Gerade hat der Bundesgerichtshof das Land Brandenburg indirekt mit dem untergangenen DDR-Staat verglichen. Die Leichtfertigkeit, mit der die Landesregierung die Bodenreformflächen für den Staat reklamierte, sei "sittenwidrig" und erinnere "nachhaltig an die Praxis der Verwalterbestellung der DDR". So weit die Richter.Das ist symptomatisch. In keinem anderen ostdeutschen Bundesland erscheint die DDR heute noch so lebendig wie in Brandenburg. Die Hälfte der brandenburgischen Schüler vermag es laut einer Studie der FU Berlin nicht, die DDR als Diktatur zu erkennen. Eine nahezu naive Verklärung der DDR-Vergangenheit macht sich in Brandenburg breit. Am eindrücklichsten dokumentierte sich dies in einer Oderbruch-Gemeinde, die vor ein paar Monaten einstimmig beschloss, eine neue Straße nach dem einstigen DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck zu benennen. Dabei haben wir es nicht mit einem Fall von besonderer weltanschaulicher Standhaftigkeit zu tun. Vielmehr offenbart es, dass viele Menschen sich nicht wirklich die Frage gestellt haben, was für ein politisches System diesem Staat DDR zu Grunde lag. Die Gemeindevertreter im Oderbruch sahen in Wilhelm Pieck den gutmütigen Onkel, wie er von der DDR-Propaganda gezeichnet wurde, und nicht den Staatspräsidenten, der mithalf, eine Herrschaft stalinistischer Prägung zu installieren, mit Einparteiendiktatur, Justizwillkür, Überwachung, allgemeiner Unfreiheit. Ihr Scheitern trug sie in sich.Die Verharmlosung der DDR ist denn auch vor allem eine nachträgliche, eng verbunden mit den Erlebnissen der Nachwendezeit. Der Zusammenbruch der Industriestrukturen in den märkischen Städten, wo oft ein einziger Großbetrieb das öffentliche Leben dominierte, und die neue Arbeitslosigkeit verbittern viele Menschen. Die entlassenen Landarbeiter, deren Familien häufig erst 1945 als Flüchtlinge nach Brandenburg gekommen waren, fühlten sich abermals vertrieben. Nur verständlich, dass deren Kinder sich zu kritischen Fragen an die Elterngeneration nicht herausgefordert fühlen.Hinzu kommt, dass die westlich dominierte Politik den Ostdeutschen zu lange weismachen wollte, dass die baldige Angleichung der Lebensverhältnisse wie ein Naturgesetz über sie kommen werde: wie im Westen, also auch auf Erden. Dabei stieß das sozialstaatliche Modell der alten Bundesrepublik an seine Grenzen.Die DDR erscheint heute vielen Menschen eher als eine väterlich-strenge Versorgungsanstalt als das, was sie auch und viel eher war: Eine von der Sowjetarmee bewachte, im Zweifelsfall unerbittliche Diktatur, die sich vor allem aus dem Bestand bediente. Und die kollabierte, als dieser Bestand ausgesaugt war, auch durch die großzügige Sozialpolitik. Doch heute erscheint vielen eine staatlich garantierte Absicherung gegen Arbeitslosigkeit mehr Wert zu sein als die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können. Das demokratische Engagement in Brandenburg ist nach wie vor begrenzt, nur etwa ein Prozent der Bürger ist Mitglied einer politischen Partei ist. Das alles mag damit zu tun haben, dass es in der Mark Brandenburg anders als etwa in Sachsen kaum Großstädte gibt, wo ein Bürgertum vorhanden blieb.Das Schweigen über die Diktatur hat aber auch mit der politischen Klasse im Lande zu tun. Als "kleine DDR" hat schon Manfred Stolpe, der erste Ministerpräsident, sein Brandenburg nach 1990 bezeichnet. Welchen Anlass sollten da die Lehrer in den Schulen sehen, selbstkritisch Auskunft zu geben über das SED-Regime, das sie früher teils selbst propagiert hatten? Einfacher ist es da, kritische Frager auszugrenzen. Das weit verbreitete Schweigen über die jüngste Vergangenheit hat seine Wurzeln wohl schon in der DDR selbst. Dieser Staat war nie an Bürgern interessiert, die über ihre Meinungen klar und beredt mit anderen streiten; das wächst sich nicht von jetzt auf gleich aus. Das ist ernst, das berührt nicht nur den Umgang mit der eigenen Geschichte, sondern die Demokratie in ihrem Kern.Auch die Landesregierung des DDR-kritischeren Ministerpräsidenten Platzeck pflegt weiter Tabuzonen. Aus einem Kabinettsbeschluss zum kritischen Umgang mit der DDR-Geschichte sind jüngst vor Veröffentlichung noch kritische Passagen herausgenommen worden. Fragen nach einer strukturellen Vergleichbarkeit mit anderen Diktaturen wollte man nicht gestellt haben. Doch genau darum geht es: Eine Diktatur als solche zu erkennen, von anderen Diktaturen unterscheiden zu können, aber auch von Demokratien.------------------------------Das weit verbreitete Schweigen über die jüngste Vergangenheit hat seine Wurzeln wohl schon in der DDR selbst.
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