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„Da bekomme ich jetzt noch Pipi in den Augen“: Holger Friedrich im Gespräch bei {ungeskriptet}

Vom Mauerfall über Stasi-Haft bis zur heutigen Wegzugsbesteuerung: Verleger Holger Friedrich zieht im Podcast mit Ben Berndt eine ungewöhnlich persönliche Bilanz.

10 Min
Wiedervereinigung mit West-Berlinern in der U-Bahn: „Das war so was von herzlich.“

Wiedervereinigung mit West-Berlinern in der U-Bahn: „Das war so was von herzlich.“

© Ungeskriptet

Den deutschen Mediendiskurs sieht Friedrich in einem dreistündigen Gespräch im populären Podcast {ungeskriptet} von Ben Berndt als blockiert. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezeichnet er als zu eindimensional bis propagandistisch agierend, innovative Medien würden stigmatisiert statt eingebunden.

Dieses Verhalten erklärt er mit einem Satz: „Das ist die Angst eines Parteisekretärs oder die eines Programmdirektors“, das eigene System zu destabilisieren. Auch der Medienstaatsvertrag, der theoretisch eine Lizenzpflicht für neue Medien ermögliche, könne zum Hebel werden – Friedrich befürchtet, dass Regierungen ihn nutzen könnten, um unliebsame Kanäle anzugreifen.

Faire Bedingungen für alle im Medienwettbewerb?

Die Frage stellt sich für ihn als Ostdeutschen erneut, ob moderate, progressive Regulatoren ordnend im Sinne fairer Marktbedingungen für alle Teilnehmer eines Medien-Wettbewerbs eingreifen oder ob Lininetreue und Regierungskonformismus die Oberhand gewinnen. Lobend erwähnte er die sächsische Medienaufsicht. Eine ähnliche Anmerkung Friedrichs auf dem Medienkongress der Madsack-Gruppe im April führte zu Widerspruch des Madsack-CEOs Düffert und zu Applaus der anwesenden Medienvertreter.

Die Berliner Zeitung oder die Ostdeutsche Allgemeine positionieren sich als Medium für konstruktiven Interessenausgleich. Kontroverse Positionen würden dargestellt, doch möglichst nicht gewertet – die Wertung solle auf der anderen Seite, beim Leser stattfinden.

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Auf Berndts Einwand, ihm selbst werde häufig vorgeworfen, keine Einordnung zu liefern, antwortet Friedrich: Vielen Journalistinnen und Journalisten fehle mittlerweile die notwendige Domänenkompetenz für Einordnungen. Lobend erwähnt er das Handelsblatt für seine wirtschaftliche Kompetenz. Den Vorwurf, das Publikum brauche Faktenchecks, weil „da draußen die Leute Idioten sind“, weist er zurück: Ein 14-Jähriger, der ein Smartphone bedienen könne, sei auch in der Lage, ein Übersetzungs-Plugin zu installieren und chinesische Nachrichten zu hören.

Dem Leser eigenes Urteilsvermögen zubilligen

Im Mai 2022 startete Benjamin (Ben) Berndt {ungeskriptet}, ein Format, das sich als „Podcast ohne Schnitt“ versteht. Reduzierte Moderation, lange Gespräche, kein dramaturgischer Aufbau – ein Gegenentwurf zu klassischen Talkshows wie sie in den öffentlich-rechtlichen Sendungen von Caren Miosga oder Sandra Maischberger gepflegt werden. Mit seiner jüngsten Ausgabe erreichte „{ungeskriptet}“ nach weniger als 24 Stunden allein auf YouTube bereits rund eine Million Aufrufe.

Und das ohne Steuergelder, ohne Gebührengelder, ohne große Redaktionen, feste Sendeplätze oder milliardenschwere Strukturen im Hintergrund. Sein Podcast ist damit ein Beleg dafür, dass Qualität, wenn sie glaubwürdig vermittelt wird, im deutschen Medienmarkt ihren Platz findet und ausbauen kann.

Berndt mutet dem interessierten und mündigen Bürger die eigene Urteilsbildung zu. Er formuliert den Anspruch, in diesen Gesprächen etwas lernen zu wollen und seine Lernkurve mit dem Publikum ungefiltert zu teilen. Bereits in den ersten Wochen erreichte das Format die Spotify-Charts.

