Stadtbild

Goldene Hausnummer: Kann man so etwas bitte wieder gegen die Dreckstadt machen?

Ran an den eigenen Vorgarten – das war ein Segen für Häuser und Bürger, stiftete nachbarschaftliches Miteinander, sparte Geld. So geht praktische Partizipation.

9 Min
Goldene Hausnummer, verliehen 1987 an die Hausgemeinschaft Fischerinsel 2 für eine gelungene Gestaltung des Wohnumfeldes in Eigenarbeit, heute im Stadtmuseum.

Goldene Hausnummer, verliehen 1987 an die Hausgemeinschaft Fischerinsel 2 für eine gelungene Gestaltung des Wohnumfeldes in Eigenarbeit, heute im Stadtmuseum.

© Sabine Gudath/Berliner Zeitung

Der Dreck nervt. Die Verwahrlosung Berlins nähert sich an vielen Stellen der Verslummung. Müll auf den Gehwegen, in Grünanlagen, Taubenkot in der U-Bahn-Station, ekelhaft nach Urin riechende Unterführungen an zentralen, auch von Touristen besuchten Orten der deutschen Hauptstadt. Man schämt sich.

Auf dem mit Zehntausenden Euro aufgebauten Spielplatz vor meinem Haus liegen so viele Glasscherben und Spritzen, dass wiederholte Versuche, mit dem dreijährigen Enkel rauszugehen, panisch abgebrochen werden mussten. Tatsächlich ist dort niemals ein Kind zu sehen, eher schon kleine Zeltlager von Obdachlosen.

Das Stadtbild ist ein sexy Wahlkampfthema geworden. Auch die politisch Verantwortlichen, die dem Niedergang bisher mit untauglichen oder unzureichenden Mitteln begegneten, schreiben– als hätten sie mit dem Verfall nichts zu tun – Sätze ins Wahlprogramm wie „Wieder eine Stadt,  die sauber läuft“ oder plakatieren „Spielplatz ohne Spritze“.

Niemand glaubt mehr den Wahlparolen

„Eine saubere Stadt für alle!“ wollen die Grünen. Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp will „Das Müll-Chaos beenden“. Dem leidgeprüften Menschen klingt es hohl – und inzwischen nimmt man die Platituden nicht mehr nur schulterzuckend hin – sie ärgern. Jeden Tag. So wie all die anderen leeren Plakatversprechen. Die Ideengeber dieses Wahlkampfes glauben, es mit Wählern ohne Gedächtnis zu tun zu haben.

Eine Nuance fällt auf: Es gibt vorsichtige Hinweise auf die Verursacher und Verursacherinnen der Müllberge und Dreckecken – die Bewohner der Stadt. Leute, die ihre alten Küchen bei Nacht vors Haus stellen oder den kaputten Kühlschrank in den Park, Hunderttausende lassen Sekunde um Sekunde Pappbecher, Kippen, Quetschitüten, Kronkorken, was auch immer, unter sich fallen.

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Die Linke hält solches Verhalten für eine soziale Frage, sie erklären Leute mit wenig Geld für tendenziell beschränkt fähig, ihren Lebens- und Aufenthaltsort halbwegs sauber zu halten. Stimmt nicht: Auch in Häusern voll wohlsituierter Menschen ähneln die Müllräume Kammern des Schreckens. Es ist wohl eher eine Erziehungsfrage.

Aber der Augenschein legt auch nahe, dass in sozial schwierigeren Gebieten wie Neukölln oder Kreuzberg die Lage außer Kontrolle ist. In meiner Nachbarschaft gibt es seit zwei, drei Jahren einen mit Zaun gesicherten Sperrmüllplatz, tagsüber offen, nachts abgeschlossen. Kostenlos, ein tolles Angebot. Trotzdem stehen 200 Meter weiter ausrangierte Bettenroste auf der Straße, liegen versiffte Matratzen im Park.

