Kolumne

Die letzte Meile: Was von der Verlässlichkeit der Post geblieben ist

Seit jeher steht die Post für ein einfaches Versprechen: Sendungen erreichen ihr Ziel. Derzeit häufen sich Beschwerden, während Unternehmen und Aufsicht entscheidende Zahlen schuldig bleiben.

Marcel Luthe
Marcel Luthe
9 Min
Täglich werden allein in Deutschland mehrere zehntausend Pakete zugestellt.

Täglich werden allein in Deutschland mehrere zehntausend Pakete zugestellt.

© Jan Woitas

„Weder Schnee noch Regen, weder Hitze noch das Dunkel der Nacht halten diese Boten davon ab, die ihnen zugemessene Strecke so schnell wie möglich zu vollenden.“ So beschreibt Herodot vor zweieinhalbtausend Jahren die Reitboten des Perserreichs, und die Amerikaner hielten den Satz für so gültig, dass sie ihn über den Eingang des New Yorker Hauptpostamts meißelten.

Rom baute den cursus publicus, ein Netz aus Stationen und Pferdewechseln quer durch ein Weltreich. Um 1490 spannte die Familie Taxis den ersten dauerhaften Postkurs zwischen Innsbruck und den Niederlanden, 1874 gründeten 22 Staaten auf Anregung des deutschen Generalpostdirektors Heinrich von Stephan in Bern den Weltpostverein: Seither kann ein Brief mit einer einzigen Marke jeden Ort der Erde erreichen. Die Post war die erste Einrichtung, die Fremden ein Versprechen gab, das sonst nur unter Vertrauten galt: Es kommt an. Wer einem Unbekannten einen Brief anvertrauen kann, lebt in einer Zivilisation. Das ist keine Metapher, das ist ihre Definition.

Namenloser Streuner in Uniform

Hollywood hat daraus 1997 einen Film gemacht, über den gelacht wurde. In „The Postman“, nach dem Roman von David Brin, zieht Kevin Costner als namenloser Streuner die Uniform eines toten Briefträgers an und behauptet, es gebe wieder eine Post. Die Behauptung genügt: Wo der Bote auftaucht, fassen die Menschen Zutrauen, Dörfer öffnen ihre Tore, aus Überlebenden werden wieder Bürger.

Der Film fiel beim Publikum durch. Sein Gedanke nicht. Zivilisation hängt nicht am Papier, sie hängt am Glauben, dass es ankommt. Die Uniform ist heute überall. Gelbe, braune, blaue Wagen in jeder Straße, zu jeder Stunde. Nur der Glaube, für den sie einmal stand, wird dünner.

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Eine Straße in einer deutschen Großstadt, ein früher Abend. Vier Lieferwagen zugleich, einer besonders kreativ: an der Bushaltestelle, in der Feuerwehreinfahrt, entgegen der Fahrtrichtung auf einmal – und gegenüber der Notaufnahme eines Krankenhauses, deren einzige Zufahrt über diese Fahrbahn führt. Als ich den Fahrer darauf hinwies, nannte er mich energisch einen „Hurensohn“ und kündigte an, wiederzukommen und mich abzustechen. O tempora, o mores!

Dazu die kleineren Fiktionen, die jeder kennt. Der Stapel fremder Pakete im Hausflur des Mehrfamilienhauses, von dem am Abend zwei fehlen. Das Paket, das vor die Haustür geworfen wurde und nie dort lag. Und die Karte im Briefkasten über einen „Zustellversuch“ an einem Tag, an dem man die Wohnung nicht verlassen hat. Man muss dem Wort einen Moment widmen: Ein Versuch ist ein Bemühen, das scheitern kann. Was da millionenfach dokumentiert wird, war häufig beides nicht – kein Bemühen und kein Scheitern, sondern eine Buchung. Das Vertrauen der Kunden sinkt nicht, weil die Menschen misstrauisch geworden wären. Es sinkt, weil sie richtig rechnen.

Gestiegene Beschwerdezahlen

Die Zahlen der Aufsicht bestätigen die Rechnung. 55.395 Beschwerden über Postdienstleistungen gingen 2025 bei der Bundesnetzagentur ein, das zweite Rekordjahr in Folge, im Durchschnitt eine alle zehn Minuten, rund um die Uhr, an jedem Tag des Jahres. Rund neun von zehn betrafen die Deutsche Post. Wer einwendet, gestiegene Beschwerdezahlen zeigten nur gestiegene Beschwerdefreude, dem sei der Vorbehalt zugestanden und die Gegenrechnung vorgelegt: Von 2022 bis 2025 stiegen die Beschwerden um gut 28 Prozent, während die Briefmenge um ein Fünftel sank.

Weniger Sendungen, mehr Beschwerden. Im ersten Halbjahr 2026 zählte der neue Mängelmelder der Behörde 35.756 Meldungen, allein 8479 zur mangelhaften Zustellung von Paketen, versehen mit dem bemerkenswerten Hinweis des Hauses, man prüfe nicht, ob einer Meldung tatsächlich ein Mangel zugrunde liege.