Seine Gästeliste ist breit aufgestellt. Neben Höcke saßen bei Berndt der Linken-Politiker Jan van Aken, eine Sahra Wagenknecht, Gregor Gysi, und der frühere FDP-Vorsitzende Christian Lindner, ebenso Frank Thelen, Ulrike Guérot und Peter Hahne – aber auch der einstige Bordellbetreiber Bert Wollersheim, der Salafist Pierre Vogel und ein ehemaliges Mitglied der Hells Angels.

Auf Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Weltbühne, wurde Berndt nach dessen viel beachteten Auftritt im „based.“-Podcast aufmerksam und lud ihn daraufhin in sein Format ein.

„Ein kollektiver, hysterischer Aufschrei“

Auf die Eingangsfrage antwortet Friedrich, die Übernahme des Berliner Verlags 2019 sei vor allem eine unternehmerische Opportunität gewesen, kombiniert mit dem Wunsch, ostdeutsches Erbe zu bewahren – wie ein Oldtimer in der Scheune, den man herrichtet. Die Öffentlichkeit habe man nicht gesucht. Vor den Mitarbeitern verkündeten er und seine Frau Silke ohne Vorbereitung: „Hallo, hier ist Silke, hier ist Holger, das haben wir vor.“

Die mediale Reaktion fiel heftig aus. Westdeutsche Journalisten von Süddeutscher Zeitung, FAZ und NZZ hätten ihn behandelt, als dürften „Ossis mit Geld“ in der Medienbranche keine Rolle spielen. Friedrich erinnert sich an einen Wirtschaftsredakteur der SZ – „mit dünnem, aber sorgsam toupiertem Haar, mit Haarspray festgetackert, aus München eingeflogen“. Das initiale Interview gab das Ehepaar dem Spiegel-Reporter Alexander Osang. Das Ergebnis des guten Gesprächs unter „Ossis“ war jedoch ein Unfall: Der Spiegel erschien mit einer Headline, die wenig mit dem Besprochenen zu tun gehabt habe. Nicht Osangs Schuld, die Hamburger Redaktion hatte eingegriffen.

„Lass uns brüderlich teilen – nee, lieber Hälfte, Hälfte“

Friedrich grenzt die ost- und westdeutsche Lebenswirklichkeit klar voneinander ab. Den alten DDR-Witz über den „großen Bruder“ Sowjetunion – „Lass uns brüderlich teilen – nee, nee, lieber Hälfte, Hälfte“ – zitiert er als Sinnbild für diese ungleiche Beziehung. Während im Westen Wohlstand und Strukturen weitgehend stabil geblieben seien, habe der Osten erlebt, wie ein Staatssystem binnen Wochen erodierte.

Die Wiedervereinigung sei nachvollziehbar kein gleichberechtigter Zusammenschluss gewesen, im Ergebnis eine Übernahme. Drei Konzepte hätten zur Debatte gestanden: Reform der DDR, Beitritt zur Bundesrepublik oder ein „Best of Both“ mit beispielswieser neuer Verfassung. Während die „erste Garde“ aus München, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg nicht in den Osten wollte, sei nicht ausschließlich, aber weitreichend die „dritte Garde“ gekommen. Erstklassige ostdeutsche Fachkräfte habe man bei Bedarf durch Kontaminationsdebatten –SED, Stasi und Staatsnähe –, aus dem Wettbewerb gedrängt.

Ben Berndt führt einen der erfolgreichsten Podcasts Deutschlands. Das Geheimrezept: Ausreden lassen und Zuhören.

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© Ungeskriptet

Entwertung der Lebensleistung ganzer Generationen

Die Entwertung der Lebensleistung ganzer Generationen sei dabei systematisch erfolgt. So sei Friedrichs Vater, Architekt an der Bauakademie und nicht in der Partei, „von heute auf morgen rausgeschmissen“ worden und habe ab dann jeden Tag um seine berufliche Existenz gekämpft. Als wirtschaftliches Beispiel für zerstörtes Potenzial nennt Friedrich die DDR-Getreidemühlen, die in Zentralasien, dem Irak und Iran Marktführer gewesen seien, sowie die Erdölfördertechnik aus der Region Magdeburg, die für die Sowjetunion von großer Bedeutung war. Diese Märkte hätten später US-amerikanische Anbieter ohne Not übernommen.

