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Die Ukraine, Selenskyj und die OUN: Wenn Faschisten als Helden verehrt werden

Die Ehrung ukrainischer Nationalisten wie Konowalez und Bandera erzürnt nicht nur die Polen, wirft zudem Fragen zur Geschichtspolitik der Regierung in Kiew auf.

Frank Schumann
Frank Schumann
9 Min
Am 18. August 2026 wurden die sterblichen Überreste des ukrainischen Nationalistenführers Jewhen Konowalez in Kiew beigesetzt.<b> Auch </b>Präsident Wolodymyr Selenskyj nahm an der Zeremonie auf dem Nationalen Militärfriedhof teil.

Am 18. August 2026 wurden die sterblichen Überreste des ukrainischen Nationalistenführers Jewhen Konowalez in Kiew beigesetzt. Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj nahm an der Zeremonie auf dem Nationalen Militärfriedhof teil.

© apaimages/Imago

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Also einmal angenommen, auf dem zurzeit noch brachliegenden Gelände an der Wilhelmstraße, auf dem sich bekanntlich noch ein Bunker der Reichskanzlei befindet, entdeckte man bei Tiefbauarbeiten Hitlers Knochen oder die Gebeine einer anderen Nazi-Größe. Der Bundespräsident ordnete ein Staatsbegräbnis an und die Beisetzung in einem noch zu errichtenden „Pantheon der Helden“. Die Trauerfeier würde im Berliner Dom stattfinden und der mit der Hakenkreuzfahne bedeckte Sarg von fackeltragenden Bundeswehrsoldaten zum Gotteshaus eskortiert werden. Dort wäre er von höchsten kirchlichen Würdenträgern empfangen worden. Die Glocken hätten geläutet und die Trauerredner den 1945 Dahingegangenen als „herausragenden Sohn des Volkes“ gewürdigt, der Deutschland entschlossen gegen die heranstürmenden Russen verteidigt und dabei den Heldentod erlitten habe …

Absurd? Unvorstellbar? Nein, man muss nicht die Fantasie bemühen. Dergleichen reaktionärer Mummenschanz fand am 18. August 2026 in der Hauptstadt der Ukraine statt.

Eine Münze mit dem Konterfei von Konowalez

Tage zuvor waren auf einem Friedhof im niederländischen Rotterdam die Reste von Jewhen Mychailowytsch Konowalez exhumiert worden. Die lagen dort seit 1938. Konowalez ist ein ukrainischer Säulenheiliger. Vor fünf Jahren gab Kiew zum 130. Geburtstag eine Münze mit seinem Konterfei heraus. Seit zehn Jahren trägt eine militärische Ausbildungseinrichtung für Unteroffiziere und Feldkommandeure seinen Namen. In der Selbstdarstellung heißt es, es handele sich um eine der ersten ukrainischen Schulen, an denen Nato-Taktiken vermittelt wurden.

„Es wurde jahrzehntelang versucht, seinen Namen auszulöschen, zu verzerren oder in Vergessenheit geraten zu lassen“, erklärte Kirilo Budanow, der Präsidialamtschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj, zur aktuellen Würdigung von Konowalez. Und: „Die Feinde der unabhängigen Ukraine fürchteten den Oberst zu Lebzeiten – und fürchten ihn bis heute.“

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Nun mach mal halblang, wird ein nüchterner deutscher Leser vielleicht einwenden, wer ist dieser Konowalez überhaupt? Die Qualitätsmedien hierzulande haben weder früher noch jetzt etwas über den Mann verlauten lassen. Ironisch gefragt: Haben sie etwa an der Namensauslöschung mitgewirkt, weil sie K. fürchten? Oder vielleicht, weil er ein Faschist war und ihnen die Sache peinlich ist?

Die Berliner Zeitung informierte im Mai über die Absicht Kiews, in 21 Ländern die Gebeine von etwa eintausend Persönlichkeiten sichern und ins Heimatland überführen zu wollen. Weil sie, so der Präsident, „für die Freiheit und den Staat der Ukraine gekämpft haben“. Die sterblichen Reste sollen in einer zentralen Gedenkstätte in Kiew beigesetzt werden. In jenem Bericht wurde auch die geplante Überführung der Überreste von Konowalez aus Rotterdam und dessen Nachfolger Stepan Bandera aus München avisiert.