Die Linke rief vor der Wahl zu öffentlichkeitswirksamen Müllsammelaktionen auf. Ein guter Ansatz. Er hilft, das Verhältnis zum nahen Lebensumfeld zu entwickeln – bei denen, die sich ohnehin für den Zustand ihres Viertels interessieren. Bei den anderen nicht. Also bei den meisten.

Einfach vor der Tür abladen: Sperrmüll in der Afrikanischen Straße in Wedding. An vielen anderen Plätzen in Berlin sieht es ähnlich aus.

Einfach vor der Tür abladen: Sperrmüll in der Afrikanischen Straße in Wedding. An vielen anderen Plätzen in Berlin sieht es ähnlich aus.

© Schoening

Warum diese Entfremdung so vieler Einwohner von ihrer Stadt? Eine These lautet: Berliner und vor allem die vielen Dazugekommenen verstehen sich nicht als Stadtbürger, sondern als bloße StadtBENUTZER. Das Gefühl, man sei Miteigentümer des Gemeinwesens, diesem Miteigentum also auch verpflichtet, ist höchstens punktuell spürbar. War das je anders?

Eine Erinnerung stellt sich ein: Da gab es doch in der DDR eine Bewegung mit dem Motto „Schöner unsere Städte und Gemeinden – Mach mit!“, seit 1967 eine offizielle Masseninitiative der Nationalen Front. Bürger verabredeten sich, meist an Sonnabenden, zu freiwilliger Arbeit: Grünanlagen pflegen, Müll beseitigen oder Fassaden streichen. Die Leute reparierten Spielplätze, befreiten den Teich im Park von Dreck, pflanzten Blumen.

Eine besonders populäre Form blühte in Berlin: der Wettbewerb um die Goldene Hausnummer. Am 9. April 1986 erschien der Aufruf „Schöner unser Berlin – Berliner macht mit!“ in der Berliner Zeitung. Gute Sache, fanden viele Hauptstädter, schließlich ging es um ihre eigenen Angelegenheiten, nicht um irgendwelche sozialistischen Propagandaaktionen. Mitmachen sollten sie direkt vor ihrer Wohnungs- und Haustüre – bei der Renovierung von Fluren und Treppen, der Pflege des Vorgartens und des Innenhofes. Freiwillig, ohne Zwang durch Partei und Regierung. Natürlich konnte jeder auch ohne irgendwelche Aufrufe mal zwischendrin zu Harke, Besen und Pinsel greifen.

Aber erstens machten Flurmalern und Rabattenpflege zusammen mehr Spaß, und das gemeinsame Feiern der Nachbarn nach der Arbeit gehörte fest dazu. Ein von den Organisatoren der Aktion eingebautes Wettbewerbselement wirkte durchaus mobilisierend: Den Hausgemeinschaften, die die schönsten Ergebnisse erzielten, die den hübschesten Vorgarten, den gemütlichsten Hof, den gepflegtesten Treppenaufgang hinbekamen, verlieh der Magistrat die „Goldene Hausnummer“. (Magistrat hieß die Stadtregierung traditionell von 1808 bis 1990, als der Westen seine Bezeichnung Senat nach amerikanischem Vorbild für ganz Berlin geltend machte.)

Damit die Idee, sich um den eigenen Vorgarten zu kümmern, auch wirklich die Massen ergriff, organisierten und mobilisierten neben der Ost-Berliner Stadtregierung auch die Nationale Front (eine Sammlungsbewegung der Parteien und Massenbewegungen) und die Berliner Zeitung. Deshalb trägt die zur Goldenen Hausnummer verliehene Urkunde auch die Unterschrift von Chefredakteur Dieter Kerschek.

Hunderttausende machten bei der „Hausnummer“ mit

Das eigenverantwortliche Kümmern um das Wohnumfeld war zweifellos ein Segen für Häuser und Bürger, stiftete die heute so schmerzlich vermisste Gemeinschaft, machte Menschen miteinander bekannt, hatte Folgen im Alltagsmiteinander. Es schonte auch die kommunalen Kassen – natürlich war Geld in der DDR knapp. Die Altstädte verfielen ja nicht aus Lust am Niedergang, sondern an den Prioritätensetzungen in Zeiten extrem knapper Mittel.

