Demografie

Der Wettbewerb um die nächste Generation

Der demografische Wandel trifft die Regionen unterschiedlich. Für Städte und Landkreise beginnt damit ein Wettbewerb um Einwohner und vor allem um junge Menschen.

Anna Schütz
Anna Schütz
6 Min
Bis 2045 soll die Bevölkerung Deutschlands auf 81,8 Millionen sinken.

Bis 2045 soll die Bevölkerung Deutschlands auf 81,8 Millionen sinken.

© IMAGO/Volker Hohlfeld

„Das demografische Zwischenhoch ist vorbei“, sagt das Berlin-Institut und beruft sich auf die neuen Ergebnisse der „Demografischen Lage der Nation“. Nachdem die letzte Prognose von 2019 noch von einer „bis 2035 weitgehend stabilen Bevölkerung“ ausging, hat sich das Bild mittlerweile verändert. Das Demografie-Institut geht davon aus, dass die Bevölkerung bis 2045 von heute rund 83,3 auf 81,8 Millionen sinken wird.

Doch die Studie zeigt auch: Deutschlands demografische Zukunft ist regional sehr unterschiedlich. Während manche Regionen massiv schrumpfen, gewinnen andere an Bevölkerung dazu. Wird der demografische Wandel damit auch zu einem Wettbewerb um junge Menschen?

Zwei Regionen, zwei Perspektiven

Für die Studie wurden alle 400 Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands untersucht. Fast zwei Drittel von ihnen werden voraussichtlich Einwohner verlieren. Besonders stark trifft es den Osten: 42 der 50 Regionen mit den stärksten prognostizierten Verlusten liegen in den neuen Bundesländern. Zu ihnen gehört Suhl in Thüringen. Bis 2045 dürfte die Stadt rund 30 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren.

Ganz anders ist die Entwicklung im Landkreis Dahme-Spreewald bei Berlin. Dort wird ein Bevölkerungswachstum von rund 17 Prozent erwartet. Für Landrat Sven Herzberger ist das ein gutes Zeichen: „Insgesamt bewerten wir die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung überwiegend positiv. Bevölkerungswachstum stärkt den Wirtschaftsstandort, trägt zur Sicherung von Arbeits- und Fachkräften bei und eröffnet Chancen, die vorhandene Infrastruktur langfristig zu erhalten und weiterzuentwickeln“, sagt er dieser Zeitung.

Die beiden Regionen stehen damit für zwei gegenläufige Entwicklungen. Wachstum kann einen positiven Kreislauf in Gang setzen: Mehr Menschen erhöhen die Nachfrage, vergrößern das Arbeitskräftepotenzial und sichern die Auslastung von Schulen, Kitas, Geschäften und öffentlicher Infrastruktur. Schrumpfung wirkt häufig in die andere Richtung. Wo junge Menschen fehlen, sinkt nicht nur die Zahl der Arbeitskräfte. Auch die Nachfrage nach Angeboten vor Ort nimmt ab, und damit wird es schwieriger, sie dauerhaft zu erhalten.

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Zwei sehr unterschiedliche Ausgangslagen

Dahme-Spreewald profitiert von seiner Lage im Berliner Umland. Der nördliche Teil des Landkreises ist durch gute Verkehrsverbindungen eng mit der Hauptstadt verbunden und gilt als Standort für Gewerbe, Dienstleistungen, Forschung und Bildung. Gleichzeitig bietet die Region mit Wäldern, Seen und dem Spreewald attraktive Wohn- und Erholungsmöglichkeiten.

Suhl dagegen leidet bereits seit der Wende unter Abwanderung und hat seit 1990 rund 38 Prozent seiner Einwohner verloren. Die Folgen sind im Stadtbild sichtbar. In Suhl-Nord lebten zur Wende rund 14.000 Menschen. Der Stadtteil wurde in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgebaut, weil die für eine wesentlich größere Bevölkerung errichtete Infrastruktur nicht mehr ausgelastet war. Entscheidend ist vor allem die Entwicklung bei den jungen Erwachsenen. 2024 lag der Wanderungssaldo der 18- bis 24-Jährigen in Suhl bei -15,3 Prozent. Viele orientieren sich für Ausbildung, Studium oder berufliche Perspektiven in größere Städte. Damit verliert Suhl genau jene Altersgruppe, die für die künftige Bevölkerungsentwicklung besonders wichtig ist.

Eine Plattenbausiedlung am Stadtrand von Suhl

Eine Plattenbausiedlung am Stadtrand von Suhl

© Martin Schutt/dpa

Warum wächst Dahme-Spreewald?

