Buchmesse

„Die Meinungsfreiheit ist ein Schlachtfeld“ – auch auf der Buchmesse

Während der Messetage in Frankfurt am Main entstehen oft politische Debatten. Diesmal zünden sie von Anfang an: mit Weimer, Haseloff und auch dem Gastland.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
4 Min
Radka Denemarková, tschechische Schriftstellerin, kritisiert auf dem Festakt zur Eröffnung der Buchmesse den tschechischen Kulturminister.

Radka Denemarková, tschechische Schriftstellerin, kritisiert auf dem Festakt zur Eröffnung der Buchmesse den tschechischen Kulturminister.

© Andreas Arnold/dpa

Zwar gilt der Buchmessebetrieb erst ab Mittwoch, doch am Dienstagabend war schon einiges los. Der Auftritt des tschechischen Kulturministers Oto Klempíř im eigentlich feierlichen Rahmen war von Buhrufen und Pfiffen begleitet, woraufhin die Schriftstellerin Radka Denemarková ihre fulminante Rede mit dem scharfen Satz begann: „Die Kulturstaatsminister, die die Kultur vernichten, kommen und gehen, die Literatur aber bleibt.“

Die Rufe waren schwer zu verstehen im Saal. Gut hörbar war der Zwischenapplaus, als Denemarková kritisierte, dass sich in der tschechischen Regierung zwei ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit befänden.

Das war ein Fingerzeig gegen ihren Vorredner und den Ministerpräsidenten. Klempíř ist parteilos, war bei den Wahlen 2025 Spitzenkandidat der rechtsgerichteten Autofahrerpartei und ist seit Dezember Minister in der Regierung des Unternehmers und rechtspopulistischen ANO-Politikers Andrej Babiš.

Die einzig gültige Währung

Gerade sind in Tschechien neue Richtlinien zur Kulturpolitik verabschiedet worden, die zum Beispiel den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschränken und nach und nach eine staatliche Medien-Finanzierung vorsehen.

„Die Meinungsfreiheit ist ein Schlachtfeld“, sagte die Autorin dann auch. Sie warnte vor falscher Vorsicht beim Schreiben. „Die Wahrheit, die man aus Literatur schöpft, ist die einzige Münze, die weltweit gültig ist.“ Deshalb brauche man kreatives Denken und mutige, unabhängige Verleger.

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Mut forderte auch der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und wandte sich direkt an den ebenfalls anwesenden Glenn Micallef – der ist EU-Kommissar für Generationengerechtigkeit, Jugend, Kultur und Sport. Er würde die Macht der großen Plattformen zwar kritisieren, jetzt aber müsse auch gehandelt werden. „Das ist eine europäische Pflicht.“

Ein Social-Media-Verbot für Jugendliche sei nur eine Maßnahme, wichtiger sei es, Meta und Co. zu zwingen, die Algorithmen zu ändern. Die „Verheiratung von Social-Media-Diskursen und Künstlicher Intelligenz“ erzeuge einen diskursiven Treibhauseffekt, der die politische Kultur deformiere.

Wo bleibt der Bildungsgipfel?

Ein scharfer Ton zog sich zudem durch die Rede des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz. Er wolle nicht weniger als die Machtfrage stellen, kündigte er an: „Bildung gehört zu den Kernaufgaben des Staates.“ Doch in den vergangenen Monaten seien die staatlichen Signale in eine andere Richtung gegangen mit Kürzungen bei den Goethe-Instituten, bei der Bundeszentrale für politische Bildung und beim Programm Demokratie leben. Angesichts der mangelnden Fähigkeit von Jugendlichen hierzulande, Texte sinnentnehmend zu lesen, forderte er ein Sofortprogramm, einen „Bildungsgipfel“.

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Am späteren Abend hatte Bertelsmann sein Blaues Sofa in der Frankfurter Nationalbibliothek aufgestellt, zur Eröffnung des großen Lesungsprogramms Open Books. Shida Bazyar, gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, war da und merkte an, dass es eine Art gebe, über Verbrechen zu sprechen und gleichzeitig ganz viel auszusparen.

Reiner Haseloff, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, sagte, man sehe jetzt, wie fragil die Demokratie sei. Wenige Stunden zuvor war erstmals ein AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt worden, in seinem Bundesland. Auf die Frage der Moderatorin, was denn seine Partei, die CDU, falsch gemacht habe, geht er zur Bundespolitik und der SPD über.

Ingo Schulze dagegen, der mit seinem neuen Roman „Das Wasser im August“ gekommen war, hatte weniger Scheu. „Für den jetzigen Zustand des Landes ist nicht die AfD verantwortlich“, sagte er. Ihn erschrecke, dass die amtierenden Politiker glaubten, nun emotionaler reden zu müssen, dabei seien doch konkrete Probleme zu lösen, vor allem in der Bildung und Gesundheitsversorgung.

Die Frankfurter Buchmesse war seit ihrer Neugründung 1949 immer ein Ort für politische Debatten. Die hier in manchen Jahren plakatierte Losung „Für das Wort und die Freiheit“ schien dabei oft so selbstverständlich wie ungenau. Nun aber treffen die Probleme ins Herz der Branche und bestimmen über die Zukunft der deutschen Gesellschaft.

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