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Schon seit Jahrzehnten suchen viele Menschen an der weitläufigen Küste Westpommerns Erholung und Inspiration. Seit einigen Jahren jedoch, entstehen immer mehr und immer größere Hotelanlagen entlang der idyllischen Küstenlandschaft. Auch in dem kleinen Städtchen Pobierowo, westlich von Kolberg, in dem gerade einmal 1000 Menschen leben, ließ der Unternehmer Tadeusz Gołębiewski ein riesiges Hotel errichten. Noch vor seiner Eröffnung ist der „baltische Riese“ ein Touristenmagnet.
Was ich wirklich misse, ist nach der Natur zu zeichnen, wie an der Ostsee ...
Lionel Feininger
Einst als „Badewanne Berlins“ bekannt, suchten schon vor dem Zweiten Weltkrieg viele Berühmtheiten Inspiration und Erholung an der heutigen polnischen Ostseeküste. Einer von ihnen war Lionel Feininger. Der deutsch-amerikanische Maler und Grafiker nahm vorweg, was ihm heute viele Menschen gleichtun. Mit seiner Familie verbrachte er oft die Sommermonate an der Ostseeküste Westpommerns.
Sein Sommerdomizil befand sich in Deep, dem heutigen Mrzeżyno, wo er, inspiriert von der wunderschönen Küstenlandschaft viele seiner bekanntesten Gemälde schuf. Die Aufenthalte in Deep inspirierten ihn bei seiner Motivwahl nachhaltig. Maritime Motive, etwa Segelschiffe auf See spiegeln diese Vorliebe wieder.
Am Abend ist der Himmel über dem Strand ungewöhnlich. In der See sehe ich unbeschreibbare Farben. Ich sehe solche Sonnenuntergänge, die ich seit meiner Kindheit nicht gesehen habe.
Lionel Feininger
Nachdem die Nationalsozialisten seine Gemälde als „entartet“ diffamiert hatten, verließ er mit seiner Familie im Juni 1937 Deutschland und kehrte nach New York zurück. Die Ostsee als Sehnsuchtsort blieb ihm jedoch für immer erhalten und aus der Erinnerung schuf er weitere Gemälde.
Die Ostsee vor Mrzeżyno, ehemals Sommerdomizil von Lionel Feininger
© Maciej Bledowski/Imago
Durch den Küstenwald ans Meer
Eine unebene Beton-Piste führt heute durch einen nach Harz und Kräutern duftenden Küstenwald. Der Sumpfdost, eine üppig weiß- blühende Erikapflanze, bedeckt den Boden, soweit das Auge reicht. Strahlende Frühlingssonne scheint durch die hohen Kiefern und der angenehme Küstenwind ist erfüllt vom Duft der Nadelbäume. Es ist noch nicht solange her, dass das polnische Militär diese Piste zwischen den Fischerdörfern Niechorze und Mrzeżyno für seine Transporte entlang des Küstenstreifens nutzte. Einst ein verschlafener, kleiner Küstenort ist Niechorze, früher auch als Seebad Horst bekannt, inzwischen beliebt als Ferienort.
Von der holperigen Betonpiste führen zahlreiche Strandaufgänge zu entlegenen, menschenleeren Strandabschnitten, wie man sie in Europa kaum noch findet. Verlässt man einmal den Weg und läuft durch den tiefen, weißen Sand bis hinter die Dünen, so bietet sich ein hinreißender Ausblick.
Weißer Sandstrand, soweit das Auge reicht. Läge dahinter nicht die smaragdgrüne Ostsee, käme die Assoziation zu einer Wüste irgendwo am Ende der Welt auf. Der hohe, tiefblaue Himmel ist ein wunderbarer Kontrast zu dem weißen Sandstrand, der auch irgendwo außerhalb Europas liegen könnte. Karibisches Flair kommt auf, im Nordosten Europas.
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Leuchttürme und eine vom Meer verschlungene Kirche
Wandert man von Niechorze aus in Richtung Rewal, so blickt man gleich vom Strand aus hoch zu einem 45 Meter hohen Leuchtturm, der noch immer aktiv seinen Dienst versieht, wie so viele andere entlang der Küste. Der Leuchtturm von Niechorze wurde am 1. Dezember 1866 in Betrieb genommen. Zuvor war die Küste Westpommerns nahezu unbeleuchtet. Da aber der damalige Schiffsverkehr von Swinemünde ausgehend immer mehr zunahm, erkannte eine Regierungskommission die Notwendigkeit, neue Leuchttürme zur Orientierung für die Schiffe zu errichten.