Sein Mathematik-Dozent in Potsdam habe sich nach der Wende das Leben genommen. Ein fordernder Mann, der Studierende ohne Rücksicht durchfallen ließ – mit der Begründung: „Friedrich, entweder können Sie es oder Sie können es nicht, es ist binär. Hier ist nicht mehr Osten, wo man mit Liebsein mangelnde Leistungen kompensieren kann. Man musste ja nur laut genug sagen: Man ist für Frieden und Sozialismus.“

Friedrich überträgt diese Beobachtung auf die Gegenwart, in der man „für unsere Demokratie“ unterwegs sei und leistungsfrei viel Geld verdiene. Der Lehrer wurde „aus dem Spiel genommen“ – Friedrich vermutet Partei- oder Stasi-Hintergründe – und nahm sich das Leben. „Das war meine erste persönliche Zäsur bei der ich dachte: Offensichtlich geht es dann doch hinter den Kulissen noch mal anders zur Sache.“

Transvestiten-Bar und die ersten Adidas

Den Mauerfall selbst erlebte Friedrich in Potsdam, wo er sein Abitur nachholte. Aus einer Studentendiskussion kommend hörte er die Nachricht im Radio. Eine Verkettung von Zufällen führte ihn schließlich noch in der gleichen Nacht nach West-Berlin. Am Kurfürstendamm sprach ihn und seinen Begleiter eine Gruppe auffallend gut gekleideter Frauen an, die offenbar etwas mit den beiden „Ossis“ vorhatten. In der bald erreichten Bar floss viel Alkohol. Erst Stunden später dämmerte den beiden, dass sie in einer Transvestiten-Bar gelandet waren – und an diesem Abend die „willfährigen Opfer“ der Show abgaben. „Wir waren so betrunken, dass wir es erstmal nicht mitbekommen hatten.“

Am frühen Morgen ging es mit der ersten U-Bahn nach Rudow und von dort weiter mit der Bahn nach Potsdam, die damals noch um Berlin herum von Schönefeld nach Potsdam verkehrte – der schnellste Weg zurück zur Mathe-Vorlesung. In dieser ersten U-Bahn saßen die West-Berliner Pendler des Prekariats. „Mehr als einer kam zu mir, heulend, und umarmte mich“, erinnert sich Friedrich. „Das war so was von herzlich. Da bekomme ich jetzt noch Pipi in den Augen.“

Held am Übergang Bornholmer Straße: „Wir müssen ihm eine Statue bauen“

Einen besonderen Akzent setzt Friedrich beim Mauerfall. Er kritisiert, dass der diensthabende Offizier am Grenzübergang Bornholmer Straße, der die Grenze öffnete, weder namentlich gewürdigt werde und kaum in Schulbüchern auftauche. „Am Ende des Tages war es der eine Typ. Wir wissen nicht, wie der heißt. Wir müssten ihm eine Statue bauen.“

Berndt greift den Punkt auf – er habe selbst einmal an der Bornholmer Straße gewohnt und finde es verrückt, dass weder er noch Friedrich den Namen des Mannes kennen.

Friedrich beschreibt den Moment der Entscheidung: Der Offizier habe sich situativ gegen das System gestellt, wohlwissend, dass ihm Degradierung und Parteiausschlussverfahren drohen und er seine Rentenversicherungsansprüche verlieren könne. Während andere Kollegen in vergleichbaren Situationen mindestens in die Luft geschossen hätten, habe er entschieden: „Das ist das Richtige, ich schieße nicht.“

Diese Würdigung individueller Menschlichkeit fehle in der westlichen Geschichtsschreibung – ein Defizit, aus dem sich auch „Osttrotz und Oststolz“ speisten.

 Grenzöffnung an der Bornholmer Brücke, DDR-Bürger springen über den Schlagbaum.

Grenzöffnung an der Bornholmer Brücke, DDR-Bürger springen über den Schlagbaum.