Wolodymyr Selenskyj am Grab von Konowalez

Wolodymyr Selenskyj am Grab von Konowalez

© apaimages/Imago

Im Fall Timoschenko waren Zweifel angesagt

Der Name Konowalez begegnete mir zu Beginn der Zehnerjahre zum ersten Mal, als ich in der Ukraine unterwegs war, um für ein Buch über Julija Timoschenko zu recherchieren. Der 2010 abgewählte Präsident Viktor Juschtschenko und dessen Ministerpräsidentin waren die Lieblinge des Westens, weil sie den Beitritt der Ukraine zur Nato und zur EU zum Programm erklärt hatten. Die attraktive Timoschenko mit dem blonden Haarkranz wurde aktuell hier als Verteidigerin der Demokratie und als Märtyrerin gefeiert, denn sie saß inzwischen wegen Korruption ein. Ja, sie hätte zwar ihre Funktion zum eigenen Vorteil genutzt und sei auch ein wenig selbstsüchtig, doch im Unterschied zum seither regierenden prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und dessen Premier Mykola Asarow habe sie ihr Land aus der russischen Umklammerung befreien wollen.

Wenn alle Medien die gleiche Melodie spielen, ist Zweifel angesagt.

Ich reiste also durchs Land, um mir selbst ein Bild zu machen, sprach mit Abgeordneten der Werchowna Rada, mit Gefängnisinsassen und -aufsehern, saß in Timoschenkos Zelle in Kiew und besuchte sie im Eisenbahnerkrankenhaus in Charkiw, wo ihr die gesamte 9. Etage zur Behandlung zur Verfügung stand und sie Hof hielt. Während ihrer Regierungszeit hatte sie ein Pantheon für Patrioten vorgeschlagen, deren einzige Qualifikation augenscheinlich darin bestand, gegen die Russen gekämpft zu haben. Zudem hatte sie als Bildungsauftrag den Schulen vorgegeben, dass die junge Generation nach dem Vorbild der „Helden der nationalen Befreiungsbewegung“ erzogen werden sollten.

Die Ukrainska Izvestia konstatierte am 28. März 2013 wachsenden Rechtsextremismus unter der Jugend und die Verankerung von Nazi-Ideologie in der Alltagskultur. Es gelte als schick, Patriot zu sein, Hitler zu verherrlichen und Party zu machen. Diese Entwicklung sehe man im Ausland mit größerer Sorge als im Inland, zitierte das Blatt namhafte Politikwissenschafter.

Unser Autor traf sie im Eisenbahnerkrankenhaus in Charkiw: Julija Timoschenko.

Unser Autor traf sie im Eisenbahnerkrankenhaus in Charkiw: Julija Timoschenko.

© Danylo Antoniuk/Imago

Idiotie ist nicht an die Staatsbürgerschaft gebunden

Mir begegneten tatsächlich einige Idioten, die mich freudig mit gestrecktem Arm begrüßten, als ich sagte, dass ich aus Berlin käme. Nun weiß ich auch, dass Idiotie nicht an die Staatsbürgerschaft gebunden ist, politische Wirrköpfe finden sich in jedem Volk. Je größer, desto wirrer. Bei Abgeordneten bemerkte ich zwei konträre Grundhaltungen zur Ukraine. 1922 hatte man verschiedene Territorien zwar zu einem Staat vereinen, aber eben nicht zu einem Ganzen zusammenfügen können. Zu verschieden die Kulturen, die tief in der Vergangenheit wurzelten. Der westliche Teil des Landes gehörte mal zu Polen, mal zu Litauen, mal zur Habsburger Monarchie – der östliche kam aus der Kiewer Rus, dem slawischen Großreich des Mittelalters.

Die einen meinten mir gegenüber, man solle die Russen entweder ziehen lassen oder ihnen in einer ukrainischen Konföderation weitgehende Autonomie zugestehen – die anderen hielten nichts von Sonderrechten für Minderheiten und forderten die bedingungslose Unterordnung aller unter eine imaginäre ukrainische Nation. Die Urheberschaft dieser Idee schrieben sie der 1929 in Wien gegründeten Sammelbewegung „Організація українських націоналістів“, Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), zu.

