Zerbrochene Fensterscheiben, leere Hallen, efeuumrankte Backsteinfassaden mit kleinen Türmchen: Jahrelang war das Gelände der ehemaligen Diamant-Brauerei an der Lübecker Straße einer der bekanntesten Lost Places Magdeburgs. Fotografen kamen, um den Verfall festzuhalten. Heute sind es Bauarbeiter, Kräne und Baustellenzäune, die das Bild des Areals in der Neuen Neustadt prägen. Wo einst Bier gebraut, gelagert und verladen wurde, entsteht nun Schritt für Schritt ein neues Wohnquartier – das Diamantwerk.
Auf dem stillgelegten Brauereigelände werden derzeit 176 Wohnungen in mehreren Projekten entwickelt. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Diamantwerk der Biederitzer Immobilien Projektentwicklungs GmbH. Im ehemaligen Bierlager der Brauerei entstehen 46 Eigentumswohnungen, verbunden über ein Atrium und jeweils mit Balkon oder Terrasse. Geschäftsführer Riklef Roehl zufolge liegt das Vorhaben im Zeitplan: Die Innenräume sollen 2026 fertig werden, die ersten Bewohner voraussichtlich im Sommer 2027 einziehen.
Direkt daneben plant derselbe Projektentwickler mit den Urbanunits einen Neubau, der inzwischen mit einer deutlich anderen Idee weiterverfolgt wird als zunächst angekündigt. Ursprünglich war das Gebäude als größtes Holzhaus Sachsen-Anhalts mit 34 Wohnungen vorgesehen. Inzwischen wurde das Konzept vollständig überarbeitet: Statt Holz kommt nun Beton zum Einsatz, statt 34 Wohnungen entstehen 104 möblierte Mikroapartments, die sich vor allem an Studenten richten.
Zwischen Atrium, Mikroapartments und Oldtimerkeller stellt sich eine Frage besonders drängend: Wie viel von der Industriegeschichte bleibt hier am Ende noch sichtbar?
Geschichte in Mauerwerk gegossen
Gerade dieser Umbau der alten Industriebrache wirft die Frage auf, was von der historischen Substanz am Ende erhalten bleibt. Fest steht inzwischen immerhin: Bei der ehemaligen Diamant-Brauerei handelt es sich nicht einfach um irgendein altes Fabrikgelände. Nach Auskunft der Denkmalschutzbehörde ist die Anlage als Baudenkmal im Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt eingetragen. Begründet wird das mit geschichtlichen, kulturell-künstlerischen, städtebaulichen und technisch-wirtschaftlichen Gründen.
Industriekultur Sachsen-Anhalt: Mit Förderungen und Rekordbeteiligung
„Eine stille Renaissance“: Der Osten schrumpft, altert – und erfindet sich neu
In der offiziellen Denkmalbegründung ist von monumentalen Backsteinrohbauten, straßenbildprägenden Malzdarren und einer für die wilhelminische Industriezeit typischen Architektur die Rede. Die Behörde bezeichnet die ehemalige Brauerei darin als „ein bedeutendes wirtschaftliches Zeugnis einer industriellen Großbrauerei des späten 19. Jahrhunderts“ und als „eine der eindrucksvollsten Industrieanlagen dieser Epoche in Sachsen-Anhalt“. Auf weitere Fragen ging das Amt nicht ein und verwies auf ein laufendes Verfahren sowie auf die Rechte privater Dritter. Auch eine Anfrage an die Biederitzer Immobilien Projektentwicklungs GmbH mit Fragen zum Bauablauf, zur künftigen Nutzung und zum Umgang mit dem denkmalgeschützten Bestand blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Vor Ort wird der Wandel schon jetzt sichtbar. Das, was das Gelände einst zu einem Magneten für Urban-Explorer, Fotografen und Liebhaber alter Industriearchitektur machte, verschwindet Stück für Stück hinter Baugerüsten, neuen Grundrissen und Vermarktungskonzepten. Die Geschichte bleibt zwar im Mauerwerk eingeschrieben, doch sie tritt immer stärker hinter die Sprache des Immobilienmarkts zurück.
Oldtimer im Gewölbekeller, Gastronomie zur Straße
Beide Vorhaben sollen zusammen ein neues Quartier bilden. Nach Angaben des Investors gehören dazu auch ein Fitnessstudio und ein Spielplatz. Eine der auffälligsten Ideen steckt allerdings unter der Erde: Im ehemaligen Bierkeller sollen 72 Stellplätze für Oldtimer und andere hochwertige Fahrzeuge entstehen. Erreichbar sein sollen sie über einen eigens eingebauten Autoaufzug. Zur Gröperstraße hin ist außerdem eine Gastronomie geplant, für die nach Angaben von Roehl noch ein Betreiber gesucht wird.
