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„Sind Sie nicht die neue Burgschreiberin?“ Diese Frage wurde Luo Lingyuan in letzter Zeit öfter gestellt, denn die 1963 geborene Schriftstellerin, die seit 1990 in Berlin lebt und arbeitet, hat ein mit 5000 Euro dotiertes Stipendium von der Stadt Beeskow und vom Landkreis Oder-Spree erhalten, um fünf Monate lang auf der Burg zu Beeskow als Burgschreiberin zu arbeiten.
Die Kreisstadt, die 90 Kilometer von Berlin entfernt liegt und 8000 Einwohner zählt, hat ein erstaunlich umfangreiches Kulturangebot zu bieten. Vieles davon findet auf der Burg statt: Ausstellungen, Workshops, Lesungen, Konzerte, Volksfeste etc. Und die Verleihung eines Burgschreiber-Stipendiums hat in Beeskow Tradition, seit 33 Jahren wird dieses Amt auf Zeit vergeben.
Seit ihrer Antrittslesung am 10. Januar im Festsaal der Burg ist Luo Lingyuan, die sich bereits in Erfurt und im schweizerischen Arosa als Stadtschreiberin eingebracht hat, ein bekanntes Gesicht in der brandenburgischen Kreisstadt. Als sie eine Woche nach der Lesung zum Gottesdienst in Sankt Marien erschien, um einen Blick ins Innere der Kirche zu werfen, wurde sie von der Pfarrerin persönlich begrüßt.
Der Kontakt zu den Beeskowern ist Luo Lingyuan sehr wichtig, denn nur so kann sie „den Geist der Stadt einfangen“ und literarisch verarbeiten. Es freut sie immer wieder, wenn sie von ihren Nachbarn herzlich willkommen geheißen und zum Kaffee, zu Radtouren und Wanderungen in der Umgebung eingeladen wird. Sie sagt: „Ich bin keine Forscherin, sondern Erzählerin. Ich brauche Rohstoff: Orte, Menschen, Ereignisse. Ich gehe gern auf Leute zu, höre zu, und viele erzählen mir ihre Geschichten.“
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Kein leichter Start
Doch war es kein ganz leichter Start für sie – und das lag im Besonderen am Wetter. Die eisige Kälte und das damit einhergehende wochenlange Glatteis führten dazu, dass kaum Leute in der Stadt unterwegs waren und ein Gespräch mit Einheimischen über den Ort und dessen Traditionen nur selten zustande kam. Inzwischen ist allerdings der Frühling eingekehrt und mit ihm öffnen sich die Herzen der Beeskower.
Die Burgschreiberin kann auf eine erfolgreiche literarische Laufbahn zurückblicken. Sie wurde mehrfach für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre zahlreichen Bücher weisen bislang einen direkten Zusammenhang zu China auf und berichten mal ernst und kritisch, mal humorvoll und liebevoll über Land und Leute.
Ihr autofiktionaler Roman „Das fragile Glück der Harmonie“ erzählt von ihrer Liebe zu einem deutschen Studenten und von ihren ersten Schritten zu einer deutschsprachigen Schriftstellerin, „Kinder der roten Erde“, ihr gerade im März erschienener Roman, wiederum vom Schicksal ihrer sanften Mutter in einer harten, repressiven Zeit und liest sich wie ein spannendes Geschichtsbuch. Beide Bücher hat sie auf der Burg vorgestellt. Das Amt der Burgschreiberin gewann sie mit der Einreichung zweier Märchen und eines Auszugs aus ihrem Roman „Das fragile Glück der Harmonie“.
Ein Märchen über den Schriftsteller Günter de Bruyn
Nach einem halben Dutzend realistischer Romane steckt sie tatsächlich mitten in einer „Märchenphase“ und hat sich für Beeskow zwei Projekte vorgenommen: Ein Märchen über die Burg und eines über den Schriftsteller Günter de Bruyn. Ersteres leuchtet sofort ein. Aber wie ist sie auf Günter de Bruyn (1926-2020) gekommen? „Weil er mich fasziniert“, sagt Luo Lingyuan. „Er hat hier in der Nähe wie ein Einsiedler im Wald gelebt und geschrieben, über 50 Jahre lang. Klingt das nicht wie ein Märchen?“
Dass der Sohn des Autors, Wolfgang de Bruyn, sie bei ihrem Projekt unterstützt und ihr von seinen Erinnerungen an den berühmten Vater erzählt, schätzt Luo Lingyuan als „sehr wichtige Hilfe“. Mit ihrer Märchensammlung wird Luo Lingyuan nun den kritischen Realismus verlassen. Jetzt will sie ihre Fantasie fliegen lassen. Am 31. Mai um 17 Uhr wird sie auf der Burg zu Beeskow ihre erste Märchenstunde veranstalten.
Katharina Triebe wurde 1958 in Berlin geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Studium arbeitete sie als Dolmetscherin in einem Berliner Außenhandelsbetrieb. 1991 wechselte sie zur Schering AG, war dort als Fremdsprachensekretärin und für einige Jahre auch als freie Mitarbeiterin der Betriebszeitung tätig. Anschließend arbeitete sie in der Bayer AG im Marketingbereich. Seit einigen Jahren ist sie im Ruhestand.
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