Die Deutschen und der internationale Postenschacher

Ruth Berschens
4 Min

In der deutschen Politik ist der Mann ein unbeschriebenes Blatt: Caio Koch-Weser machte bei der Weltbank im fernen Washington Karriere, kam erst vor einem guten halben Jahr als Staatssekretär ins Bundesfinanzministerium und hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder dereinst wie ein Löwe für ihn kämpfen würde. Der Kanzler will unbedingt durchsetzen, dass Koch-Weser, dessen Namen er vor einem Jahr wahrscheinlich nicht einmal kannte, Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird.So viel Engagement ist ungewöhnlich. Noch nie hat sich eine deutsche Regierung derart dafür eingesetzt, einen Deutschen an der Spitze einer Weltorganisation zu platzieren. Bislang brachte der drittgrößte Industriestaat der Erde für internationale Personalpolitik kaum Interesse auf. Ob bei der UN oder bei der Nato, bei der Welthandelsorganisation WTO oder bei der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD überall überließen die Deutschen anderen den Vortritt und die griffen gerne zu. Vor allem Franzosen und Engländer bewiesen in der Vergangenheit großes Geschick bei der Eroberung von Chefsesseln. Die begehrten Posten brachten ihnen nicht nur Prestige, sondern auch Macht. Der Londoner Schatzkanzler Gordon Brown etwa hat als Vorsitzender des IWF-Wirtschafts- und Finanzausschusses viel Einfluss auf die internationale Währungspolitik. Browns Landsmann Andrew Crockett spielt als Chef der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und als Leiter des neu gegründeten Finanzstabilitätsforums eine bedeutende Rolle bei der Regelung der internationalen Finanzströme. Auch in der Verteidigungspolitik mischen die Briten ganz vorne mit. Premierminister Tony Blair gelang es vergangenes Jahr, einen engen Vertrauten, den Schotten George Robertson, zum Nato-Generalsekretär zu machen. Die Deutschen hatten das hohe Amt zuvor verschmäht. Favorit Rudolf Scharping wollte lieber Bundesverteidigungsminister bleiben. Zweite oder dritte ReiheDer Fall Scharping illustriert nur allzu deutlich das größte Handikap der Deutschen im weltweiten Postenschacher: Ranghohe, international bekannte deutsche Politiker wie Scharping haben häufig keine Lust, auf die internationale Bühne zu wechseln. Deshalb präsentieren die Deutschen gerne Kandidaten der zweiten oder dritten Reihe. Doch die werden von den anderen Industriestaaten nicht ernst genommen. Das musste schon die alte Bundesregierung erleben. Als bei der OECD in Paris Mitte der 90er-Jahre der Posten des Generaldirektors zu vergeben war, schlug die damalige Bundesregierung den deutschen Wirtschaftsstaatssekretär Lorenz Schomerus vor. Gegen den Kanadier Donald Johnston, der Wirtschafts- und Finanzminister war, hatte Schomerus keine Chance.Ähnlich könnte es nun dem Kandidaten Koch-Weser ergehen. Der Mann mag über die erforderliche Qualifikation verfügen, doch die genügt für das mit großem internationalen Prestige verbundene Amt des IWF-Generaldirektors nicht unbedingt. Frankreich bringt womöglich den Sozialisten Laurent Fabius ins Spiel, der zwei Jahre lang Premierminister war. Und in Großbritannien ist BIZ-Präsident Crockett als Kandidat im Gespräch. Womöglich hat sogar US-Finanzminister Larry Summers Interesse an dem Amt. Der Glaube, dass Koch-Weser gegen solche Konkurrenten bestehen kann, mutet fast ein wenig naiv an. Wie sehr die deutsche Politelite die Bedeutung internationaler Posten unterschätzt, zeigt sich auch in der EU. Deutsche Minister verirren sich nur selten nach Brüssel. Michaele Schreyer brachte es vor ihrer Berufung zur EU-Kommissarin gerade einmal zu grüner Berliner Lokalgröße. Noch nicht einmal Ministerialbeamte mögen nach Brüssel gehen, denn ein Zwischenspiel in der EU-Kommission gilt als schädlich für die Karriere. Vielleicht sind deshalb nur gut zwölf Prozent aller EU-Kommissionsbeamter Deutsche. Der deutsche Anteil an der EU-Bevölkerung ist mit rund 20 Prozent deutlich höher.Die geringe Repräsentanz Deutschlands in internationalen Führungsgremien hat in jüngster Vergangenheit weiter abgenommen. In der EU-Kommission sank die Zahl der deutschen Generaldirektoren auf drei. In der New-Yorker UN-Zentrale gibt es nach dem Abgang des Generalinspekteurs Karl-Theodor Paschke Ende letzten Jahres keinen Deutschen mehr in herausragender Position. Die Bundesregierung hat das Problem durchaus erkannt. Eine von Kanzleramtsminister Steinmeier geleitete Koordinierungsgruppe befasst sich damit. Ob ausgerechnet Koch-Weser der erste Deutsche an der Spitze einer Weltorganisation sein wird, ist freilich zu bezweifeln.

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