Die markanten Backsteinfassaden der ehemaligen Diamant-Brauerei prägen das Areal in der Lübecker Straße bis heute.
© Olaf Schulz/imageBROKER/imago
Es ist ein Kontrast, wie er auf dem Gelände kaum größer sein könnte: Dort, wo früher gelagert wurde, sollen künftig Sammlerfahrzeuge stehen. Wo einst Brauereiarbeiter ein- und ausgingen, ist heute von Eigentumswohnungen, Mikroapartments und Quartierskonzepten die Rede. Offen ist die Zukunft des Herzstücks der Anlage: der Mälzerei mit dem Sudhaus. Sanierungspläne gibt es laut Volksstimme seit Jahren, umgesetzt wurde bisher keiner. Ende 2025 wurden das Gebäude und weitere Grundstücke zwangsversteigert, den Zuschlag erhielten Käufer aus Magdeburg, die nun eine Sanierung planen sollen.
Keine Wohnungsnot in Magdeburg
Bemerkenswert ist, dass die 176 Wohnungen ausgerechnet in einer Stadt entstehen, in der Fachleute eine generelle Wohnungsnot bestreiten. „Wir haben kein Wohnungsproblem in Magdeburg“, sagte der Immobilienmakler und IVD-Vizepräsident Robert Vesely jüngst gegenüber der Volksstimme. Es fehle nicht an Wohnraum im Allgemeinen, sondern an bestimmten Angeboten – vor allem an großen Wohnungen und bezahlbarem barrierefreien Wohnraum.
Kunstmuseum Magdeburg: Neue Ausstellung „Das geteilte Jetzt“
„Simson S51“: Wie Jassin aus Sachsen-Anhalt das legendäre DDR-Moped besingt
Sein Befund: „Wir haben für jeden Geldbeutel Wohnraum.“ Vor diesem Hintergrund wirkt das Diamant-Quartier weniger wie eine Antwort auf akute Wohnungsnot – sondern eher wie ein gezielt vermarktetes Angebot für Eigentumskäufer, Studenten und Oldtimerliebhaber.
„Stadt und Land trinkt Diamant“
Dabei reicht die Geschichte der Brauerei weit zurück. Gegründet wurde sie am 5. April 1841 von den Brüdern Albert und Hermann Wernecke im Bayerischen Hof an der Berliner Straße. Schon zwei Jahre später reichte der Platz nicht mehr aus; in der Neustadt wurde ein größeres Gelände erworben. Die Produktion wuchs schnell: von 1.383 Hektolitern im Gründungsjahr auf 10.000 Hektoliter 1853 und 70.000 Hektoliter im Jahr 1870. Am 18. August 1871 wurde das Unternehmen in die Aktien-Brauerei Neustadt-Magdeburg umgewandelt.
Aus einer frühen Braustätte wurde in den folgenden Jahrzehnten eine Anlage, die weit über Magdeburg hinaus Bedeutung gewann. Genau darauf verweist auch die Denkmalbegründung des Landes: Sie beschreibt die Brauerei als traditionsreiches Unternehmen, dessen bauliche Expansion die Anlage zu einer der eindrucksvollsten Fabriken Magdeburgs gemacht habe. Die sieben- bis zehngeschossigen Backsteinbauten, die gewaltigen Kelleranlagen und die turmartigen Malzdarren erzählten noch heute von diesem Anspruch.
Gerade deshalb wirkt die Entwicklung des Areals wie ein Lehrstück darüber, wie Städte mit ihrem industriellen Erbe umgehen. Die Diamant-Brauerei verschwindet nicht vollständig – dazu ist ihre Geschichte zu groß, ihr baulicher Rest zu markant, ihr Denkmalstatus zu eindeutig. Aber sie bleibt auch nicht in der Form erhalten, in der viele Magdeburger sie aus Jahren des Leerstands kennen: als raues, verwittertes, fast unwirkliches Stück Stadtgeschichte. Aus dem Lost Place wird ein Wohnquartier. Die Frage ist nicht mehr, ob sich das Gelände verändert. Sondern, wie viel von seinem alten Charakter den Umbau überlebt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]