Eine der volksnahen Mach-mit-Aktionen kannten die Ost-Berliner unter dem freundlichen Motto „Wir machen den Höfen den Hof“. Aber mit dem Wettbewerb um die Goldene Hausnummer bekam das Ganze eine neue Dimension: Bis zum 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, verdienten sich 5187 Hausgemeinschaften die Plakette und brachten sie stolz an ihren Hauseingängen an. Die Zahl der Beteiligten ohne Auszeichnung ging in die Hunderttausende. Die Mobilisierungskraft war beträchtlich. Gemeinsame Arbeit am Gemeinwohl förderte auch die Lust an der Eigeninitiative.

Damit war 1991 Schluss. In meiner Häuserzeile in Friedrichshain konnten wir es kaum glauben: Uns wurde regelrecht verboten, an unseren Grünanlagen irgendwie Hand anzulegen. Das einigungsbedingte Kappen der Verbindung zwischen Mietern (eines volkseigenen) Hauses lag an den neuen Eigentumsverhältnissen, in unserem Fall handelte es sich um die Stadt Berlin.

Urkunde zur oben gezeigten Goldenen Hausnummer, ausgestellt 2019 im Ephraimpalais in der Ausstellung „Halbe Hauptstadt Ostberlin“. Rechts unten die Unterschrift des Chefredakteurs der Berliner Zeitung, die seinerzeit als „kollektiver Organisator“ der Aktion wirkte.

Urkunde zur oben gezeigten Goldenen Hausnummer, ausgestellt 2019 im Ephraimpalais in der Ausstellung „Halbe Hauptstadt Ostberlin“. Rechts unten die Unterschrift des Chefredakteurs der Berliner Zeitung, die seinerzeit als „kollektiver Organisator“ der Aktion wirkte.

© SABINE GUDATH

Dem neuen Mietrecht zufolge sollten Mieter ihre Wohnhäuser nicht mehr in Eigenleistung pflegen. Nun lag das beim Vermieter und kostete extra. Professionelle Verwaltungen übernahmen alles, was nach kollektivistischem Wirken aussah. Es hieß: Man könnte die Haftungsrisiken im Fall von Eigenleistungen nicht tragen. Arbeiten könnten rechtliche Konflikte oder Schadenersatzforderungen auslösen. Und immer wieder hieß es: Das machen jetzt endlich Profis, also Handwerker und Hauswartdienste.

Die Bindung zwischen Bewohner, Haus und Umfeld wurde zerschlagen. Marxologisch gesprochen: Es fand die Entfremdung des Menschen von der gemeinwohlorientierten, kostenlosen Arbeit statt. Das Ergebnis gerät viele Jahre später jedem tagtäglich unter die Augen. Absehbar war die Tendenz schon früh. Hier ein Beispiel vom Mai 1991, als die Grünflächenämter mit Bürgern bestehende Pflegeverträge für Grünflächen kündigten. In Berlin-Mitte hatten bis dahin 271 Bürger als Partner der Stadtgärtner solche Verträge. Auf die mit Geldmangel begründete Kündigung folgte Empörung. Die Bezirksbaustadträtin sprach von einer „fatalen Situation“.

Vielerorts bemühten sich Bürger noch geraume Zeit um die Beibehaltung bewährter Verfahren – so wie beispielsweise am 21. Februar 1990 bei einer Einwohnerversammlung im Hans-Loch-Viertel (heute Sewan-Viertel) in Lichtenberg (die Berliner Zeitung berichtete): Es ging um Wohnbedingungen, Pflege von Grünflächen und Sportplätzen, die Nachbarschaftshilfe für Ältere und Pflegebedürftige.

