Aufrüstung

Deutsche „Guerilla-Einheit“ beschafft der Ukraine Waffen binnen zwei Wochen

Ein Sonderstab kauft innerhalb von zwei Wochen Waffen für die Ukraine. Ist das Beschaffungs-Start-up im BMVg die Lösung für Deutschlands Rüstungsbürokratie?

4 Min
Die Technologie im Ukraine-Krieg entwickelt sich dynamisch. Der Sonderstab Ukraine von Minister Pistorius agiert flexibel – ein Zukunftsmodell für die deutsche Rüstung?

Die Technologie im Ukraine-Krieg entwickelt sich dynamisch. Der Sonderstab Ukraine von Minister Pistorius agiert flexibel – ein Zukunftsmodell für die deutsche Rüstung?

© Dursun Aydemir/Imago

Deutschland gilt bei der Rüstungsbeschaffung als langsam, bürokratisch und risikoscheu. Umso bemerkenswerter ist die Geschichte einer kleinen Einheit im Verteidigungsministerium: Der „Sonderstab Ukraine“ beschafft Waffen für die Ukraine teilweise innerhalb weniger Wochen. In einem Bericht der Financial Times (FT) wird die Gruppe im Verteidigungsministerium als eine Art deutsche „Guerilla Einheit“ bezeichnet. Ihr Erfolg wirft allerdings eine unangenehme Frage auf: Wenn Deutschland für die Ukraine schnell und pragmatisch handeln kann – warum gelingt das bei der Bundeswehr so selten?

Anfangs Helme jetzt Milliarden

Der politische Wandel ist enorm. Kurz vor dem russischen Großangriff im Februar 2022 wollte Deutschland der Ukraine gerade einmal 5000 Helme liefern. Waffen in ein Kriegsgebiet zu schicken, galt als Tabubruch. Heute gehört Deutschland zu den wichtigsten militärischen Unterstützern Kiews. Inzwischen rund 58 Milliarden Euro für Waffen ausgegeben; für 2026 sind weitere 11,5 Milliarden Euro militärische Hilfe vorgesehen.

Viel Geld auszugeben, ist noch keine Verteidigungsstrategie. Entscheidend ist, ob daraus militärische Wirkung entsteht – und ob Deutschland selbst aus seinen Milliardeninvestitionen die richtigen Lehren zieht.

Warum funktioniert es für die Ukraine schneller?

Der Sonderstab zeigt zunächst, dass die deutsche Bürokratie nicht zwangsläufig langsam sein muss. Die Einheit arbeitet mit kurzen Entscheidungswegen und engem Kontakt zu ukrainischen Streitkräften und Rüstungsunternehmen. Beschaffungen werden am konkreten Bedarf der Ukraine ausgerichtet und können dadurch wesentlich schneller als viele Projekte für die Bundeswehr erfolgen.

Gerade das ist der brisanteste Befund des FT-Berichts. Die Bundeswehr leidet seit Jahren unter langwierigen Verfahren, komplizierten Zuständigkeiten und einer Beschaffungskultur, in der Absicherung häufig wichtiger als Geschwindigkeit erscheint.

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Offenbar braucht es dafür keinen technologischen Durchbruch, sondern vor allem klare Verantwortung und politischen Druck. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Deutschland schneller beschaffen kann. Der Sonderstab beweist, dass es möglich ist. Die Frage lautet, warum diese Erkenntnis nicht längst Konsequenzen für die Bundeswehr und womöglich für andere Ministerien hat.

Die Ukraine als Testlabor

Drohnen, elektronische Kampfführung, Aufklärung, Satellitenkommunikation und digitale Lagebilder entwickeln sich auf dem ukrainischen Gefechtsfeld in atemberaubendem Tempo. Es geht dabei etwa um den Einsatz deutscher Quantum-Systems-Drohnen, die mit Starlink verbunden und zur Zielaufklärung genutzt werden. Für Deutschland ist das eine Art Testlabor. Systeme werden unter realen Bedingungen erprobt, Schwachstellen werden unmittelbar sichtbar und neue Taktiken entstehen innerhalb von Wochen statt Jahrzehnten.

Doch genau hier liegt auch eine Schwäche der deutschen Politik. Es reicht nicht, die Ukraine mit Waffen zu versorgen und anschließend festzustellen, dass man daraus eventuell lernen könne. Deutschland muss diesen Wissenstransfer systematisch organisieren und fordern. Sonst bleibt die Ukraine ein Testfeld, dessen Erkenntnisse zwar beobachtet, aber nicht konsequent in die eigene Streitkräfteplanung übersetzt werden.

Erfolg mit Nebenwirkung

Das Luftverteidigungssystem IRIS-T ist ein gutes Beispiel. Deutschland finanzierte Systeme für die Ukraine. Dort konnten sie sich unter Kriegsbedingungen bewähren. Später bestellte auch die Bundeswehr IRIS-T.

Das ist sinnvoll – aber es offenbart zugleich ein strukturelles Problem. Eigentlich müsste die Bundeswehr selbst in der Lage sein, schnell festzustellen, welche Systeme sie benötigt. Stattdessen kann es offenbar erst der Krieg in einem Partnerland zeigen.

Die Lehre daraus sollte deshalb nicht lediglich lauten: „IRIS-T funktioniert.“ Sie müsste lauten: Unsere bisherigen Beschaffungsprozesse sind nicht darauf ausgelegt, aus militärischer Realität schnell genug Konsequenzen zu ziehen.

Schneller heißt nicht automatisch besser

Der Sonderstab ist dennoch kein Patentrezept. Die Beschaffung für die Ukraine und die Ausstattung der Bundeswehr sind nicht identisch. Die eigenen Streitkräfte brauchen langfristige Ersatzteilversorgung, Ausbildung, Wartung, Munition, Logistik und eine belastbare Integration in bestehende Strukturen.

Außerdem wächst mit den Milliarden auch das Risiko von Fehlentscheidungen. Was unter Zeitdruck für die Ukraine sinnvoll ist, muss nicht die beste langfristige Investition für Deutschland sein. Deutschland befindet sich eben nicht im Krieg mit Russland. Gerade bei Drohnen und elektronischer Kampfführung ändern sich Technologien so schnell, dass klassische Rüstungsprojekte mit jahrzehntelangen Nutzungszeiten an ihre Grenzen stoßen. Deutschland muss deshalb aufpassen, nicht einfach mehr Geld in Systeme zu stecken, die für eine andere Ära entwickelt wurden.

Die wichtigste Lehre aus dem FT-Bericht sollte daher nicht sein, den Sonderstab als „geheime Wunderwaffe“ der deutschen Verteidigungspolitik zu feiern. Die deutsche Verteidigungspolitik sollte sich eher fragen: Warum braucht Deutschland eine kleine Guerillaeinheit, um Dinge zu schaffen, die ein Verteidigungsministerium selbstverständlich beherrschen müsste?

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