Reinhard Höppner hat in letzter Zeit bloß noch wie der Alte Fritz gerufen: Ihr sollt mich lieben! Anders als der Preußenkönig hatte der sich Ministerpräsident eines Bundeslandes nennen müssende Oberpräsident der preußischen Provinznachfolgeverwaltung keinen Stock zur Verfügung, mit dem er seine Untertanen hätte zwingen können. Ohne Fritzens Hand wäre zum Beispiel das Oderbruch nicht trockengelegt worden, wofür man ihm heute mit Tränen in den Augen alte Denkmäler wieder aufstellt. Der freundliche Staatsdiener Höppner in Sachsen-Anhalt ist abgewählt worden, weil er nicht herrschen konnte, und so spielen seine Landeskinder wieder Ringelreihen: der Nächste bitte. Für sie besteht das Neue noch immer darin, dass sie sich selber jemand aussuchen dürfen. Das sind sie nicht gewöhnt, und wollen es vielleicht nicht. Ob er ein Gesetz für mehr Zufriedenheit im Lande auf den Weg bringen solle, hatte Höppner gefragt. Ein Mann mit Witz, Verstand, Moral. Was machte er da in der Politik?Falsch gemacht hat er wenig. Die Wirtschaftszahlen im Königreich Sachsen sind kaum besser, doch die Leute fröhlich, eigen, vigilant. Was das zum Land nicht erwachte Sachsen-Anhalt brauchte, wäre möglicherweise das, was Preußen tat, und das ist durch Gesetz eingeschränkt: Richtungsentscheidung, Durchsetzungsvermögen, Perspektive. Der Demokratie, die Freiheit über Sozialität setzt, ansonsten keine Erfahrung überdenken, noch gar handeln will, werden in den entindustrialisierten Gebieten Mitteldeutschlands keine Denkmäler errichtet werden. Dass der rot-rote Kirchenmann der SPD im Selbertun ungeübte Leute nicht begeistern konnte, stand zu erwarten. Der Nächste wird kaum anders sein. Zwischen Harz und Chemie schläft nicht nur Barbarossa, hier wird seit Thomas Müntzer oder Max Hölz immer wieder neu geschlafen, und ohne dass es jemand zugäbe, regiert derweil die Nationale Front, denn man ist miteinander vertraut, ob SED oder Blockflöte, die Unterschiede sind nur vom Westler wahrnehmbar, der sie in der Zeitung las. Die Nachfolgeparteien singen alle gemeinsam den Refrain: Wir sind von hier, und genau deswegen wird nichts. Die Polaritäten der Altbundesparteien werden nicht kapiert, denn würden sie beherzigt, wäre es nur noch schlimmer, weil sich keine Parteizentrale für Sachsen-Anhalt interessiert. Die Wahl fand am 21. April statt. An dem Tag vor 56 Jahren wurden SPD und KPD zwangsvereinigt. Bei der Wahl spielte das Datum keine Rolle. Warum auch? Die ungleich-gleichen Brüder SPD und PDS konnten (wie die anderen) der "Mauligkeit", der Apathie, dem gebrochene Selbstbewusstsein, der Heimatlosigkeit des Facharbeiters nichts entgegensetzen. Da ist die Wahl ein Beschwichtigungsversuch.
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