Die Versammelten wollten ein Bürgerkomitee gründen, man sprach über die vielen „Initiativen in den Hausgemeinschaften, den Einsatz von Mietern bei Kleinreparaturen im Haus, bei Grünflächenpflege und das Sammeln von Altstoffen in den Aufgängen“. Es gab „konstruktive Vorschläge“, um die „bisherigen Erfahrungen unbedingt zu nutzen“.

Aus dem Westen ernteten solche Phänomene wie die Goldene Hausnummer in der Regel Häme. Es gab Kritik, es sei Druck zur Teilnahme an Aktionen für die Goldene Hausnummer ausgeübt worden: 1994 schrieb zum Beispiel Salomea Genin, was sie 1986 anlässlich eines Aufrufs zum Mitmachen in Berlin-Mitte erlebte: Die Hausgemeinschaftsleitung (HGL) hatte im Aushang zur nächsten Goldene-Hausnummer-Aktion geschrieben: „Eine zahlreiche Beteiligung erwartet – die HGL.“ Sie korrigierte in: „Über eine zahlreiche Beteiligung freut sich – die HGL“. Prompt warf ihr diese „eine strafbare Handlung“ vor, also das Beschmieren eines öffentlichen Aushangs. Weil sie nicht klein beigab, folgten Scherereien mit ihrer Partei, der SED.

Bürger befreien Grünanlagen von Müll – hier am Wassertorplatz in Kreuzberg.

Bürger befreien Grünanlagen von Müll – hier am Wassertorplatz in Kreuzberg.

© VOLKMAR OTTO

Meine Erinnerung sagt: Ja, es gab da schon die Erwartung, dass man mitmachte. Aber wenn man nicht da war, dann war man eben nicht da. Ich habe gerne mitgemacht – hin und wieder, wenn ich da war. So wie ich auch heute mal zu Kehrenbürger-Einsätzen gehe, mit der Holzzange Müll aus den Büschen ziehe und Sack um Sack fülle – meist mit wachsender Wut auf die Vermüller.

Seit November 2025 kostet laut neuem Bußgeldkatalog das Wegwerfen einer Kippe zwischen 250 und 3000 Euro, einmal Hundekot im Gebüsch hinterlassen bis zu 350 Euro, Sperrmüllabwurf bis zu 11.000 Euro, bei gefährlichen Stoffen wie Asbest klettert das Bußgeld auf bis zu 100.000 Euro. Bloß: Wer kontrolliert das und setzt das durch? Und wer schützt denjenigen, der es wagt, einen Kippenabwerfer in der U-Bahn oder auf der Straße anzusprechen? Das kann immerhin mit Schädelbruch enden.

Fröhliche Erinnerung aus der Neubauzone Ost

Die Goldene Hausnummer war ein gelungenes Beispiel für Partizipation. Kann man bitte so etwas wieder machen? Das denke ich oft. Die Mittel sind ja wieder so knapp wie einst. In Einzelfällen übernehmen Nachbarschaften die Gestaltung ihrer Viertel in eigener Regie – siehe Gräfestraße in Kreuzberg. Auch in meinem Haus pflegen Bewohnerinnen die Grünanlagen. Sie dürfen das, denn sie sind die Eigentümerinnen. Wenn man doch wenigstens die bürokratischen Verbotsregeln aufheben könnte! Dann wären womöglich Millionen zu sparen und man könnte auf Ministerien und Senatsverwaltungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt verzichten.

Wilhelm Bretschneider aus Kaulsdorf, Elektroingenieur und erster Vorsitzender des Heimatvereins Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf e. V., erinnerte sich 1996 an die DDR, an erlittenes Unrecht, sagte aber auch: „Nicht alles war nur grau. Auch damals waren wir fröhlich, wurde gute Arbeit anerkannt“, sagt er. „Heute lachen wir manchmal bei Erinnerungen an Aktionen wie die Goldene Hausnummer“ oder ähnliche Einsätze zur unentgeltlichen Verschönerung des Wohnumfeldes. „Freiwillig die Umwelt zu verschönern, das war doch gut“, so Bretschneider.

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