© imago

Aus seiner Sicht offenbart das Schweigen über solche Momente einen problematischen Zeitgeist: „Wir gewichten staatliche Interessen erneut höher als individuelle.“

Statt den Interessenausgleich zu kultivieren, würden Kriege vorbereitet. Die Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz mit 400.000 Teilnehmern bezeichnet er als „Sternstunde der Menschheit“ – Stasi-Generäle, Parteisekretäre, Künstler und Opponenten hätten gleichberechtigt gesprochen, unter Verzicht persönlicher Diskreditierung. Es war der gelebte friedliche Wettbewerb um die besseren Ideen. Die sich dann auch durchsetzten.

Stasi-Akte und ein knapp vermiedenes Verfahren

Offen geht Friedrich auf seine eigene Stasi-Geschichte ein. Mit 16 Jahren geriet er per Anhalter unwissentlich ins ungarische Sperrgebiet, wurde von ungarischen Grenztruppen festgenommen und in Pécs verhört. Der erste Eintrag seiner Stasi-Akte.

Die Eskalation erfolgte Jahre später bei der Nationalen Volksarmee, für die er sich freiwillig drei Jahre verpflichtete. Er orchestrierte die Optimierung von Urlauben in der Kompanie mittels gefälschten Urlaubsscheinen. In einer alkoholisierten Nacht hatte er - inspiriert durch ein Buch zur Roten Armee Fraktion - aufgeschrieben, wie in Ostberlins Mitte auf der Protokollstrecke (festgelegte Strecke aus den Ministerien in die Funktionärssiedlung in Wandlitz) Fahrzeuge der Politprominenz aus dem Verkehr gezogen werden könnten. Fantasievoll gemeint, von der Stasi als terroristischer Plan gedeutet. Auch die FAZ folgte später der Stasi-Interpretation, als sie nach Einsicht in Friedrichs vollständige Akte mit „Der Potentialterrorist“ titelte.

Es folgten ein hochrangig unterzeichneter Einsatzbefehl, Wohnungsdurchsuchungen und Observationen. Schließlich wurde er verhaftet und mehrtägig „hochnotpeinlich befragt“. Drei Beamte drohten ihm mit der Übergabe an den Militärstaatsanwalt, dem Militärgefängnis Schwedt und einer mehrjährigen Strafe im zivilen Strafvollzug.

Nachts um zwei saß er „wie ein Schlosshund“ heulend in der Ecke – und sagte die eingeforderte Kooperation zu. Im Nachhinein wich er der Stasi aus und sabotierte deren Bestrebungen. Seiner Akte und den Aussagen Betroffener aus seiner dreimonatigen IM-Tätigkeit ist zu entnehmen, dass er die weitere Kooperation gegenüber der Stasi verweigerte und die Stasi diese Verweigerung akzeptierte.

In Schwedt befand sich das einzige Militärgefängnis der DDR.

In Schwedt befand sich das einzige Militärgefängnis der DDR.

© Sascha Steinach/imago

„Die Mauer ist wieder da“

Friedrich verweist im Gespräch mit Berndt auf das 2022 verschärfte Außensteuergesetz, das ihm einen Wegzug aus Deutschland nur unter Zurücklassung seiner wirtschaftlichen Vermögenswerte erlaube – die Wurzeln dieser Wegzugsbesteuerung reichen historisch in die Zeit der Weimarer Zeit zurück und wurden als Reichsfluchtsteuer in NS-Zeiten zur Plünderung jüdischen Vermögens missbraucht. Sein Rat an junge, gut ausgebildete Menschen: ihr wirtschaftliches Glück eher im Ausland zu suchen.

Besonders scharf kritisiert er die Debatte um eine neue Wehrpflicht. „Kinderlose Minister“ wollten seine Kinder in den Krieg schicken – das werde nicht passieren.

Von Bundeskanzler Friedrich Merz fordert er, mit 70 Jahren „aufzuräumen“, auf eine zweite Amtszeit zu verzichten und für die nächste Generation den Weg zu ebnen. Die „Seminargebühr“ für die aktuelle politische Verweigerung von notwendigen Veränderungen werde, wie schon bei früheren Krisen 1995, 2001 und 2008 hoch ausfallen – Deutschland fahre „jede Sackgasse bis zum Ende“.

Auf die abschließende Frage, was er sich auf einen Post-it für ein Leben nach Amnesie schreiben würde, antwortet Friedrich: „Eine schöne Liebe finden.“

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