Die Mütter vom Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg haben grüne Luftballons an ihre Kinderwagen gebunden. Heiko Thomas, der Grünen-Spitzenkandidat für Pankow, und seine Leute habe sie ihnen in die Hand gerückt. Der 40-jährige Thomas hat seinen Wahlkampfstand direkt vor dem Kinderspielplatz aufgestellt. Mütter sprechen ihn dort auf einige Themen an, auch auf das neue Online-Durchsuchungsgesetz. "Ich bin dagegen", sagt Heiko Thomas dann freundlich. Hier in der Gegend, zwischen Bio-Kuchenbistro und Dachgeschoss, ist inzwischen das Wählerklientel der Grünen zu Hause. Dazu gehören viele Menschen aus der Medien- und Kulturszene. Deshalb ist hier auch die Online-Durchsuchung Thema und weniger Hartz IV. Die Bevölkerung hat sich seit der Wende zu nahezu 80 Prozent ausgetauscht, viele junge Akademiker sind aus dem Westen zugezogen, so wie vor zehn Jahren auch Heiko Thomas. "Die Menschen möchten hier das urbane Leben genießen", sagt Stadtsoziologe Hartmut Häußermann. Bei der Europawahl im vergangenen Juni stimmten etwa am Helmholtzplatz mehr als die Hälfte für die Grünen. Heiko Thomas, der einen Roller mit Elektromotor fährt, zieht daraus seine eigenen Schlüsse. "Ich glaube fest daran, dass ich im Bezirk Pankow direkt gewählt werde." Bisher war der Wahlkreis dem SPD-Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse sicher, der seit gut 30 Jahren in derselben Wohnung am Kollwitzplatz lebt. Bei den Erststimmen hatte Thierse 2005 einen beeindruckenden Vorsprung von knapp 17 Prozent auf den nächsten Kandidaten.Neben Heiko Thomas hat inzwischen der Linke-Direktkandidat Stefan Liebich, mit seinen erst 36 Jahren bereits Politik-Routinier, seinen Stand aufgestellt. "Als ich vor vier Jahren erstmals gegen Thierse antrat, dachte ich auch, ich gewinne den Wahlkreis direkt." Den smarten Liebich, der selbst lange hier gewohnt hat, ist der Prenzlauer Berg inzwischen fremd geworden. "Die Neuzugezogenen begegnen meiner Partei mit großen Vorbehalten", sagt er. Vielleicht zehn Prozent könnte die Linke in der Gegend um den Kollwitzplatz noch holen. Dabei sei die Bevölkerung hier ja sozialen Fragen gegenüber aufgeschlossen, sogar mit einer gewissen Umverteilung von Reichtum einverstanden. "Wahrscheinlich würden sich viele hier von uns abkassieren lassen, um für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen." In der Auseinandersetzung vermeidet Liebich scharfe Töne, lobt die Politik der Grünen etwa beim Atomausstieg.Doch alle Kandidaten müssen für die Wahl gerade auch in den Alt-Bezirken Pankow und Weißensee werben. Denn nur 60 000 der insgesamt 232 000 Wahlberechtigten lebt in dem Teil von Prenzlauer Berg, der zum Wahlkreis gehört.Grünen-Kandidat Heiko Thomas, gelernter Wasserinstallateur, studierter Politologe und derzeit Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Abgeordnetenhaus, hat sich deshalb bewusst Ecken ausgesucht, wo er mit seinen Leuten Wahlkampf macht - Karow oder Niederschönhausen etwa. Hier ziehen immer mehr Familien hin, oft aus dem Prenzlauer Berg. Auch Heiko Thomas baut in Pankow gemeinsam mit Freunden ein Energiesparhaus.Liebich und die Linke haben sich gewissermaßen in die Bereiche nördlich und östlich der S-Bahn-Trasse zurückgezogen. Neben den vielen traditionellen Wählern ihrer Partei leben dort - etwa in den Häuserblocks von Buch - Menschen mit dem Gefühl, gesellschaftlich im Abseits zu stehen. Hartz IV und steigende Mieten sind die Themen an den Ständen der Linken. Von einer "verschämten Armut" im Bezirk sprechen auch die Grünen.Wolfgang Thierse, 65, zeigt sich am Wochenende bewusst auf dem Fest des SPD-Ortsverbandes auf dem Helmholtzplatz, genau dort, wo die Grünen so stark sind. "Guten Tag, ich bin Wolfgang Thierse", stellt er sich den Passanten vor, als wüssten die nicht, wer er ist. Thierse will bescheiden rüberkommen, gerade weil die anderen Kandidaten ihn als abgehoben darstellen wollen. "Niemand von denen kennt den Bezirk so gut wie ich", sagt er siegesgewiss.------------------------------"Der Wandel hier bedeutet Verdrängung durch Verteuerung, aber auch Erhalt der Bausubstanz." Wolfgang Thierse, SPD-KandidatFoto: Linke-Direktkandidat Stefan Liebich (l.) warb am Wochenende in Prenzlauer Berg für seine Partei, Grünen-Direktkandidat Heiko Thomas (r.) in Rosenthal.
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