Wer vom nördlichen Schöneberg nach Lichtenrade fährt, durchquert einen Bezirk, der sich nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt. Im Norden dicht bebaute Gründerzeitviertel und Großstadtverkehr, weiter südlich Kleingärten, Einfamilienhäuser und ruhigere Straßen. Dazwischen liegt Tempelhof mit dem ehemaligen Flughafen und einer Freifläche, um die Berlin seit Jahren streitet.
Am Tag der Sonnenfinsternis Mitte August flanieren Menschenmassen über das (noch) unbebaute Tempelhofer Feld.
© dts Nachrichtenagentur/imago
Rund 358.000 Menschen waren Ende Juni 2026 in Tempelhof-Schöneberg gemeldet. Auch politisch liegen hier unterschiedliche Berliner Milieus nah beieinander: Bei der Abgeordnetenhauswahl 2023 gewannen Grüne und SPD die drei nördlichen Wahlkreise, die CDU sämtliche vier Wahlkreise von Tempelhof südwärts.
Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Die Berliner Zeitung will wissen, was die Menschen kurz vor der Wahl beschäftigt. Was funktioniert in der Stadt, was nicht, und was erwarten sie von der nächsten Regierung? Und, weil es fast schon zum Kiez gehört: Wie stehen sie zum Tempelhofer Feld – bebauen oder nicht bebauen?
„Eine große Katastrophe für das Zusammenwohnen“
„Bitte nur kurz, ich habe nicht viel Zeit“, sagt Mira Schleimig. Sie ist 32 Jahre alt, Kommunikationsdesignerin und lebt eigentlich in Neukölln. In Tempelhof arbeitet sie. Wie jeden Werktag ist sie auch an jenem Dienstag während ihrer Mittagspause unterwegs. Viel Zeit braucht sie nicht, um zu sagen, was aus ihrer Sicht in Berlin schiefläuft. Als Erstes nennt sie nicht die Mieten und nicht den Verkehr, sondern die Kultur.
„Der Abbau von Kulturunterstützung und Kultureinrichtungen, die Etatkürzungen bei kulturellen Einrichtungen und der Kulturförderung ist eine große Katastrophe für das Zusammenwohnen“, sagt sie. Dazu kämen Einschnitte bei der Infrastruktur. In Neukölln bemerke sie das etwa bei der Straßenreinigung. Und dann sei da natürlich „das große Thema Wohnen“.
Tempelhof selbst erlebt sie anders als ihren Heimatkiez. Ruhiger, vielleicht auch etwas günstiger, gleichzeitig fehlten ihr Restaurants und Orte, an denen man sich gerne länger aufhält. Berlin kennt sie seit vier Jahren, ursprünglich kommt sie aus Südhessen.
Von der nächsten Landesregierung erwartet sie vor allem einen anderen Kurs beim Klima – besonders die Verkehrspolitik der CDU stört sie. Die starke Betonung des Autos passe für sie nicht zu einer dicht besiedelten Stadt und schon gar nicht zum Ziel der Klimaneutralität.
Mira Schleimig ist jung, hip und kulturafin.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Vom Letzteren kommt sie schnell auf das wohl wichtigste Streitthema nicht nur im Kiez, sondern in ganz Berlin zu sprechen: das Tempelhofer Feld. Ihre Haltung ist eindeutig: „Nicht bebauen! Es ist einfach total schön, in so einer eng besiedelten Stadt so eine große Naturfläche zu haben.“
Auch eine Bebauung nur am Rand würde sie nicht überzeugen. Es finge vielleicht mit wenigen Häusern an, sagt sie, doch dabei werde es nicht bleiben. Am Ende würde man „alles einreißen, was das Feld ausmacht“ und dort „wieder diese hasenschartenartigen Luxuspenthouses hinstellen, die keiner haben möchte, die völlig totgebaut sind“.
Ein Feld und die Wohnungsfrage
Das Tempelhofer Feld ist Sportplatz, Fahrradstrecke, Liegewiese und Treffpunkt und zugleich eine riesige freie Fläche mitten in einer Stadt, in der Wohnraum knapp und teuer ist.