Ein wichtiger Grund für die unterschiedliche Entwicklung ist der Arbeitsmarkt. Junge Menschen entscheiden bei der Wahl ihres Wohnorts nicht nur danach, ob eine Wohnung verfügbar ist. Sie brauchen eine berufliche Perspektive, gute Erreichbarkeit, bezahlbaren Wohnraum und – spätestens mit der Familiengründung – verlässliche Kinderbetreuung, Schulen und Freizeitangebote.

Dahme-Spreewald kann viele dieser Faktoren mit der Nähe zur Hauptstadt verbinden. Hinzu kommt der Flughafen BER. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Flughafen rund 35.200 Vollzeitarbeitsplätze und 3,7 Milliarden Euro Wertschöpfung in Berlin und Brandenburg erzeugt. Im Landkreis Dahme-Spreewald hängen rund 6700 Vollzeitarbeitsplätze unmittelbar oder mittelbar mit dem BER zusammen. Das entspricht nahezu jedem achten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz im Landkreis.

Neben einem Arbeitsplatz kommt es für Sven Herzberger auf mehr an: „Unser Ziel ist es, nicht nur Menschen für den Landkreis zu gewinnen, sondern ihnen auch langfristig eine Perspektive zu bieten.“ Deshalb gehöre bezahlbarer Wohnraum, Familienfreundlichkeit sowie ein bedarfsgerechtes Angebot an Kitas, Schulen und Kinderbetreuung zu den wesentlichen Schwerpunkten der Kreispolitik. „Darüber hinaus ist eine starke soziale Infrastruktur entscheidend dafür, dass Menschen sich vor Ort wohlfühlen und heimisch werden“, sagt der Landrat. Er fügt hinzu: „Sportvereine, ehrenamtlich Engagierte, Feuerwehren, die Jugendarbeit, Kulturvereine und religiöse Gemeinschaften leisten hierzu einen unverzichtbaren Beitrag. Sie stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und fördern die Identifikation mit der Region.“

Blick auf die Paul-Gerhardt-Kirche und Wohnhäuser der Stadt Lübben im Landkreis Dahme-Spreewald

Blick auf die Paul-Gerhardt-Kirche und Wohnhäuser der Stadt Lübben im Landkreis Dahme-Spreewald

© Patrick Pleul/dpa

Was kann Suhl entgegensetzen?

Suhl kann den Standortvorteil des Berliner Umlands nicht kopieren. Die Stadt hat aber eigene Argumente. Sie verfügt über Arbeitsplätze und Ausbildungsangebote. Anfang 2026 standen 208 offene Stellen zur Verfügung; gleichzeitig waren 184 Ausbildungsstellen im Agenturbezirk Thüringen Südwest gemeldet. Für junge Menschen gibt es also durchaus berufliche Einstiegsmöglichkeiten vor Ort.

Auch beim Wohnen verändert sich etwas. Nach Jahren des Rückbaus entstehen wieder neue Wohnungen. 2024 begann beispielsweise der Bau einer Wohnanlage mit größeren Wohnungen, die ausdrücklich auch junge Familien ansprechen soll. Kindergärten, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Bushaltestellen sind dort fußläufig erreichbar. Hinzu kommen kurze Wege, Natur und die Verbindung von städtischer Infrastruktur mit dem Thüringer Wald. Für junge Menschen kann das attraktiv sein – in der Realität reicht dieses Angebot bislang jedoch nicht aus, um die Abwanderung auszugleichen.

Die Folgen für die Zukunft

Der Handlungsdruck wächst im gesamten Bundesgebiet. 2025 lag die Geburtenziffer bei 1,32 Kindern pro Frau; mit 654.241 Geburten wurde der niedrigste Stand seit 1946 erreicht. Gleichzeitig erreichen die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter wird damit in vielen Regionen zurückgehen. Für Kommunen bedeutet das mehr als einen Rückgang der Einwohnerzahl. Es geht um die Besetzung von Arbeitsplätzen, die Finanzierung öffentlicher Leistungen und die Frage, welche Infrastruktur sich künftig noch aufrechterhalten lässt. Für wachsende Regionen entsteht ein anderer Druck: Sie müssen Schulen, Kitas, Wohnungen, Verkehr und andere Angebote schnell genug ausbauen, damit das Wachstum nicht selbst zum Problem wird.

Mehr als ein Wettbewerb um Einwohner

Der demografische Wandel wird damit tatsächlich zu einem Wettbewerb um junge Menschen. Aber nicht jede Region konkurriert mit denselben Voraussetzungen. Entscheidend ist deshalb nicht, welche Region die größte Zahl neuer Einwohner verspricht. Entscheidend ist, ob junge Menschen dort eine tragfähige Lebensperspektive finden: einen Arbeitsplatz, den sie erreichen können, eine Wohnung, die sie bezahlen können, gute Bedingungen für Kinder und ein Umfeld, in dem sie soziale Beziehungen aufbauen können.

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