Deutschland hat im Frühling erstaunlich viel zu bieten — abseits der großen Städte, abseits überlaufener Hotspots. Fünf Reiseziele zeigen, wie vielfältig das Land in dieser Jahreszeit ist. Im thüringischen Greiz explodiert ein 60 Hektar großer Landschaftspark in Blüte — einer der schönsten seiner Art. An der mecklenburgischen Küste erwacht das Salzhaff aus seiner Winterstille: Seeadler ziehen über Schilfgürtel, Zwergseeschwalben bauen ihre Nester, und das Wasser liegt so ruhig, dass man meinen könnte, die Zeit stehe still.
In Dessau öffnen Bauhaus und Gartenreich gleichzeitig ihre Türen. Im Zittauer Gebirge, Deutschlands kleinstem Gebirge, entfalten Buchenwälder und bizarre Sandsteinfelsen ihre volle Kraft, wenn das erste Grün die Felsen einrahmt. Und in Werder an der Havel steht ein Fest bevor, das seit 1879 dasselbe Versprechen einlöst: Hunderttausende sitzen unter blühenden Obstbäumen, trinken Beerenwein und staunen darüber, wie schön Brandenburg sein kann.
Diese Orte haben eines gemeinsam: Sie zeigen, dass Fernreisen oft gar nicht nötig sind. Der Frühling in Deutschland ist ein Reiseziel für sich — man muss nur aufbrechen.
1. Fürstlich Greizer Park (Thüringen)
Er beginnt als Küchengarten und endet als Meisterwerk: Der Greizer Park am rechten Ufer der Weißen Elster im südostthüringischen Greiz entstand um 1650 aus einer kleinen Küchengartenanlage und wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem großräumigen romantischen Landschaftspark von rund 60 Hektar.
Höhepunkte der Anlage sind ein unregelmäßig geformter Parksee, ein einzigartiges Pinetum mit seltenen Nadelgehölzen wie Chinesischem Rotholz und Schlangenfichte sowie der feingliedrige Blumengarten im sogenannten Pleasureground. Dazu kommt die Seufzerallee — eine der ältesten Lindenalleen Deutschlands — und weiträumige Sichtachsen, die den Blick bis zum Weißen Kreuz hoch über dem Tal führen. Und natürlich der Aufstieg zur Ida-Höhe.
Pittoreskes Sommerpalais und üppige Parkanlage: die Residenzstadt Greiz ist allemal ein Ausflug wert.
© imageBROKER/imago
Touristisch lohnt sich der Besuch das ganze Jahr, doch der Frühling ist die beste Jahreszeit. Dann explodiert die botanische Vielfalt: Seltene Orchideen wie das Breitblättrige Knabenkraut blühen in den Nasswiesen, und der Park entfaltet sein volles Spektrum an Laubfarben und Blütenformen. Seit 2009 gilt die gesamte Anlage als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung — und ist dabei kaum überlaufen. Das elegante Sommerpalais beherbergt zudem eine sehenswerte Kupferstichsammlung.
Die Anreise gelingt bequem mit dem Zug: Greiz liegt an der Bahnstrecke zwischen Gera und Zwickau, der Park ist vom Bahnhof zu Fuß erreichbar. Mit dem Auto empfiehlt sich die A9 oder A72, Abfahrt Richtung Greiz.
Mitten im Park steht eine Blumenuhr aus dem Jahr 1954 — ein rundes Beet mit Blumen in Form von Ziffern, um die zwei Zeiger kreisen. Die Uhr tickt wirklich: Sie besitzt ein echtes mechanisches Uhrwerk. Wer also vergessen hat, auf seine Armbanduhr zu schauen — im Greizer Park wachsen ihm die Minuten entgegen.
2. Salzhaff (Mecklenburg-Vorpommern)
Kein klassisches Ostseebad, kein Rummel, kein Trubel. Das Salzhaff an der mecklenburgischen Küste zwischen Wismar und dem Ostseebad Rerik ist etwas anderes: eine stille, weitläufige Küstenlandschaft, die ihresgleichen sucht. Das flache Boddengewässer liegt in der Wismarer Bucht, nahezu abgeschirmt von der offenen Ostsee durch die vorgelagerte Halbinsel Wustrow.
Nur über eine neun Meter tiefe Rinne besteht Verbindung zur Ostsee — was dafür sorgt, dass der Salzgehalt hier ungewöhnlich hoch ist für ein Boddengewässer. Auf gut 2.000 Hektar erstreckt sich eine naturbelassene Landschaft aus Steilküsten und Salzwiesen, in der seltene Pflanzenarten gedeihen und Wasser- wie Watvögel ungestört rasten. Durch die geringe Wassertiefe von im Schnitt vier Metern erreicht das Sonnenlicht den Grund beinahe ungehindert — das Ergebnis sind ausgedehnte Seegraswiesen, die Schnecken, Muscheln und Krebse anlocken.
