Es ist gar nicht so einfach, an jenem Vormittag in Reinickendorf-Tegel mit Menschen ins Gespräch zu kommen. In einer Einkaufspassage an der Gorkistraße, unweit des Tegeler Sees, winken viele ab – manche, noch bevor die erste Frage zur bevorstehenden Abgeordnetenhauswahl gestellt ist. Die meisten sind allein unterwegs, erledigen ihre Einkäufe, verschwinden in Geschäften oder gehen weiter in Richtung See. Über Politik reden? Lieber nicht.
Den Sorgen zum Trotz: Thomas Aramis lächelt in die Kamera der Berliner Zeitung.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Einer, der stehen bleibt, ist ein Busfahrer. „Ich gehe aber bald in Rente“, sagt Thomas Aramis, 66. Wenige Wochen noch arbeitet er bei der BVG und damit in einem Beruf, in dem er jeden Tag mit vielen Menschen zu tun hat. Er beschreibt wenig später im Gespräch einen Eindruck, der zu jenem Vormittag passt: „Die Leute sind sehr in sich gekehrt.“
Ob der Senat überhaupt wisse, „was die Bürger in Tegel, Reinickendorf beschäftigt“? Sein Eindruck ist eher skeptisch. Er selbst interessiere sich durchaus für Politik, aber von Parteien fühle er sich nicht mehr so stark vertreten, gerade bei seinem Herzensthema Umwelt- und Klimaschutz. „Früher habe ich die Grünen gewählt, aber mir fehlt mittlerweile ihr Einsatz für die Umwelt.“ SPD ist der aktuelle Ersatz, aber auch „nicht perfekt“.
Keine „Eindeutig“ bei der Wahlpräferenz
Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Reinickendorf gehört zu den politisch eindeutigeren Bezirken der Hauptstadt. Bei der Wiederholungswahl 2023 gewann die CDU sämtliche sechs Direktmandate. Auch bei der Bundestagswahl 2025 blieb sie stärkste Kraft: 26,4 Prozent der Zweitstimmen gingen an die CDU, die AfD kam auf 17,4 Prozent, die SPD auf 17,3. Die Linke erreichte 11,8, die Grünen 12,8 Prozent. Das Direktmandat gewann der CDU-Kandidat Marvin Schulz mit 30,9 Prozent.
Ein Bezirk, der älter ist als Berlin
Aramis spricht über seine eigene Zukunft. Er hat sein Leben lang gearbeitet, zeitweise selbstständig. Gerade deshalb beschäftigt ihn die Rente. Wer selbstständig gewesen sei und nicht durchgehend in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt habe, werde im Alter aus seiner Sicht „bestraft“, weil man ja „nicht eingezahlt“ habe – in die Rentenkasse, meint er.
Das Thema passt zu einem Bezirk, der älter ist als Berlin insgesamt. Das Durchschnittsalter lag in Reinickendorf Mitte 2026 bei 44,7 Jahren. In Alt-Tegel lag es zuletzt sogar bei 48,7 Jahren, 29 Prozent der Einwohner waren mindestens 65 Jahre alt. Im gesamten Bezirk waren es 22,8 Prozent.
Neben der Rente beschäftigt den bald schon ehemaligen Busfahrer das Gesundheitssystem. Gerade absolviert er einen Gesundheitscheck und erlebt nach eigener Aussage, wie schwierig es geworden sei, überhaupt Termine zu bekommen. Auch seine Frau habe damit Probleme. „Also, finde ich total schlimm, diese Gesundheitsseite“, sagt er. Er ist nicht der Einzige, der an diesem Tag darauf kommt.
Zwei junge Frauen sind auf dem Weg in Richtung der Fußgängerzone an der Gorkistraße in Tegel.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
„Hier ist noch so ein bisschen heile Welt“
Eine weitere Person, eine Frau mittleren Alters, die in der IT-Branche arbeitet und deswegen anonym bleiben möchte, ist ursprünglich in Mitte aufgewachsen. Heute lebt sie in Reinickendorf. Die Menschen hier seien verschlossener. Vielleicht, sagt sie, liege das daran, dass es hier „noch so ein bisschen heile Welt“ gebe.
