerhard Schröder, den das Protokoll zur UN-Vollversammlung in New York im Jahr 2000 in einer "Absteige in traurigem Zustand" einmietete. Es herrschte damals Sorge, in Deutschland könnte es Schlagzeilen über die Verschwendungssucht des Brioni-Kanzlers geben. "Die Räume waren grässlich und erinnerten eher an den Film 'Tod eines Handlungsreisenden' als an eine Hotelsuite für den deutschen Bundeskanzler, immerhin der Regierungschef des drittgrößten Beitragszahlers der Vereinten Nationen." Weil auch die Toilette nicht funktionierte, verlor Schröder die Fassung, wie Fischer schreibt: "Wie der leibhaftige Höllenhund Zerberus fuhr er brüllend vor Zorn in die vor seiner ,Suite' wartende Schar aus Sicherheitsbeamten und Mitarbeitern, die allesamt schreckensbleich wurden."Es sind solche Geschichten, die Fischers Buch lesenswert machen, auch weil er die Leser mit Erinnerung an jugendliche Knutschereien à la Klaus Wowereit verschont. Es sollte ein Buch über seine Regierungsarbeit werden, und das wurde es auch. Der frühere Außenminister nutzt ausgiebig das Recht des Autobiografen, seine eigene Geschichte darzustellen. Er darf alles besser wissen. Es ist deshalb viel von Erfolg die Rede, davon, dass Rot-Grün die Bundesrepublik vorangebracht hat. Fischer beschreibt seine Enttäuschung über den Rücktritt von Oskar Lafontaine, und er schreibt in scharfem Ton gegen die Verschwörungstheoretiker an, die den Kosovo-Krieg als Ergebnis amerikanischer Kriegstreiberei ansahen. Das alles geschieht in einem Plauderton: "Was für eine Woche! Lafontaine weg, die EU-Kommission beging Harakiri, im Kosovo drohte Krieg, und ab dem 24. März hatten wir in Berlin die Finanzprobleme der EU zu lösen! Und wir waren noch keine sechs Monate im Amt."Wenn Fischer Fehler einräumt, dann sind es allenfalls die lässlichen Sünden in seinem politischen Leben. Etwa jene, als Fischer 1997 auf dem Parteitag der Grünen in Magdeburg versuchte, die deutsche militärische Beteiligung auf dem Balkan durchzudrücken, indem er sich der Forderung anschloss, ein Liter Benzin müsse fünf Mark kosten. Er scheiterte. Die Grünen-Delegierten lehnten die Verlängerung des Bosnien-Einsatzes ab, "die Niederlage, ja der grüne Super-GAU war Wirklichkeit geworden".Fischer analysiert gründlich, erwähnt aber aus Eigeninteresse manche Schlussfolgerung nicht. Etwa diese: Das Nato-Bombardement sollte die Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo stoppen. Nach dem Ende der Angriffe kam es aber zu einer Vertreibung der Serben aus dem Kosovo. Fischer schreibt darüber nicht. Denn es könnte in Frage stellen, ob durch den Krieg tatsächlich die richtigen Ziele erreicht wurden. Es waren schließlich auch die Ziele des pragmatischen Realpolitikers Fischer.444 Seiten braucht Fischer, um die ersten drei Jahre der rot-grünen Regierungszeit zu beschreiben. Er habe die Fülle des Materials unterschätzt, sagt der Staatsmann außer Diensten am Donnerstag in Berlin. Aber schon in wenigen Tagen werde er sich ans Schreiben des zweiten Bandes machen.Der zweite Teil dürfte der interessantere werden. Vorsorglich schreibt Fischer im Vorwort zum ersten Band: "Abschließende Urteile mögen sich die Leserinnen und Leser bitte bis zum Schluss meiner Erinnerungen aufsparen." Denn erst im zweiten Band muss sich Fischer der Zeit nach dem 11. September widmen, also auch der Visa-Affäre des Jahres 2005, die ihn schwer beschädigte. Also auch dem Afghanistan-Konflikt, dem Nein Gerhard Schröders zum Irak-Krieg. Also auch seinem Verhältnis zum Bundeskanzler von der SPD, als dieser die Außenpolitik für sich entdeckte und eine fast ausschließlich an Wirtschaftsinteressen orientierte China- und Russland-Politik betrieb. Macht sich Fischer ehrlich, dann könnte der zweite Band ein wirkliches Ereignis werden. Er könnte mehr über das Verhältnis zwischen Fischer und Schröder verraten. Mehr jedenfalls als die bekannten Konflikte über den Panzer-Export in die Türkei, und mehr als die Erinnerung an jenen Besuch am Urlaubsort Schröders in der Toskana, als Fischer den Kanzler vor der "Politik der ruhigen Hand" warnte.Der Leser des ersten Bandes erfährt einstweilen, dass sich die Geweihe der beiden Super-Hirsche Fischer und Schröder schon 1997 ineinander verhakten. Schröder sagte damals in einem Interview: "In einer rot-grünen Konstellation muss klar sein: Der Größere ist Koch, der Kleinere ist Kellner. Dies nicht zu akzeptieren ist eine typische Form grüner Überheblichkeit." Damit war eine Formulierung in der Welt, die an Fischer bis zum Ende seiner Amtszeit haftete.Die Pressekonferenz zur Vorstellung seines Buches nähert sich dem Ende. Fischer sagt, er könne sich nicht beschweren: "Es war eine Freude, für Gerhard Schröder zu kellnern, solange das Zeug nicht angebrannt war." Dann verrät er den tieferen Sinn dieses Satzes. Erst am Mittwochabend habe ihm Schröder gestanden, dass er überhaupt nicht kochen könne. "Mensch", sagt Fischer tags darauf, "das wäre der Konter gewesen. Der ist mir 1997 nicht eingefallen."------------------------------"Es war eine Freude, für Gerhard Schröder zu kellnern, solange das Zeug nicht angebrannt war." Joschka Fischer------------------------------Foto: Joschka Fischer vor dem Journalistenpulk, der ihm wohl doch ganz schön gefehlt hat.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]