Der rot-rote Senat will den ehemaligen CDU-Bürgermeister offiziell ehren. Aber es gibt auch Gegenwehr

Diepgen, Honecker und die Ironie der Geschichte

Jan Thomsen
3 Min

Mit dem Verdienstorden, so heißt es im Abschnitt "Auszeichnungen und Ehrungen" auf der offiziellen Homepage des Landes Berlin, zeichne der Berliner Senat Personen aus, wenn deren "hervorragende Verdienste um die Stadt" anzuerkennen und zu würdigen seien. Es gibt diesen Orden im Westteil Berlins seit 1987, gestiftet anlässlich der 750-Jahr-Feier, und zwar vom damaligen Senat unter der Führung eines gewissen Eberhard Diepgen (CDU). Diepgen, heute 65 Jahre alt und Ehrenvorsitzender seiner Landespartei, wird (am 1. Oktober) nun auch der 298. Träger des Berliner Verdienstordens sein. Das ist die erste Ironie.Die zweite ist, dass Diepgen, der vor und nach dem Mauerfall die Stadt mehr als 15 Jahre lang regierte, jene Auszeichnung aus den Händen seines direkten Nachfolgers und Amtsinhabers, nämlich Klaus Wowereit von der SPD, erhalten wird. Von Wowereit stammt auch der Vorschlag der Würdigung - und damit von demjenigen, der 2001 ins Amt kam, weil er eben nicht die Verdienste, sondern besonders ausführlich die Fehlleistungen der Diepgen-Ära in den Vordergrund zu stellen wusste. Es sei an den Berliner Bankenskandal erinnert, in dem enge Parteifreunde des Ex-Senatschefs sehr unrühmliche Hauptrollen spielten. Und vielleicht noch an die exorbitante Verschuldung der Landeskasse, deren Folgen längst nicht bewältigt sind. Zu den offiziellen Gründen des von SPD und Linkspartei gebildeten Senats, warum gerade Diepgen, gerade jetzt, gerade von Rot-Rot geehrt werde, war nichts zu erfahren. Immerhin soll Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linkspartei seinen Fraktionsgenossen erklärt haben, der Diepgen habe ja "nicht nur Mist gebaut".Nun kommt aber noch eine dritte Ironie in diese Geschichte: Der für viele Koalitionäre überraschende Ehrungsplan zugunsten des einstigen Hauptgegners löst vor allem in den Reihen der Berliner Linksfraktion, zu Diepgens Amtszeit PDS genannt, kreativen Unmut aus. Etwa beim Abgeordneten Wolfgang Brauer, 53. Er ist ein belesener und wortgewaltiger Parlamentarier, zu DDR-Zeiten Geschichtslehrer, heute engagierter Kulturpolitiker der Linken. Brauer ist es beim Gedanken an eine rot-rote Ehrung Diepgens dermaßen unbehaglich, dass er einen kühnen Plan zur Gegenwehr entwarf; mit ihm sind, so beteuert er, weitere Genossen der Fraktion. Er will, um "die Absurdität dieses Vorgangs" deutlich zu machen, im Parlament beantragen, dem einstigen DDR-Staatschef Erich Honecker doch ein offizielles Ehrengrab zu gönnen. Dieses sei "natürlich Ironie" - aber als öffentliches Signal durchaus ernst gemeint.Denn wenn selbst Diepgen geehrt werde, findet Brauer, gebe es ja noch ein paar mehr, "unter denen nicht alles schlecht war".------------------------------Foto: Geistert kurz durch die Berliner Debatte: Erich Honecker.

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