Theater

Die Beziehungshöllen von gestern im Berliner Ensemble: ein seltsam unausgegorenes Format

Oliver Reese bringt Yasmina Rezas Episodenroman „Glücklich die Glücklichen“ im Neuen Haus des BE auf die Bühne. Was macht der instinktsichere Publikumsintendant daraus?

Doris Meierhenrich
Doris Meierhenrich
3 Min
„Glücklich die Glücklichen“ von Yasmina Reza im Berliner Ensemble, Szene mit Amelie Willberg und Cordelia Wege (v.l.)

„Glücklich die Glücklichen“ von Yasmina Reza im Berliner Ensemble, Szene mit Amelie Willberg und Cordelia Wege (v.l.)

© Gianmarco Bresadola

Wer in ein Stück der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza geht, weiß im Grunde, was ihn erwartet. Fast immer durchspielt es so geschliffene wie brutale Sektionen von intimen Gefühls- und Beziehungslagen, deren Präzision und Unerbittlichkeit man sich trotz ihrer Privatheit nur schwer entziehen kann. Oft, nicht immer.

So wie in den 21 kleinen, mit hauchdünnen Zufallsfädchen zusammenhängenden Episoden, die ihren bereits 2014 erschienen Roman „Glücklich die Glücklichen“ bilden.

In je eigenen Kapiteln erzählen darin fein säuberlich aufgereiht 18 Menschen von ihren verkorksten, ersehnten, traurigen, bizarren, schmerzlichen, allzu menschlichen Seitensprung- und Alltagshöllen, was in seiner politisch-sozialen Kontextlosigkeit an aufgewühlten Tagen wie heute eigentlich nur noch putzig wirkt. Oder wohlstandsblind.

Eine edelholzgetäfelte Korridorkulisse

Umgekehrt macht aber vielleicht gerade auch dieser entlastende Rückzug von außen in die Verästelungen individueller Psychen verständlich, warum ein instinktsicherer Publikumsintendant und Regisseur wie Oliver Reese nun seine Kurzfassung des Romans ins Neue Hauses des BE gebracht hat.

Amelie Willberg und Gerrit Jansen im Berliner Ensemble

Amelie Willberg und Gerrit Jansen im Berliner Ensemble

© Gianmarco Bresadola

Der Edelboulevard jedenfalls ruht in der edelholzgetäfelten Korridorkulisse von Bühnenbildner Hansjörg Hartung mit raumweitenden Spiegelwänden und versteckten Türen in sich.

Solange zumindest, bis die libidinösen Unterströmungen der wortreich vorbeiziehenden Paare und Passanten an die Oberfläche brodeln. Es ist schon ein seltsam unausgegorenes Format, in das Oliver Reese die intimen Selbstreflexionen des Romans hier gebogen hat: eine Art Parade öffentlicher Beichten und sarkastischer Sketche.

Was fehlt, sind nachvollziehbare Haltungen der Figuren und Spieler zu ihren Positionen, die ihre Monologe nicht entweder nur exhibitionistisch oder wie flotte Nummern klingen lassen.

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Denn woran man beim Lesen keine Sekunde denkt, wird hier plötzlich nagender Begleiter: Warum erzählen diese Leute uns das alles? Warum spricht uns der zitternde, alte Knabe mit Urne im Arm (Martin Rentzsch) hier vor der Korridorkulisse so kumpelhaft an, als hätten wir etwas mit ihm zu tun, und echauffiert sich darüber, dass seine Frau ihn nach dem Tod auf dem Friedhof neben sich liegen haben will, während er selbst doch viel lieber als Asche im Strom des nahen Flusses zerfließen möchte?

Nervenreich und pointensatt vorgetragene Beichten

Warum erzählt uns Amelie Willberg als junge Krankenschwester Virginie von ihren makaber launigen Glücksmomenten mit dem Angehörigen einer Todgeweihten auf ihrer Station oder Oliver Kraushaar als regelfanatischer Typ Studienrat mit Kinnbart von seiner fatalen Spielleidenschaft? All diese nervenreich und pointensatt vorgetragenen Beichten transportieren doch vor allem eins: herbeigeschaffte Künstlichkeit.

Bis die funkelnde Cordelia Wege und der abgekämpfte Gerrit Jansen als frei flottierende Paarteile mit SM-Touch die Bühne betreten und Gedanken plötzlich nicht mehr nur Erzählung bleiben, sondern plastisch spürbar werden. Da blitzen in Weges Gesicht beißender Sarkasmus und mausgraue Biederkeit in fast einem Moment auf und nie wirkt das schal. Glücklich die Unglücklichen.

Glücklich die Glücklichen im Berliner Ensemble, Karten und Informationen im Ticketshop der Berliner Zeitung


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