Im Frühjahr erwacht das Salzhaff zu neuem Leben: Naturliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten.
© Sebastian Wells und Johanna-Maria Fritz/ostkreuz
Genau deshalb lohnt sich der Frühling hier ganz besonders. Dann bauen Vögel ihre Nester in den Röhrichtzonen rund um die Hellbachmündung und die Pepelower Wiesen. Auf den Stränden des Kieler Orts brüten die bei uns selten gewordenen Sandregenpfeifer und Zwergseeschwalben, Seeadler und Rohrweihen nisten im Naturschutzgebiet. Wer früh aufsteht und still bleibt, erlebt hier ein Vogelkonzert, das kein Naturfilm besser inszenieren könnte. Windsurfer und Kitesurfer schätzen zudem das flache, windoffene Wasser bei Pepelow — perfekt für die erste Session der Saison.
Die Anreise gelingt bequem: Mit dem Auto über die A20 Richtung Rostock, dann über Wismar oder Bad Doberan zur Küste. Der nächste Bahnhof liegt in Kühlungsborn oder Rerik, von dort aus erschließt sich das Haff per Rad oder Bus.
Zu DDR-Zeiten war die Insel Wustrow militärisches Sperrgebiet. Die Sowjets sollen dort aber nie echte Flugzeuge stationiert haben. Stattdessen wurden Attrappen aufgestellt und nachts verschoben, um dem Westen eine größere Truppenpräsenz vorzugaukeln. Der Flughafentower, welcher nie einen einzigen Flieger abfertigte, steht heute noch — als stummer Zeuge eines absurden Kalten Krieges.
3. Zittauer Gebirge (Sachsen)
Es passt auf eine Landkarte, die man bequem falten kann: Mit gerade einmal 50 Quadratkilometern ist das Zittauer Gebirge das kleinste Gebirge Deutschlands.
Und doch steckt es voller Überraschungen. Im äußersten Südosten Sachsens prägen bizarre Sandsteinfelsen und vulkanische Kuppen das Bild, dazwischen tiefe Wälder aus Buchen, Eichen und Fichten. Höchste Erhebung ist die Lausche mit knapp 793 Metern, der höchste Berg Deutschlands östlich der Elbe, von der aus sich das Panorama weit über Böhmen und die Oberlausitz erstreckt. Wer sich auf Entdeckungstour begibt, stößt auf beeindruckende Felsformationen wie die Nonnenfelsen und die Kelchsteine, auf verträumte Kurorte wie Oybin und Jonsdorf sowie auf die mittelalterliche Burg- und Klosterruine hoch über dem Tal.
Das Zittauer Gebrige ist zwar winzig: Doch dafür umso spektakulärer. Unter Wanderfreunden ist die Region ein kleiner Geheimtipp. Wegen der charakteristischen Sandsteinfelsen wird das Gebiet mitunter von Kennern als „kleine Schwester der Sächsischen Schweiz" bezeichnet, ist dabei aber deutlich ruhiger und weniger überlaufen.
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Wanderer finden über 430 Kilometer markierte Wege, Kletterer bevölkern die Felsen, im Winter laden Skipisten und Rodelhänge ein. Für Familien gibt es unter anderem den Trixi Ferienpark und ein Schmetterlingshaus in Jonsdorf. Das Dreiländereck mit Polen und Tschechien lädt überdies zu grenzüberschreitenden Ausflügen ein.
Die Anreise ist unkompliziert: Mit dem Zug erreicht man die Region bequem von Dresden oder Görlitz; in Zittau besteht direkter Anschluss an die Schmalspurbahn ins Gebirge. Mit dem Auto empfiehlt sich die B178.
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Übrigens: Die Zittauer Schmalspurbahn, die seit 1890 täglich ins Gebirge fährt, trägt ihr Kürzel ZOJE — für „Zittau-Oybin-Jonsdorf Eisenbahn“ — im Volksmund als spöttischen Beinamen: „Zug ohne jede Eile“. Gemessen wird das freilich nicht mehr — die Bahn gilt längst als Kulturgut.
