BERLIN. Franz Müntefering hat gern das letzte Wort. So greift er ganz am Ende der Veranstaltung noch einmal zum Mikrofon und zitiert aus Gesine Schwans neuem Buch den letzten Satz: "Zukunft haben wir nur gemeinsam."Das hat der SPD-Vorsitzende sich schön ausgedacht. Denn dieser Satz bleibt nun als Botschaft des Abends stehen. Etwas Besseres kann der Präsidentschaftskandidatin der SPD gar nicht passieren in diesen Tagen, da ebenso zufällig wie gezielt neue Zweifel gehegt werden, ob die Sozialdemokraten ihre Bewerbung um das höchste Amt im Staate auch wirklich unterstützen. Da fügt es sich gut, dass Müntefering schon lange zugesagt hatte, gerade an diesem Abend gemeinsam mit Schwan ihr als langes Interview gestaltetes Buch "Woraus wir leben - das Persönliche und das Politische" zu präsentieren.Manche sagen anschließend, Müntefering sei auch schon engagierter aufgetreten. Das mag sein, vor allem, wenn es um seine ganz eigene Agenda ging. Doch der SPD-Vorsitzende lässt zugleich keinen Zweifel an seiner Rückendeckung für die Politikprofessorin und ihre nicht mehr ganz so erfolgsträchtige Mission aufkommen. Horst Köhler mache seine Arbeit als Bundespräsident gut, sagt er, aber: "Zur Demokratie gehört der Wechsel." Deshalb werde er mit seinen Genossen am 23. Mai in der Bundesversammlung für Gesine Schwan stimmen. Es sei ganz normal, dass eine Frau dieses Amt anstrebe, "und deshalb wird das auch so kommen". So geht Münte-Logik.Knappe Mehrheit für KöhlerNun spricht die Zahlenlogik allerdings dafür, dass es eher nicht so kommen wird, aber andererseits: Es sind sehr knappe Mehrheitsverhältnisse, und in einer geheimen Wahl von über 1 200 Delegierten kann jenseits noch so straffer Fraktionsdisziplin manches geschehen. Das weiß man auch bei Union und FDP, was deren nervöse und harte Reaktion auf alles erklärt, was die Kandidatur Schwans angeht. "Vor fünf Jahren war es leichter, da war ich ungefährlicher", lautet ihre Einschätzung der Gegenkampagne.Aber auch sie ist nervöser als damals. Einige entdecken bei Gesine Schwan und ihrem Team nun eine Art Tunnelblick, der nicht so recht zu der ehrgeizigen, aber auch klugen, lebens- und politikerfahrenen Frau passen will. Manche Irritation löst sie selber aus. Die ihr zugeschriebene Klage über mangelnde Unterstützung der Partei gehört dazu, ihre plötzliche scharfe, aber kaum begründete Attacke auf Köhler, er trage zur Erosion der Demokratie bei, ebenso. Dabei war die Klage, Köhler schlage sich in durchaus populistischer Manier gern auf die Seite derjenigen,die sich über die unfähigen Politiker monieren, lange auch in der Union zuhören.Es gehört zur politischen Verantwortung von Müntefering und seinen Leuten, zweierlei zu tun: Die Kandidatin gut zu unterstützen, gleichzeitig aber auch den Schaden einer Niederlage im Mai in Grenzen zu halten. Dann sind es nur noch vier Monate bis zur Bundestagswahl, da möchte man sich keinen Durchhänger mehr leisten. Deshalb kann man wohl schon von gebremstem Eifer sprechen, wenn es um die Entfaltung einer Kampagne "Gesine for President" geht.Und natürlich gibt es auch noch diejenigen in der SPD, die in ihrer Bewerbung ein ungeliebtes Erbe der unglücklichen Ära Kurt Beck sehen. Dem war die vor allem von SPD-Frauen eingefädelte Kandidatur Schwans mehr passiert, als dass er sie gewollt hätte. Doch warum Sozialdemokraten widerspruchslos den zwar irgendwie beliebten, aber auch farblosen Konservativen Köhler wieder ins Amt wählen sollten, konnte Beck eben auch nicht beantworten. Immerhin liegt seinem Nachfolger Müntefering der Schwan'sche Ansatz, immer eher die Chance als die Gefahr zu sehen,durchaus nahe.Also sitzt er nun frohgemut mit ihr auf dem Podium und entwickelt sozialdemokratische Visionen für eine krisengeläuterte, globalisierte Gesellschaft. Es ist eine gepflegte Unterhaltung auf hohem intellektuellem Niveau, aber ganz gewiss kein ausgeklügelter zweiter politischer Kampagnenstart, wie manche vermutet haben. Dafür mutet das ganze Szenario auch zu bizarr an. Denn dem Verlag hat es gefallen, die Urania in Schöneberg als Veranstaltungsort auszuwählen, ein Hort des älteren Westberliner Bildungsbürgertums, fernab von den Zentren der Hauptstadtpolitik.Doch ist das Gestühl des Humboldt-Saals mit ein paar hundert Zuhörern sehr rot, und auch der rote Schal Gesine Schwans leuchtet wie ein Signal. Darauf kommt es an an diesem Abend. Ob die SPD denn auch wirklich voll dabei sei, für Schwan zu mobilisieren,fragt die Moderatorin noch einmal mit leichtem Zweifel. "Aber hallo", sagt Franz Müntefering. Und greift zum Buch der Kandidatin.------------------------------Foto : Die Politikprofessorin Gesine Schwan und SPD-Chef Franz Müntefering bei der Buchpremiere im Humboldt-Saal der Berliner Urania.
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