Im flirrenden Intro dreht sich das Roulette, flattern die Geldbündel, rekelt sich eine Frau auf dem Laken – und würgt schließlich teuren Schmuck heraus. Die ARD-Serie „Selling Sex“ zeigt käuflichen Sex als besonderes Luxusgut. Die Wirtschaftsstudentin Nelly (Ella Morgen) steht zu Beginn im Slip auf einem Hotelbalkon und erzählt, warum sie als Escort-Girl „Aurora“ anfing: Sie hat sich für das Studium an der Privatuniversität hoch verschuldet, glaubt nicht mehr an ihre Karrierechancen und hat auch kein prickelndes Liebesleben.
Damit zeigt diese ARD-Serie, die im Ersten erst kurz vor Mitternacht beginnt und ganz auf die Onlineausstrahlung setzt, ein anderes Bild von der Prostitution als die meisten Krimis zur Hauptsendezeit. Denn hier geht es nicht um junge Frauen, die ihren Körper in ranzigen Bordellen oder Wohnwagen verkaufen müssen, ständig von Gewalt bedroht sind und deshalb gerettet werden müssen.
Einen Anflug von Krimi besitzt nur die Episode, als die Newcomerin mit drei Kolleginnen zu einem Junggesellenabschied in ein abgelegenes Anwesen fährt – und dort auf acht Männer arabischer Abstammung trifft. Aber selbst hier behalten die Frauen die Oberhand und verteidigen ihre Selbstbestimmung.
Bordellbesuch am Hurentag: „Es werden oft falsche Entscheidungen getroffen, weil zu wenig Einblick in unsere Lebenswirklichkeit vorhanden ist.“
In die Drehbücher sind die Erfahrungen einer Insiderin eingeflossen: Die Co-Autorin Marie C. König hat selbst zehn Jahre lang im Escort-Business gearbeitet. Sie stellt in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland klar, dass sie aus einer Position der Macht heraus gearbeitet hat, und beschreibt diese Dienstleistung als ein Spiel, von dem sie immer wusste, wie es ausgeht. Eine solche Haltung hatte in der Berliner Zeitung auch Hanna Lakomy in ihrer Kolumne vertreten: Sie beschreibt ihre Agentur als exklusiven Klub emanzipierter Frauen, die frei und selbstbestimmt ihr Dasein als moderne Kurtisanen genießen.
Zusammenbruch in der Dampfsauna
„Selling Sex“ feiert in manchen Szenen die Sexarbeit als regelrechten Rausch – manches wirkt stylish wie im Videoclip. Die Regisseurin Miriam Dehne hat Design studiert und Videos für die Berliner Band 2raumwohnung gedreht. Dabei will die Serie Probleme aber keineswegs ausblenden. Das zeigt sich in der Figur der Liliana (Lera Abova). Sie gibt ihre dreijährige Tochter immer bei ihrer Mutter ab, die glaubt, sie würde kellnern. Außerdem wird sie von der Agenturchefin unter Druck gesetzt: Sie soll sich einer OP unterziehen, um jugendlich-straffer zu wirken.
Doch oft wirken die Episoden eher skurril. Ein älterer Manager hat zwei Escort-Girls in ein Berghotel eingeladen und bricht beim Sex in der Dampfsauna zusammen. Als Nelly für einen smarten Bitcoin-Millionär (Madieu Ulbrich) die Domina spielen soll, fragt sie heimlich die KI ihres Smartphones, wie sie sich verhalten soll. Die Jagd nach immer besser bezahlten Jobs beeinträchtigt ihr Privatleben: Nelly versetzt ihre beste Freundin bei deren großem Auftritt – die Modestudentin Bonnie (Manal Raga al Sabit) hat Kostüme für Sexarbeit kreiert. Auch die Beziehung zu dem Kollegen Ben (Malik Blumenthal) bleibt kompliziert. Denn er will im Bett die echte Nelly und nicht die professionelle Aurora. Ella Morgen bewältigt diesen Spagat bravourös: Ihre Nelly/Aurora ist eine reizvolle und komplexe Figur.
Prostitution: Die Frauen von der Kurfürstenstraße verdienen mehr als Verbote
Insgesamt entwickelt sich „Selling Sex“ zu einem knallig inszenierten Plädoyer für die selbstbestimmte Sexarbeit und damit zu einem politischen Statement. Bei der Frauen-Union der CDU, die ein Sexkaufverbot fordert und Prostitution für unvereinbar mit der Menschenwürde hält, dürfte die Serie auf wenig Gegenliebe stoßen.
Selling Sex. Sechs Folgen à 30 Minuten, ab 28.8., in der ARD-Mediathek, ab 23.50 Uhr im Ersten
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