4. Baumblütenfest Werder (Brandenburg)
Einmal im Jahr verwandelt sich Werder an der Havel in ein einziges großes Blütenmeer. Der mittelalterliche Kern der Kleinstadt rund 20 Kilometer westlich von Potsdam liegt auf einer Insel, umgeben von ausgedehnten Obstplantagen, sanften Hügeln und verwinkelten Wasserarmen. Im Frühling — wenn Kirsch-, Apfel- und Birnenbäume gleichzeitig aufblühen — ist die Landschaft um Werder schlicht atemberaubend: weiß-rosa Blütenwolken, soweit das Auge reicht, dazu der Duft frischer Blüten über den Havelwiesen.
Das Baumblütenfest findet jährlich zur Obstblüte statt und blickt auf eine lange Geschichte zurück. In etwas mehr als einer Woche lockt es mehrere hunderttausend Besucher nach Werder und in die Umgebung. Besucher sitzen in den Obstgärten auf Holzbänken, genießen regionale Produkte und hausgemachten Obstwein direkt unter blühenden Bäumen. Dazu gibt es Livemusik auf der Bismarckhöhe, einen großen Festumzug durch die Altstadt und das traditionelle Abschlussfeuerwerk. Familien, Genussmenschen und Naturliebhaber kommen gleichermaßen auf ihre Kosten — und das in einer Atmosphäre, die zwischen Volksfest und märkischer Idylle pendelt.
Das Baumblütenfest findet in diesem Jahr vom 25. April bis 3. Mai statt: Besucher können sich auf offene Höfe, Gärten und tradionelle Obstweine freuen.
© Soeren Stache/dpa
Die Anreise ist denkbar einfach: Von Berlin Hauptbahnhof fährt der Regionalexpress RE1 nach Werder, Fahrzeit rund 40 Minuten. An den Wochenenden und am 1. Mai wird eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln dringend empfohlen, da die Stadt bei Großandrang erhebliche Verkehrseinschränkungen verhängt.
Das allererste Baumblütenfest im Jahr 1879 wurde nicht von der Stadt organisiert, sondern von einem einzigen Mann — Obstbauer Wilhelm Wil, der in einer Vereinssitzung vorschlug, den Höhepunkt der Blüte in allen Berliner Zeitungen bekanntzugeben. Der erste Sonderzug mit Berliner Gästen rollte daraufhin am 10. Mai 1879 in Werder ein — und eine Tradition war geboren, die bis heute anhält. Inzwischen läuft das Fest bereits zum 147. Mal.
5. Dessau (Sachsen-Anhalt)
Dessau hat viel zu bieten. Im Umkreis weniger Kilometer begegnen sich gleich vier UNESCO-Welterbestätten: das Bauhaus-Ensemble, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, das Biosphärenreservat Mittelelbe und Luthers Römerbrief, ein Dokument aus der Feder des Reformators, das sich in der Anhaltischen Landesbücherei befindet.
Die Landschaft ist ebenso reich: Die Elbe gibt der Stadt ihren Rhythmus — flache Auwälder, weite Elbwiesen und stille Altarme begleiten den Elberadweg durch eine Natur, die sich fast unberührt anfühlt. Und mitten in diese Weite hinein hat Walter Gropius 1926 sein ikonisches Bauhausgebäude gestellt — Glas, Stahl, Klarheit.
Der Elbradweg in Dessau lädt zum Erkunden ein: Die Bauhaus-Stadt hat aber noch deutlich mehr zu bieten.
© Felix Meyer
Touristisch lohnt sich Dessau das ganze Jahr, doch der Frühling ist die beste Jahreszeit. Ende März markiert das „Frühlingserwachen“ offiziell den Saisonstart im Gartenreich: Schlösser, Parks und Einrichtungen öffnen wieder ihre Tore. Dann erwacht der Wörlitzer Park, einer der schönsten englischen Landschaftsgärten Europas, mit seinen Inseln, romantischen Brücken und malerischen Seen — und ist noch angenehm ruhig. Wer das Bauhaus besichtigen will, findet im Frühling die besten Lichtverhältnisse für die legendäre Glasfassade des Werkstattflügels.
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Mit dem Zug erreicht man Dessau von Leipzig in etwa einer Stunde, von Berlin in rund 80 Minuten. Die meisten Sehenswürdigkeiten sind zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar — Mieträder gibt es direkt bei der Touristinformation.
Allemal sehenswert: Der deutsche Luftfahrtpionier, Pazifist und überzeugte Demokrat Hugo Junkers wirkte lange Zeit in Dessau. Junkers wurde 1933 von den Nationalsozialisten enteignet und erhielt Stadtverbot in dem Ort, dem er sein halbes Leben gewidmet hatte. Sein Technikmuseum, heute auf dem Gelände der alten Junkerswerke, erzählt diese Geschichte — und steht gleich neben dem Bauhaus.
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