Ich habe gefragt, über Wochen, mit Fristen: bei DHL, bei Amazon, bei Hermes, bei einem großen Marktplatz, bei der Aufsicht. Die Zwischentitel dieses Textes sind aus den Antworten zusammengesetzt. Wieviele Sendungen verschwinden, wie viele beschädigt ankommen, wie oft ohne Erlaubnis abgelegt wird – dazu nannte kein einziges Unternehmen eine Zahl. Genannt wurden Bewertungen.

Der Fehleranteil sei „äußerst gering“, schreibt DHL, und verweigert die Zahl, auf der diese Bewertung ruhen müsste. Für den Käufer bestehe „kein Risiko“, wirbt der Marktplatz Chrono24, und nennt keine Fallzahlen. „Die meisten Pakete kommen ohne Probleme an“, teilt Amazon mit und verweist für Daten ausgerechnet auf jenen Mängelmelder, dessen Meldungen niemand prüft. Hermes zog es vor, gar nicht zu antworten.

Dabei ist der Versandhandel nichts als geronnenes Vertrauen: Jede Bestellung ist ein Vertrag mit einem Unbekannten, und er funktioniert nur, solange die letzte Meile hält, was die Marke verspricht. Eine Branche, die ihre Zuverlässigkeit nur noch behauptet und nirgends beziffert, verbraucht das Kapital, von dem sie lebt.

Drei Minuten je Übergabe

Warum stehen die Wagen, wo sie stehen? Ich habe zweimal gefragt, welche Zeit die Tourenplanung einem Fahrer je Stopp zubilligt und ob darin die Minuten für regelkonformes Halten, für Parkplatzsuche, für den Fußweg enthalten sind. Zweimal blieb die Frage unbeantwortet; Amazon teilte lediglich mit, die Routen seien so geplant, dass sie „innerhalb einer bestimmten Zeit“ zu schaffen seien. Welche Zeit das ist, hat in Europa bislang nur eine Staatsanwaltschaft herausgefunden. Die Mailänder Ermittler, die 2024 gegen Amazons italienische Transportgesellschaft eine Beschlagnahme über 121 Millionen Euro erwirkten, entnahmen den Tourenblättern und Zeugenaussagen eine Vorgabe von drei Minuten je Übergabe.

Der Konzern hält die Vorwürfe für unbegründet und hat gleichwohl im Dezember über 180 Millionen Euro an den italienischen Fiskus gezahlt. Dieselbe Ermittlungsserie traf DHL, GLS, UPS und den Paketdienst BRT: Das Modell ist die Branche, nicht eine Firma. Und die einzige Zahl, die Amazon mir freiwillig nannte, spricht für sich: Rund 90 Prozent der Touren würden pünktlich beendet. Jede zehnte also nicht.

Weniger Sendungen, mehr Beschwerden: Rund neun von zehn betrafen die Deutsche Post.

Weniger Sendungen, mehr Beschwerden: Rund neun von zehn betrafen die Deutsche Post.

© Jan Woitas/dpa

Man muss die Fahrer in Schutz nehmen. Sie tun, was Tourenplanung und Vergütungsmodell ihnen lassen; das Bußgeld, die Anzeige, die Kündigung trägt der Mann am Steuer, den Zeitgewinn verbucht der Auftraggeber, der oft nicht einmal sein Arbeitgeber ist: 85 Prozent der im deutschen Anbieterverzeichnis eingetragenen Postdienstleister geben an, im Auftrag anderer tätig zu sein. Der Sozialpsychologe Robert Cialdini hat gezeigt, dass Menschen ihr Verhalten weit stärker an dem ausrichten, was alle tun, als an dem, was gilt.

Wer jeden Tag erlebt, dass die zweite Reihe der normale Arbeitsplatz ist, übernimmt die Norm der Straße. Und wer sich sagt, er habe keine Wahl gehabt, hat für das Falschparken sogar recht – für die Morddrohung nicht. Die Kriminologie weiß seit langem: Es schreckt nicht die Höhe einer Strafe, sondern die Wahrscheinlichkeit, sie zu bekommen. DHL teilt mit, eine Statistik über Halt- und Parkverstöße der eigenen Zusteller führe man nicht. Wer nicht zählt, sanktioniert nicht.

Auf meinen dokumentierten Hinweis, dass Zustellfahrzeuge regelmäßig die einzige Zufahrtsstraße zur Notaufnahme eines Krankenhauses blockieren, antwortete die DHL-Pressestelle, Krankenhaus- und Feuerwehrzufahrten seien „tabu“ – und bat im selben Absatz um „Augenmaß und Verständnis“, schließlich erfülle man als Universaldienstleister einen Auftrag der kritischen Infrastruktur. Die kritische Infrastruktur des Konzerns als Fürsprecherin für die blockierte kritische Infrastruktur der Stadt: Man muss diesen Antworten eines lassen, sie sind mit Sorgfalt gebaut, denn jede beantwortet vollständig eine Frage, die nicht gestellt war.