Erklimmt man die 208 steilen Treppenstufen des Turmes, so bietet sich dem Besucher ein herrlicher Blick auf einen unendlichen, weißen Sandstrand zu beiden Seiten. Etwa zwei Stunden lang läuft man weiter entlang des Strandes - oder durch den Küstenwald in Richtung Trzęsacz. Dort thront hoch oben über dem Strand eine malerische Kirchenruine, einst gezeichnet von Feininger, heute fotografiert von zahlreichen Touristen.
Bei ihrem Bau im 15. Jahrhundert lag die Kirche etwa zwei Kilometer von der Küste entfernt. Doch die See kam der Kirche immer näher. Schon 1772 berichteten Bewohner Friedrich dem Großen von dem Problem. Noch 102 Jahre sollte es dauern, bis die Kirche ihr Schicksal ereilte. Von den Winterstürmen heimgesucht, stürzte die gesamte Nordseite im Jahre 1901 ab. Seit 2004 verhindern massive Stützvorrichtungen den weiteren Absturz der Ruine. Sie ist heute ein beliebter Anziehungspunkt für viele Touristen.
Von dieser historischen Stätte aus sind es nur noch sechs Kilometer bis zu dem kleinen Städtchen Pobierowo. Früher einmal ein idyllischer, kleiner Badeort, heute ein Vorbote für den Massentourismus an polnischen Stränden?
In den Dreißigerjahren hielten sich in der Gegend um Pobierowo viele Prominente und Erholungsuchende auf.
© Sabine Küster-Reeck
Der „baltische Riese“
Der kleine Ort Pobierowo (früher Poberow) war einstmals ein Rittergut. Während der wilhelminischen Kaiserzeit, als die Ostsee immer beliebter wurde, entwickelte sich hier eine Badekultur und eine touristische Infrastruktur. In den Dreißigerjahren hielten sich in dieser Gegend viele Prominente und Erholungsuchende auf. Zu ihnen zählte auch der Schauspieler Theo Lingen. Bis vor wenigen Jahren noch relativ unbekannt, entwickelte sich der Küstenort nach 1989 in einen lebhaften, kleinen Touristenort.
Herrlich ist die Umgebung; auch hier finden Urlauber einen wunderbaren Sandstrand vor. Wandert man aber bis kurz hinter Pobierowo durch den Kiefernwald, so sieht man sich einem wahren Mega-Bau gegenüber.
Ein monströses Gebäude, das an ein Kreuzfahrtschiff mitten im Wald erinnert, erhebt sich hoch über dem Strand. Hier ließ der Unternehmer Tadeusz Gołębiewski ein wahres Projekt der touristischen Superlative errichten. Es gilt als das größte Hotel Polens. Bereits 2018 wurde mit dem Projekt begonnen. 1200 Zimmer, 13 Stockwerke hoch und Platz für 3000 Personen bietend; steht das Hotel auf einer 30 Hektar großen Fläche, nur 150 Meter vom Strand entfernt.
Makaber ist die damit verbundene Geschichte: Das Hotel sollte bereits im Jahr 2021 eröffnet werden. Zur Corona-Zeit stagnierte aber in Ermangelung an Personal das Bauvorhaben. Tadeusz Gołębiewski, der schon zuvor in Zakopane, in der Hohen Tatra, ein ähnlich monströses Projekt umsetzen ließ, überlebte diese Krise nicht. Er erlag ob des Stresses einem Herzinfarkt.
Nach langer Verzögerung, kündigte nun das Unternehmen den Eröffnungstermin für den Februar 2026 an. Jedoch sucht man noch immer nach ausreichend Personal. Doch schon jetzt, noch bevor der Hotelriese seine Eröffnung feiert, suchen viele Menschen diesen Ort auf, um Fotos vom „baltischen Riesen“ zu machen. Werden weitere Hotels dieser Dimension folgen?
Sabine Küster-Reeck, geboren im niedersächsischen Emsland, ist gelernte Schauwerbegestalterin. Noch vor der Wende, in den Achtzigerjahren, zog sie nach Berlin. Mit ihrem Mann lebte sie für fünf Jahre im nordäthiopischen Mekelle, wo sie begann, sich für Reisejournalismus zu interessieren. Nach der Rückkehr nach Deutschland absolvierte sie ein zweijähriges Fernstudium beim Deutschen Journalistenkolleg. Ihr besonderes Interesse gilt Geschichts- und Reiseberichten.
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