Sah Helmut Kohl im zarten Alter von 18 Jahren aus wie der künftige Kanzler der Einheit? Wahrscheinlich nicht. Hätten die Deutschen Helmut Schmidt mit Mitte dreißig zugetraut, dass er einst ins Kanzleramt einziehen würde? Kann sein. Wirkte Angela Merkel mit 25 so, als könne sei eine Regierung führen? Wohl kaum. Und Gerhard Schröder? Schon eher. Schwer zu sagen also, wer unter den sechs Kandidaten zwischen 18 und 31 Jahren, die heute Abend im Finale der ZDF-Castingshow "Ich kann Kanzler!" gegeneinander antreten, wirklich das Zeug zum Bundeskanzler beziehungsweise zur Bundeskanzlerin hätte.Dienst an der DemokratieAber darum geht es auch gar nicht in der Sendung. "Wir veranstalten kein Trainingsprogramm für Nachwuchspolitiker", sagt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Darum müssten sich die Parteien schon selber kümmern. Mit den ungewöhnlichen - und vorab kritisierten Format - wolle der Sender einfach versuchen, junge Leute für Politik zu interessieren. "Mit den klassischen Sendungen, die seit mehr als zwanzig Jahren vor Wahlen veranstaltet werden, gelingt das nicht mehr", sagt Brender. Das Desinteresse der Jugend an politischen Ereignissen oder jedenfalls an dem, was in der Öffentlichkeit und von den Parteien dazu deklariert wird, könnte in Brenders Augen schon bald die Demokratie hierzulande ernsthaft gefährden.Zuallererst aber gefährdet das Desinteresse der Jugend am ZDF-Programm den Sender selbst, der bei den Marktanteilen in der jungen Zielgruppe der unter 30-Jährigen sogar hinter RTL2 zurückfällt. Die Castingshow darf also ruhig als Versuch gewertet werden, genau diese Leute für das ZDF zu gewinnen. Der Sender ist in diesem Bereich momentan ohnehin sehr rührig. Wie schon bei anderen Gelegenheiten begleitet das ZDF "Ich kann Kanzler!" mit einem umfangreichen Onlineangebot.Der Versuch bleibt trotzdem schwierig. Denn auf das, was Castingshows sonst bei den Jungen so erfolgreich machen bei der Klientel - das Mitfiebern in den Ausscheidungsshows, das Zurschaustellen von kleinen und größeren Peinlichkeiten, das Heraufreden und Runterputzen von Kandidaten - hat das ZDF verzichtet. "Genau das wollten wir nicht", sagt Chefredakteur Brender. Genau das hätte zum Profil des öffentlich-rechtlichen Senders allerdings auch nicht gepasst. Die sechs Finalteilnehmer hat die Jury aus Anke Engelke, Günther Jauch und Henning Scherf denn auch nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit gekürt. Erst in einer Dokumentation wurden die Kandidaten gestern Abend dem Fernsehpublikum vorgestellt.Sechs KandidatenZur Wahl stehen heute also: Sigi ("Bitte mit einem ,g'!")Walch, 25, munterer Geschäftsführer zweier Opel-Häuser in Inzell und CSU-Mitglied, der sagt, er habe sich beworben, weil er dachte "da machen doch sowieso nur Linke und Grüne mit, und ein Konservativer sollte schon dabei sein"; Jacob Schrot, 18, ein sympathischer Schüler aus Brandenburg, auch er Unionsmitglied; Nuray Karaca, 18, Junge Grüne aus Wiesbaden, die, seit sie sich für die Sendung beworben hat, schon etliche Heiratsanträge erhielt; Delano Osterbrauck, 18, seit kurzem SPD-Mitglied in München, dem m an eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Obama nachsagt; Antje Krug, 31, die aus Bad Salzungen kommt und sich von ihrer Kandidatur vor allem Rückenwind für ihr politisches Projekt, die Gründung von Familien-Kompetenzzentren, verspricht; Philip Kalisch, 30, gewissermaßen der Polit-Profi in der Runde: er ist Referent des SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs.In der Finalshow heute Abend, die das ZDF live ausstrahlt, müssen sie ihr politisches Talent vor einem Millionenpublikum beweisen - und bewerten lassen. Die Zuschauer werden, darin dann doch ganz ähnlich den üblichen Castingshows, den Sieger per Telefonabstimmung wählen. Es kann Überraschungen geben. "Vielleicht", sagt Jurymitglied Günther Jauch, dessen Firma I + U die Sendung auch produziert, "vielleicht stellen wir fest, dass wir den einen oder anderen überschätzt haben". Aber das ist in der echten Politik ja auch nicht anders.------------------------------Die ShowDas Konzept stammt aus dem kanadischen Fernsehen. Dort hat man bereits viermal "Canadas Next Great Prime Minister" gekürt.Für die deutsche Variante hatten sich 1 800 Kandidaten beworben. 40 kamen in die Vorauswahl und wurden in den ehemaligen Plenarsaal des Deutschen Bundestags nach Bonn eingeladen. Dort hatte jeder Bewerber 45 Sekunden Zeit, um seine Idee für Deutschland darzulegen.Danach mussten die Kandidaten einer Jury, bestehend aus Anke Engelke, Henning Scherf und Günther Jauch (Foto), Rede und Antwort stehen. Am Ende entschied die Jury, welche sechs Finalisten in der ZDF-Show auftreten. In der Live-Sendung bestimmt der Zuschauer per Telefonentscheid, wer "Kanzler kann".Ich kann Kanzler, 21.15 Uhr, ZDF.------------------------------Foto: Günther Jauch, Jury-Mitglied------------------------------Foto: Die Kandidaten (v. l.): Nuray Karaca, Delano Osterbrauck, Antje Krug, Siegfried Walch, Jacob Schrot und Philip Kalisch
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