Wer beschenkt hier eigentlich wen? Das dürfte eine Frage sein, die an Heiligabend öfter diskutiert wird. Gerade dann nämlich, wenn es sich beim hübsch verpackten Corpus Delicti um feine Damenwäsche handelt. Nicht immer suchten die Herren etwas aus, das ihren Freundinnen oder Frauen auch wirklich gefällt, sagt Marloes Hoedeman – manchmal ginge es ihnen bloß um die eigenen Fantasien.
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Aber es tut sich was, sagt die Wäsche-Expertin, die ein eigenes Label in Amsterdam führt. Wir haben sie gefragt, ob Dessous nach wie vor zu den klassischen Weihnachtspräsenten zählen, was schenkungswillige Männer bei der Auswahl beachten sollten – und warum die milde Gabe an sich selbst sowieso die Beste ist.
Frau Hoedeman, der Freundin oder Frau zu Weihnachten Dessous schenken – ist das im Jahr 2022 noch eine gute Idee?
Jedenfalls ist es eine Idee, die noch immer oft aufgegriffen wird. Die Vorweihnachtszeit ist nach wie vor eine ganz wichtige Zeit für das Lingerie-Business. Aber dabei haben wir gar nicht unbedingt die schenkenden Männer im Blick haben. Ich bin der Ansicht, Frauen sollten sich vor allem öfter mal selbst was schenken – ob zu Weihnachten oder einfach so. Diese Form der Selbstwertschätzung finde ich ganz wichtig. Und genauso wichtig finde ich es, wenn man denn die schenkende Person ist, der Beschenkten auch wirklich eine Form der Wertschätzung entgegen bringen zu wollen. Und in Bezug auf Dessous merken wir in unseren Geschäften tatsächlich, dass das immer mehr genau so passiert.
Fachfrau fürs Feine: Marloes Hoedeman.
© Love Stories
Wie wird das denn deutlich?
Wir stellen immer öfter fest, dass die meisten Männer, die bei uns reinkommen, sehr genau darüber Bescheid wissen, was ihrer Partnerin gefällt. Eben weil sie ihr wirklich zuhören und sich nach ihren Wünschen richten, statt nach der eigenen Fantasie. Manchmal kommen sie mit richtigen Listen, was die Freundin oder Frau braucht. Ich finde es auch gar nicht verkehrt, sich vorher ein bisschen darüber auszutauschen, die Partnerin auszuhorchen oder in ihrer Schublade nachzusehen, was sie sich selbst für Dessous kauft.
Werten Sie das als gutes Zeichen, dass viele Männer nun auch in diesem Bereich besser zuhören?
Ja – und genauso, dass Frauen offenbar sehr deutlich kommunizieren, was sie brauchen und möchten. Es ist nicht mehr so, dass sie an Weihnachten irgendwelche Reizwäsche auspacken, die ihnen gar nicht gefällt, sich dann aber reinzwängen, um des lieben Friedens willen. Stattdessen machen sie sehr deutlich, worin sie sich wohlfühlen. Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Und daran sollten sich Männer orientieren.
Wie haben sich denn die Bedürfnisse im Wäschebereich verändert?
Was sich schon vor der Pandemie abzeichnete, hat sich mit ihr nochmal verstärkt: Es gibt ein viel größeres Bedürfnis nach Komfort. Man merkt das zum Beispiel im Hinblick auf das Bralette als bequemere Variante des klassischen BHs. Es wird immer beliebter, gerade nach den Zeiten des Homeoffice, in dem Frauen entweder entspanntere Modelle oder gleich gar keinen BH getragen haben. Aber abgezeichnet hat sich diese Tendenz wie gesagt schon vor der Pandemie. Es geht immer mehr darum, worin sich Frauen wohlfühlen, wie sie sich selbst sehen. Und weniger darum, wie sie von Männern gesehen werden oder gesehen werden wollen. Insofern glaube ich, dass auch in diesem Jahr viele Dessous unter der Tanne liegen, aber eben andere als vor zehn Jahren noch.
Für jede was dabei: Hoedeman will mit ihrer Marke unterschiedlichste Bedürfnisse befriedigen.