Initiator und politischer Kopf war Jewhen M. Konowalez gewesen, ein studierter Jurist aus Lemberg/Lwiw. In der Nachkriegszeit war er als Militär aktiv an nationalistischen Ausschreitungen gegen Polen, Juden, Bolschewiken beteiligt. Die Toten blieben ungezählt, Historiker meinen, dass darunter über 200.000 Juden waren. Konowalez befehligte ein Bataillon der „Sitscher Schützen“. Er und seinesgleichen mussten in den Untergrund und dann ins Ausland fliehen, vorzugsweise nach Deutschland und Italien, wo bereits seit 1922 die Faschisten regierten. Hitler und Konowalez trafen sich erstmals 1922, keineswegs zufällig.

Schließlich sammelte man sich in der OUN. Der polnische Geheimdienst, der aus verständlichen Gründen die Gründung im Februar 1929 in Wien beobachtete, konnte sechs der dreißig Teilnehmer nicht identifizieren. Die Polen hielten sie für deutsche Militärs. Allerdings konnte nie bewiesen werden, dass die Gründung der OUN mit Hilfe des deutschen militärischen Geheimdienstes erfolgt ist.

Die geistige Nähe zu den faschistischen Bewegungen Europas, insbesondere zur deutschen, offenbarte sich spätestens 1933, als Konowalez und die OUN Konferenzen in Berlin abhielten und die politischen und geheimdienstlichen Beziehungen zum Hitlerreich intensivierten. Deutschland werde der OUN „die Türen nach Osten öffnen“, hieß es, und die Juden, „Feinde unserer Wiedergeburt“, ausschalten. „Слава Україні“, Ruhm der Ukraine, wurde zum Schlachtruf, das klang wie „Heil Hitler“. 1934 wurde Polens Innenminister Pieracki ermordet, weil er gegen die ukrainischen Nationalisten vorging. Das Attentat geplant und befohlen hatte Stepan Bandera. Er sollte Nachfolger von Konowalez in der Führung der OUN werden, als dieser 1938 erschossen wurde.

Rüge vom Europäischen Parlament

Als im Juni 2026 Präsident Selenskyj eine ukrainische Spezialeinheit mit Bezug zur OUN glorifizierte, wurde ihm die höchste polnische Auszeichnung, der „Orden des Weißen Adlers“, von Warschau aberkannt. Begründet wurde dies mit dem Hinweis, dass eben jene Organisation Ukrainischer Nationalisten während des Zweiten Weltkrieges und danach nicht nur Terroranschläge gegen die Sowjets, sondern auch gegen Polen, Juden und andere Minderheiten verübt hatte.

Die Würdigung der Mörderbande durch Kiew sorgte nicht nur in Warschau für Empörung. Das Europäische Parlament rügte Selenskyj offiziell, im Prager Parlament wurde ebenfalls die Aberkennung der höchsten tschechischen Auszeichnung gefordert, weil der ukrainische Präsident „Nazi-Monster“ zu Helden gemacht habe.

Die Wertschätzung der OUN war kein diplomatischer Ausrutscher der Ukraine: Die – staatlich gelenkte – Geschichtspolitik verklärt schon lange den präfaschistischen Teil ihrer Vergangenheit. 2015 wurde beispielsweise das „Helden-Gesetz“ verabschiedet, das die „öffentliche Leugnung“ der Legitimität des „Unabhängigkeitskampfes“ der in der OUN vereinigten Terroristen unter Strafe stellt …

Die Sache mit meinem Freund Saadi

2018 war ich in Odessa, wo an das Massaker am und im Gewerkschaftshaus erinnert werden sollte. Am 2. Mai 2014, nach dem Staatsstreich in Kiew, war dort ein halbes Hundert Menschen von Rechtsextremisten erschlagen oder verbrannt worden, über zweihundert erlitten Verletzungen. Ich hatte mich mit einem Freund auf dem Airport verabredet, er wollte aus Tel Aviv kommen. Saadi kam nicht. Das heißt, er war schon da, wurde aber mit der nächsten Maschine nach Israel zurückgeschickt. Offenkundig hatte man ihn auf dem Zettel, weil er einen kritischen Beitrag über ukrainischen Antisemitismus in einer israelischen Zeitschrift veröffentlicht hatte. Man drückte ihm einen roten Stempel in den Pass, mit dem ihm die Einreise für fünf Jahre verweigert wurde.

Da er über eine doppelte Staatsbürgerschaft verfügt, zückte er seinen deutschen Pass in der naiven Annahme, der sei das „Sesam öffne dich“. Auch dort kriegte das CDU-Mitglied sein Kainsmal eingestempelt. Was gelten schon Pässe und Parteimitgliedschaften, wenn man es mit Patrioten zu tun hat?

Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplom-Journalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.

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