Alt-Tegel ist tatsächlich ein vergleichsweise stabiler Teil des Bezirks. Ende 2024 lebten dort rund 11.300 Menschen. Der Planungsraum gilt als sozial stabil, große Teile als gute Wohnlage. Gleichzeitig liegen die Angebotsmieten nach Angaben des Bezirks deutlich über dem Berliner Durchschnitt.
Doch bei der Politik endet für die Gesprächspartnerin die „heile Welt“. „Die Politiker wissen gar nicht mehr, was sich abspielt in der Bevölkerung“, sagt sie. Wer politische Entscheidungen treffe, müsse selbst erfahren, wie andere Menschen leben. Politiker sollten einmal „vier Wochen in einem Unternehmen mitarbeiten“, zehn Stunden lang, Überstunden schieben und mit dem Geld auskommen, das normale Beschäftigte zur Verfügung haben.
Auch die Altersversorgung von Abgeordneten ärgert die Frau. Politiker sollten ihrer Ansicht nach wie andere Beschäftigte in die Rentenversicherung einzahlen. Es könne nicht sein, dass jemand einige Jahre ein politisches Amt bekleide und anschließend eine Versorgung bekomme, „von der wir träumen und die wir nie kriegen“.
Politische Fehler müssten aus ihrer Sicht ebenfalls Konsequenzen haben. „Man muss auch die Politiker zur Verantwortung ziehen, wenn die Mist gebaut haben“, nennt sie als Beispiel die Maskenaffären aus der Corona-Zeit. Parteipolitisch macht sie dabei kaum Unterschiede. CDU, SPD, Linke und AfD zählt sie gleichermaßen auf.
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Auch die Sauberkeit Berlins stört die gesprächige Dame. Die Verantwortung sieht die ITlerin allerdings nicht allein beim Staat. Neue Kommissionen könnten wenig ausrichten, wenn Menschen ihren Müll auf die Straße werfen. „Die Bevölkerung ist die Ursache“, sagt sie.
Und schließlich landet auch sie beim Gesundheitssystem. Ihre Tochter habe mehr als ein Jahr auf einen Termin warten müssen. „Das geht nicht“, sagt die dunkelblonde, gutgelaunte Frau.
Belastbare Daten, nach denen Reinickendorf insgesamt schlechter mit Ärzten versorgt wäre als andere Bezirke, gibt es dafür nicht ohne weiteres. Auffällig ist dennoch, dass Arzttermine unabhängig voneinander in zwei Gesprächen zum Thema werden.
Auch das ist Berlin: Blick auf den Tegeler See im Norden der Hauptstadt.
© Olaf Kraehn/IMAGO
Reinickendorf ist nicht gleich Reinickendorf
Wer nur durch Alt-Tegel läuft, bekommt ohnehin nur einen Ausschnitt des Bezirks zu sehen. Vor allem sozial unterscheiden sich die Kieze stark.
In Frohnau Ost dominieren Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie Villen. Fast 90 Prozent der Bewohner leben dort in einer guten Wohnlage. Arbeitslosigkeit, Transferbezug sowie Kinder- und Altersarmut sind vergleichsweise gering.
Im Märkischen Zentrum sieht es anders aus. Dort lebten Ende 2024 gut 16.000 Menschen auf einer Fläche mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten des Bezirks. Die Wohnlage ist überwiegend einfach, die soziale Lage vieler Bewohner bezeichnet der Bezirk als prekär. Zugleich leben dort vergleichsweise viele Kinder und Jugendliche.
Das Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2025 bestätigt die Unterschiede. Reinickendorf und das Märkische Viertel gehören zu den Ortsteilen, in denen sich soziale Benachteiligungen besonders konzentrieren. Mit Teichstraße und Reinickes Hof kamen zuletzt zwei weitere Reinickendorfer Planungsräume zu den sogenannten Gebieten mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf.