Im Wahlkampf ist das Feld, das Tempelhofer Freiheit genannt wurde, deshalb erneut zum Politikum geworden. Der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers will eine Randbebauung mit mehr als 20.000 Wohnungen ermöglichen. Der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach lehnt eine Bebauung dagegen ab. Berlin brauche die Fläche als „grüne Lunge“, erklärte er im Juli. Damit verläuft die Front sogar innerhalb der noch regierenden schwarz-roten Koalition – eine Regierung, mit der so mancher Berliner zufrieden ist.
„Ganzes Leben schon in Tempelhof“
„Ihr Mann war mal mein Chef vor 30 Jahren“, witzelt Peter Kinzel, 72, der mit seiner Bekannten Matis Karen, 86, unterwegs ist, als die Berliner Zeitung den ehemaligen Maler auf die Berlin-Wahl anspricht. Beide Rentner sind treue CDU-Wähler. „Die letzte Regierung war doch ganz gut eigentlich“, meint Karen. Die Grünen findet sie auch „ganz gut“, nur: „Was sollen sie machen? Noch mehr Bäume pflanzen?“ Sie lacht.
Als es um die Natur geht, sprechen die Rentner auch über das Tempelhofer Feld. Anders als Schleimig sagen Kinzel und Karen: „Bebauen! Unbedingt bebauen!“ Karen lebt ihr Leben lang im Kiez. Sie meint: „Überall ist Wohnungsnot. Den Rand können die doch bebauen. In der Mitte dann Spielplätze, Parkanlage.“ Kinzel ist derselben Auffassung.
Kinzel und Karen haben das Tempelhofer Feld in all seinen Veränderungen erlebt. Als sie Kinder waren, war der Flughafen noch Stützpunkt der Amerikaner und für viele West-Berliner das Tor in den Westen. Karen etwa war 21, als 1961 die Mauer gebaut wurde, und 49, als sie fiel.
Beide Rentner erlebten die Wiedervereinigung, den Abzug der Amerikaner und schließlich 2008 die Schließung des Flughafens. Vielleicht sind sie deshalb offener für die Veränderung des ehemaligen Flughafens, weil ihnen alles, was Veränderung bedeutet, vertraut zu sein scheint – vertrauter als anderen Berlinern. Mit dieser Haltung sind die beiden in den Gesprächen allerdings ziemlich allein.
Keine Zugezogenen: Matis Karen und Peter Kinzel sind Urberliner.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Mit dieser Haltung sind die beiden allein
Juliane Meinhold ist 49 Jahre alt und arbeitet für einen Wohlfahrtsverband. Auch sie nennt zunächst zwei Themen, die aus ihrer Sicht „auf der Hand liegen“: Mieten und Verkehr. Politisch sei in den vergangenen Jahren „viel zu wenig progressiv“ gehandelt worden.
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Beim Tempelhofer Feld muss Meinhold ebenfalls nicht lange überlegen: „Auf keinen Fall bebauen“, denn es sei „ein absoluter Gewinn für Berlin“. Die Fläche habe nicht nur einen gesellschaftlichen und sozialen Wert, sondern sei auch für das Stadtklima wichtig, und auch für „Freizeit und Erholung“. Wohnungsbau brauche Berlin trotzdem – nur eben an anderer Stelle.
Meinhold nennt Flachbauten, die sich möglicherweise aufstocken ließen, höheres Bauen. Es gebe „Brachen in Berlin, die man sinnvoll bebauen kann“ und andere Flächen, die für Neubauten genutzt werden können, sagt Meinhold, die seit 30 Jahren in Berlin lebt, voller Überzeugung. Ihre grundsätzliche Überzeugung steht fest: „Es gibt genug jenseits des Tempelhofer Feldes.“
Die Debatte dürfte auch nach der Wahl weitergehen. Zu dem Feld läuft das Beteiligungsverfahren, parallel werden Nutzung, Naturschutz und eine mögliche Entwicklung diskutiert.