© Roshanak Amini für Berliner Zeitung. Verwendete Fotos: Love Stories
Für diese Entwicklung spräche auch die große Krise, in der Victoria’s Secret seit einigen Jahren steckt. Ein Label, das nicht nur von einem Mann entwickelt wurde, sondern sich auch explizit an Männer richten wollte, die auf der Suche nach Reizwäsche für ihre Frau sind.
Ja, in diesem Jahr gab es mit „Victoria’s Secret: Angels and Demons“ sogar eine eigene Dokumentation dazu. Ich würde sagen, diese Marke hat einfach den Anschluss verpasst. Nun versucht man da vieles anders zu machen, zum Beispiel gibt es diese große Modenschau nicht mehr, in der Models zur Unterwäsche Engelsflügel tragen. Ob das ein ernsthafter Versuch ist, etwas besser zu machen, weiß ich nicht. Jedenfalls gibt es auch große Marken wie Fenty oder Calvin Klein, die tolle Arbeit leisten und zum Beispiel unterschiedliche Körperformen sichtbar machen. Sie werfen ein positives Licht auf die Dessous-Branche und das hilft auch kleineren Marken wie unserer.
Sie haben Ihr eigenes Label Love Stories 2013 in Amsterdam gegründet, seitdem ist es gerade für flamboyante Wäsche bekannt. Versuchen Sie zur Weihnachtszeit trotzdem, entwerferisch nochmal richtig Gas zu geben?
Klar, zu dieser Zeit drehen wir gerne nochmal auf. Kristallsteine, Federn, Pailletten überall. Wir wollen zwar nicht, dass unsere Kundinnen wie ein Weihnachtsbaum aussehen, aber sich vielleicht festlich fühlen. Dahinter steht auch die Idee, dass Dessous immer öfter sichtbar getragen werden. Sie sind ja oft auch viel zu schön, um sie zu verstecken. Mir persönlich gefällt zum Beispiel ein pinkfarbenes, komplett mit Pailletten besetztes Bralette aktuell sehr gut. Wer dazu eine hochgeschnittene Hose und nur noch einen schönen Blazer drüber trägt, hat einen tollen Look für den Abend. Andere Kundinnen lassen vielleicht gern ein Stückchen Spitze vom BH durchblitzen, den sie unter einem gemütlichen Pullover mit großem Ausschnitt tragen. Ich mag die Idee einer Unterwäsche, die wirklich ein eigenständiges Kleidungsstück ist.
Zur Person
In dieser Saison haben Sie auch den roten Slip im Programm, der zum Jahresende hin keine unwichtige Rolle spielt: In Italien heißt es, wer in der Silvesternacht rote Wäsche trägt, hat im kommenden Jahr viel Glück.
Für uns ist es das erste Mal seit zehn Jahren, dass wir überhaupt rote Dessous in der Kollektion haben. Ich fand das in der Vergangenheit eigentlich immer ein bisschen zu klischeehaft. Aber in dieser Saison hat es sich irgendwie richtig angefühlt, den Pudertönen, mit denen wir meistens arbeiten, mal etwas richtig Krachendes entgegenzusetzen. Ich bin gespannt zu sehen, wie das von unseren Kundinnen angenommen wird. Wie wohl sie sich in dieser klassischen Dessous-Farbe fühlen. Denn das ist ja heute, wie gesagt, die Hauptsache.
Es heißt oft, gerade am Umgang mit Unterwäsche ließen sich emanzipatorische Veränderungsprozesse ablesen. Sehen Sie das auch so?
Ich finde schon, dass Unterwäsche und Dessous solche Prozesse abbilden oder sogar mitformen. Von der Befreiung des Korsetts am Anfang des 20. Jahrhunderts, über die Zeit der brennenden BHs in den Sechzigern und Siebzigern, bis zur Geschichte mit den Victoria’s-Secret-Engeln, über die wir vorhin sprachen. Und nun dreht sich das seit einigen Jahren wieder. Das finde ich so spannend an Unterwäsche: Dass sie zutiefst persönlich und manchmal eben doch auch politisch ist. Insofern erfährt man bei einem Blick in die Unterwäsche-Schublade einer Frau viel über sie – aber eben auch über die Welt.
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