„Zu wenig für die Jugend“
Mandy Weihdauer ist 55 Jahre alt und arbeitet im öffentlichen Dienst. „Die Sozialkompetenz hat nachgelassen“, sagt sie. Für ihre Begriffe werde „zu wenig auch für untere Schichten realisiert“.
Mitten in der Tegeler Fußgängerzone: Mandy Weihdauer.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Ob der Senat wisse, was in den Bezirken los sei? „Teilweise schon“, sagt Weihdauer. Sie nehme durchaus wahr, dass versucht werde, Arbeitsplätze zu schaffen. „Aber teilweise eben auch nicht.“
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Vor allem Kinder und Jugendliche sieht sie zu wenig berücksichtigt. Es gebe zu wenige Möglichkeiten für sie, viel bleibe an den Eltern hängen. „Es wird zu wenig angeboten, generell für Kids“, sagt sie.
Der Bezirk hat in diesem Bereich zuletzt allerdings nachgelegt. Reinickendorf hat für die Jahre 2026 bis 2029 einen eigenen Jugendförderplan aufgelegt. Seit Januar ist es außerdem der erste Berliner Bezirk, der eine App für Jugendfreizeitangebote flächendeckend nutzt. Zum Start waren dort 28 Einrichtungen mit rund 70 kostenlosen Angeboten registriert.
Weihdauer kommt es vor allem darauf an, was davon tatsächlich bei den Menschen ankommt. Entscheidend sei, welche Versprechen gemacht werden – und „wie die dann auch eingehalten werden“.
„Die toleranteste Stadt, die ich je erlebt hab“
„Ich habe immer das kleinere Übel gewählt“, sagt Rolf-Rüdiger Lins, als die Berliner Zeitung ihn anspricht. Welches Übel das ist, das beantwortet er in Rätseln. Der 85-Jährige, ehemals Sozialpädagoge, geht mit der heutigen Politik hart ins Gericht. Mit Grünen und Linken kann er wenig anfangen, auch nicht mit Teilen von CDU und SPD. Aber auch die AfD scheint ihm nicht zu gefallen. „AfD, NPD und sonst was hatten wir alles schon“, bewertet Lins die Alternative für Deutschland. Aber er könne die Leute verstehen, die AfD wählen. „Aber ich würde sie nie wählen“, wegen „diesem rechtsradikalen Scheiß“.
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Lins kommt ursprünglich aus der Lüneburger Heide. Sechs Jahre war er beim Militär, danach zog er mit seiner Frau und zwei Kindern nach Berlin. Weil er lediglich acht Jahre lang die Volksschule besucht hatte, holte er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studierte anschließend. Später arbeitete er als Sozialarbeiter.
Rolf-Rüdiger Lins findet die Debatte wichtig.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
An das Berlin dieser Jahre erinnert er sich begeistert. „Es war herrlich. Es war wirklich wunderschön“, sagt er. Die Stadt sei für ihn nach Dorf und Kleinstadt „die toleranteste Stadt, die ich je erlebt hab“. Politisch vereinnahmen lassen wollte er sich allerdings schon damals nicht. „Egal welche Richtung, das hat mir nie gefallen“, sagt er. „Irgendwie so stark bestimmt zu werden.“
Seine Frau arbeitete als Krankenschwester. Später war sie schwerbehindert und auf einen Rollstuhl angewiesen. Rüdiger pflegte sie nach eigener Aussage 23 Jahre lang. Vor drei Jahren starb sie.
Als wir noch einmal auf die Parteien zu sprechen kommen, meint Lins, wir hätten bereits eine „rote Regierung“ und „das Chaos ist doch schon da“; selbst die CDU könne nichts durchbringen. Er erhofft sich „gar nichts“.
Er erzählt, er sei hin und wieder an Infoständen stehen geblieben und habe allen Parteien erklärt, welche Mehrheiten er sich wünsche, „damit eine Veränderung kommt“: „AfD 60 Prozent, CDU acht Prozent, SPD drei Prozent, Grüne drei Prozent und die SED – auch drei Prozent.“ Mit dem letzten Seitenhieb meint er die Linkspartei. Dann verabschiedet er sich.
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