Juliane Meinhold flaniert in ihrer Mittagspause in Alt-Tempelhof.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze
Ein Bezirk, zwei politische Welten
Dass gerade hier so grundsätzlich über die Zukunft einer Fläche gestritten wird, passt zu Tempelhof-Schöneberg. Politisch besteht der Bezirk fast aus zwei Welten.
Bei der Wiederholungswahl 2023 holten die Grünen die Direktmandate in Schöneberg-Nord und Schöneberg-Süd, die SPD gewann Friedenau. Ab Tempelhof änderte sich das Bild: Dort setzte sich die CDU durch, ebenso in Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade. Im südlichsten Wahlkreis erreichte der CDU-Kandidat Christian Zander 49,6 Prozent der Erststimmen. Bezirksweit war die CDU mit 31,1 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft, vor den Grünen mit 21,7 und der SPD mit 19,9 Prozent.
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Dass sich die Mehrheiten verschieben können, zeigte die Bundestagswahl 2025. CDU, Grüne, SPD und Linke lagen im Bezirk relativ dicht beieinander. Besonders knapp fiel das Rennen um das Direktmandat aus: Moritz Heuberger von den Grünen gewann mit 24,7 Prozent vor dem CDU-Kandidaten Jan-Marco Luczak mit 24,6 Prozent. Gerade einmal 66 Stimmen trennten beide.
Bei der Berlin-Wahl geht es nun wieder um andere Mehrheiten. 2023 verlief die politische Trennlinie ziemlich genau zwischen dem Norden und dem Süden des Bezirks. Ob sie am 20. September noch genauso verläuft, wird sich zeigen. Auf der Straße spielen solche parteipolitischen Unterschiede allerdings eine geringere Rolle.
„Das ist materielles Überleben“
Bei Juliane Meinhold läuft vieles auf eine soziale Frage hinaus. Was sollte eine neue Regierung zuerst tun? Ihre Antwort fällt deutlich aus: Sie müsse sich „der existenziellen Problematiken von Menschen annehmen“.
„Das ist materielles Überleben. Das ist Wohnen, das ist sozialer Zusammenhalt und soziale Absicherung“, sagt Meinhold. „Ich denke, das sind die wichtigsten Themen. Die sollten Priorität haben.“
Wohnen wird damit zu mehr als der Frage, ob am Rand des Tempelhofer Feldes Häuser stehen sollen. Es geht auch um die Menschen, die längst eine Wohnung haben und zunehmend Schwierigkeiten haben, sie zu bezahlen.
Das erleben Susanne und Robin Steege. Beide sind in ihren 60ern und kommen regelmäßig nach Berlin. „Wir haben hier unseren Zweitwohnsitz und ich bin gebürtiger Berliner“, sagt Steege, der vor seiner Rente im IT-Bereich tätig war.
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„Wir lieben Berlin!“ An der Hauptstadt schätzen die beiden vor allem die Menschen. Sie seien „offen und freundlich“. Sie mögen, „wie sie sind, wie sie aufeinander zugehen“. Doch auch sie kommen schnell auf Dinge zu sprechen, die ihnen Sorgen machen.
Wie schon Mira Schleimig nennen sie die Kürzungen im Kulturbereich. „Das ist das, was Berlin unter den Hauptstädten in Europa, glaube ich, wirklich herausragend macht“, sagen die beiden über die Kultur. „Schade, wenn es weg ist oder zurückgefahren wird.“
Und dann sind da wieder die Mieten. Über ihre Tochter bekommen sie mit, wie stark sie gestiegen seien. „Die Mieten – wahnsinnig“, sagt sie. „Ich finde das einfach nicht angebracht.“
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© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Von der nächsten Regierung wünschen sie sich ein Berlin, in dem Arm und Reich weiterhin zusammenleben können und Menschen mit wenig Geld nicht an den Rand gedrängt werden. Gleichzeitig müsse die Stadt grüner werden, Naturschutz und Wohnqualität müssten stärker berücksichtigt werden.
Bei der kommenden Berlin-Wahl entscheiden die Wähler nicht unmittelbar über die Zukunft des Tempelhofer Feldes. Sie entscheiden aber darüber, wer künftig über Wohnungsbau, Kultur, Verkehr und soziale Ausgaben in Berlin bestimmt.
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