Geht es bei Energie Cottbus um Spektakel, dann hat einer dafür seit Jahren die Hoheit gepachtet: Claus-Dieter Wollitz. Schon als kleiner Kerl hat er damit begonnen, indem er seine damaligen Mitspieler aufforderte, ihn doch wie den berühmtesten aller Brasilianer, nämlich Pelé, zu rufen. So dribbeln wie der damals schon dreimalige Weltmeister könne der heranwachsende Claus-Dieter doch wohl auch. Was läge also näher, als sich dessen Namen einfach zu leihen. Kaum ein Text deshalb über Wollitz, den Trainer von Energie Cottbus, bei dem nicht auch Pelé auftauchen würde. Erstes Spektakel gelungen!
Wollitz richtet sich gegen die eigenen Anhänger
Dazu kommt, dass Wollitz einer ist, der es zu seinem Markenzeichen gemacht hat, seine Meinung ungeschminkt zu äußern. Auch diesmal, beim Zweitligaspiel der Lausitzer in Wolfsburg. Nur richtete sich seine Wortkaskade diesmal gegen die Anhänger des eigenen Teams. Die hatten Fabian Reese, den im Sommer von Hertha BSC zum Bundesliga-Absteiger gewechselten Offensivspieler, voller Häme begleitet. Wie in der Woche zuvor schon die Anhänger des Karlsruher SC.
Cottbus-Trainer Claus-Dieter Wollitz prangerte in Wolfsburg das Verhalten der eigenen Fans an.
© IMAGO/Sven Heidmann
Lang und breit ließ Wollitz sich über die Energie-Supporter aus. Sätze fielen da wie: „Ich finde das unmöglich.“ „Das ist wirklich peinlich.“ „So etwas gehört sich nicht.“ „Der hat Energie Cottbus nichts getan.“ „Die machen den Jungen kaputt, gehen nach Hause und lachen sich darüber kaputt.“ Sogar sein Amt stellte der Cottbus-Trainer am Ende infrage, indem er sagte: „Auch wenn ich jetzt dadurch Probleme habe, die nehme ich gerne an, bleibe auch gerne zu Hause.“ Verbal geprügelt, Mann. Nur hat auch diese Geschichte zwei Seiten.
Nächste Eta-Enttäuschung: Union-Fehlstart nach dritter Pleite perfekt
Die andere ist: Wenn jemand bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit den Fingern Herzchen formt und sie Richtung Kamera hält, Handküsse ins Fanlager wirft, seinen Vertrag gefühlt bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag verlängert (hier bis 2030) und das für den Verein als Lebensversicherung gepriesen wird, beide, Verein wie Spieler, bei nächster Gelegenheit aber auf all das pfeifen, ist es doch sonnenklar, dass die Kurve wütend wird.
Ja, auch der betreffende Spieler ist, wie Wollitz betont, ein Mensch. Nur verstehe auch jeder den Fan, der hier wie da mit einiger Mühe die Euros für ein Auswärtsspiel aufbringt, um am Ende des Tages (oder der Saison) auf den Arm genommen zu werden. Oder, um es in der Sprache der Kurve auszudrücken, sich in den Arsch getreten fühlt.
Wollitz' Argument mag stimmen, aber...
Eines der Argumente, das Wollitz anführt, dass ein bestimmter Verein aus der deutschen Hauptstadt wahrscheinlich nur aufgrund des Verkaufs des Spielers die Lizenz für diese Saison erhalten hat, mag stimmen. Ein Verein, der vor nicht einmal langer Zeit von Investoren erbrachte 374 Millionen Euro nahezu zum Fenster hinausgeworfen hat, muss sich nicht wundern, in der Bredouille zu stecken. Schlimm genug. Auf einmal aber werden vergleichsweise mickrige acht Millionen Euro existenzerhaltend. Ist das ein Problem der Fans? Lächerlich. Es liegt viel tiefer und scheint sich immer weiter zu fressen. Es ist ein Geschwür im System.
1. FC Union Berlin: Bei der Personalie Querfeld weicht Lustrinelli aus
So sehr Wollitz mit seiner Meinung wiederum für ein Spektakel gesorgt hat, diesmal ist er nur zweiter Sieger. Geradezu überrundet wurde er von den Spielern seines Teams. Einen Zwei-Tore-Rückstand aufzuholen, das ist schon manchem Team gelungen. In dieser Saison sogar schon dem 1. FC Union Berlin in der Bundesliga beim 3:3 gegen Eintracht Frankfurt. Dass aber ein Team, das vor einem halben Jahr noch zwei Klassen tiefer gespielt hat als der Gegner, dort einen Drei-Tore-Rückstand aufholt, grenzt ein wenig an Zauberei.
Endgültig eine Geschichte aus dem Tollhaus wird es, weil für die Lausitzer mit dem 3:4 dennoch alle Messen gelesen schienen, sie mit dem erneuten Ausgleich aber ein Märchen erlebten und mit dem 4:4 beim turmhohen Aufstiegsfavoriten ihren ersten Auswärtspunkt holten.
Union-Leihgabe Dmytro Bogdanov krönte mit seinem Tor zum 4:4-Endstand die Cottbus-Aufholjagd in Wolfsburg.
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Noch irrer wird all das, blickt man bei beiden auf das wirtschaftliche Potenzial des Personals. Der 31 Spieler umfassende Kader des VfL wird mit einem Marktwert von 116,9 Millionen Euro angegeben. Die 28 Spieler im Aufgebot von Energie dagegen bringen es auf 11,15 Millionen Euro, weniger als ein Zehntel. Das ist in dieser Wertung bei einem die einsame Spitze (St. Pauli bringt es als Zweiter mit 48,43 Millionen Euro nicht annähernd auf die Hälfte) und beim anderen die rote Laterne. Wer dem Fan bei einer derartigen Konstellation nicht ein wenig Häme zubilligt, hat von der Stimmung in der Kurve, die Wollitz natürlich kennt, nicht die blasseste Ahnung.
Und: Man erinnere sich bitte an Marc Cucurella. Den Spanier, dem bei der EM 2024 im Spiel gegen Deutschland der Ball an die Hand geschossen wurde. Obwohl der Verteidiger dafür, dass es keinen Elfmeter für das Heimteam gab, nicht das Geringste konnte, wurde er selbst viele Monate später hierzulande dafür noch derart gnadenlos ausgepfiffen, dass das Stadion wackelte. Wer hat sich für den ins Zeug gelegt? Nicht einer! Zerbrochen aber ist er daran nicht. Im Gegenteil. Weltmeister ist er geworden. Ein größeres Spektakel kann es nicht geben. Dass mir bei all der Diskussion dafür so etwas wie Scheinheiligkeit in den Sinn kommt, sollte selbst Wollitz nicht wundern.
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