Auf die gestellte Frage, an wen sich wenden kann, wer vor der blockierten Zufahrt steht, erklärte das Haus den Vorgang für „abschließend beantwortet“. Derselbe Konzern fordert, ungefragt, eine gesetzliche Pflicht, Subunternehmer der Branche „regelmäßig und engmaschig“ zu überprüfen. Der Marktführer bestellt öffentlich die Aufsicht, die er selbst vermissen lässt.

1654 mögliche Verletzungen des Postgeheimnisses

Womit wir beim Staat wären. Artikel 87f des Grundgesetzes verpflichtet den Bund seit der Postreform von 1994, im Postwesen flächendeckend angemessene und ausreichende Dienstleistungen zu gewährleisten. Das neue Postgesetz vom Juli 2024 gab der Bundesnetzagentur dafür Werkzeuge: eine Anordnungsbefugnis bei schweren oder andauernden Verstößen, ein Bußgeld bei gerissenen Laufzeitvorgaben. Gebraucht wurde seither: keine Anordnung, kein Bußgeld. Untätig ist die Behörde nicht: 1654 Eingaben zu möglichen Verletzungen des Postgeheimnisses, das Artikel 10 des Grundgesetzes schützt, hat sie seit Anfang 2024 geprüft. Was aus diesen Prüfungen wurde, habe ich gefragt; die Antwort stand bei Redaktionsschluss aus.

Das Problem liegt tiefer als guter oder schlechter Wille: Die Aufsicht ist so gebaut, dass sie den Verfall nicht sehen kann. Anlass für eine Prüfung ist die Häufung von Meldungen im einzelnen Postleitzahlbereich – einen Schwellenwert gibt es nicht, entschieden wird im Einzelfall. Ein Land, in dem die Zustellung überall gleichmäßig schlechter wird, erzeugt in diesem Raster keine Auffälligkeit, denn ihm fehlt die Abweichung. Das erste Halbjahr 2026 lieferte den Beleg: 35.756 Meldungen, null Anlassprüfungen. Wieviele Menschen die Postaufsicht betreiben, kann die Behörde nicht sagen; eine Berechnung der Vollzeitäquivalente, teilt sie mit, „liegt nicht vor“ – nach Köpfen sind es 67, für die gesamte Postregulierung samt Entgeltaufsicht.

Pakete werden nicht zugestellt und die überflüssige Reklame in den Briefkasten gestopft.

Pakete werden nicht zugestellt und die überflüssige Reklame in den Briefkasten gestopft.

© Thomas Trutschel/photothek.de via www.imago-images.de

Und die eine Kennzahl, an der das einzige Bußgeld hängt, die Brieflaufzeit, wird gemessen von einem Institut im Auftrag der Deutschen Post, geprüft von einem Auditor im Auftrag der Deutschen Post, auf Datengrundlage der Deutschen Post; die Behörde kontrolliert das Ergebnis nach eigenen Worten „auf Schlüssigkeit“.

Schlüssig ist auch eine falsche Rechnung, wenn sie sauber gerechnet ist. Der Wert für 2025 lautete 99,0 Prozent, bei einer Vorgabe von 99. Die eigene, unabhängige Messung der Behörde scheiterte bislang am Vergaberecht und beginnt frühestens 2027. Bis dahin gilt: Wer die Eintragung ins Anbieterverzeichnis beantragt und vier Wochen keine Antwort erhält, gilt kraft Gesetzes als geprüft; wer noch gar nicht geprüft ist, darf nach einer Verfügung der Behörde bis Ende März 2027 trotzdem zustellen. Vier Anträge wurden in zwei Jahren abgelehnt. Widerrufen wurde keine einzige Eintragung. Der Bund gewährleistet – und was er gewährleistet, weiß er vom Gewährleisteten.

Verloren geht, was keine Police ersetzt

Costners Bote log sich eine Ordnung herbei: Er behauptete eine Post, die Menschen glaubten ihm, und weil sie glaubten, kam wieder an, was sie einander anvertrauten. Bei uns läuft es umgekehrt. Es kommt weniger an, und die Behauptungen werden besser: „äußerst gering“, „kein Risiko“, „tabu“, „Schlüssigkeit“. Verloren gehen dabei nicht die Pakete; Pakete sind versichert. Verloren geht, was keine Police ersetzt – der Grund, einem Fremden zu vertrauen.

Herodots Boten hielten dem Schnee stand, dem Regen und dem Dunkel der Nacht. Das Versprechen, das sie hielten, muss heute nur noch drei Minuten überstehen, und es übersteht sie nicht. Eine Zivilisation beginnt, wo ein Fremder dem anderen etwas anvertraut. Sie endet nicht mit einem Knall, sondern mit einer Benachrichtigungskarte.

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