Ost-West-Debatte

Was die Zähmung der Widerspenstigen über Ost und West erzählt

Bis heute glaubt der aufgeklärte Westen hinzusehen. In Wahrheit hat er durch den Osten hindurchgesehen, von Anfang an, findet unser Kolumnist.

Volker Metzler Nora Domschke
6 Min
Schauspieler Volker Metzler erinnert sich an seinen ersten Auftritt 1990 in Spandau vor westdeutschem Publikum.

Schauspieler Volker Metzler erinnert sich an seinen ersten Auftritt 1990 in Spandau vor westdeutschem Publikum.

© stock&people/Imago

Der Sommer in Berlin 1990 startete recht unbeständig und auch in den Folgemonaten erlebte die Hauptstadt ein ständiges Auf und Ab zwischen sonnigen, warmen Abschnitten und kühlen, regenreichen. Der wärmste Tag des Jahres fiel ausgerechnet auf den 4. August mit einer Höchsttemperatur von 32 °C. Der Unterschied zwischen Wetter und Klima war zu jener Zeit noch kein Thema – mit wem man sich zur Nacht bettet schon.

Ich war ein junger Schauspieler aus Leipzig, der natürlich ausgerechnet an diesem Tag in der Maske saß, sich gleich einen Bart ankleben und eine Perücke aufsetzen lassen musste. Bei der Dämmse – sächsisch für drückende Hitze – sollen wir Theater spielen, vor den ganzen Wessis? Auf der Freilichtbühne an der Zitadelle durften wir unsere erste richtige Westknete verdienen, kein Taschengeld. „Ein Junge weint nicht, ein Junge beißt, sich auf die Zunge, auch wenn das Herz reißt, das musst wohl noch lernen …“, summte ich vor mich hin, während mir die Maskenbildnerin die dritte Perückennadel unter meine Kopfhaut schob. Autsch, schrie ich leicht hysterisch auf und berührte dabei zärtlich ihren Unterarm – sie lächelte.

Die Leute strömten zuhauf in unsere Vorstellungen. Der Rubel, sorry, der Taler rollte – drei Wochen lang, jeden Tag das gleiche Spiel: Katharina, das widerspenstige Weib, wird vom eigenen Gatten, der viel zu spät, verdreckt und in zerrissener Kleidung auf der Hochzeit erscheint, von der After-Show-Party geschubst und auf einen kranken Gaul gehievt. Der verstörte Rest der Familie darf zusehen, wie sie noch im Gehen gekniffen, von ihm beschimpft und verlacht wird. Später verweigert er ihr des Nachts den Schlaf, am Tage das Essen, zerschneidet ihre modischen Kleider und zwingt sie schließlich, die Sonne Mond und einen alten weißen hetero Cis-Mann Jungfrau zu nennen.

Alles nur Spaß, der meint das nicht so, der will nur spielen. In tagelanger sozialer Isolation gehalten und ohne einen einzigen Verbündeten, gibt sie entkräftet auf. Die Zähmung ist erfolgreich abgeschlossen. Küsse statt Bisse, Konfetti-Kanonen, noch mehr Küsse – Vorhang zu und tosender Applaus. Derartige Spielfreude und gute Laune war man hier in Spandau bei Berlin offenbar nicht gewohnt – das Publikum lachte, schlug sich auf die Schenkel, rammte sich vor Vergnügen gegenseitig die Ellenbogen in die Lenden, applaudierte und jagte uns mit seinen Beifallsstürmen immer wieder zum Verbeugen auf die Bühne.

Undenkbar inzwischen, ein solches Stück auf dem Theater aufzuführen, allein wegen der Darstellung von struktureller und patriarchalischer Gewalt als gesellschaftliche Norm. Es ist durch und durch ungesund, zutiefst reaktionär, unaufführbar. Das Verhalten der Hauptfigur, des maskulinen Mannes, basiert ausschließlich auf Dominanz, Aggression, Machtdemonstration seiner toxischen Maskulinität. Hier werden Hetero- und Cis-Gendernormativität als einziges Lebensmodell verherrlicht. Misogynie, Frauenhass, Gaslighting, Victim Blaming, Retraumatisierung – ohne Beipackzettel mit der Triggerwarnung „heute nicht mehr lustig“ könnte man dafür nicht mal eine halbe Eintrittskarte verkaufen.

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Dasselbe Spektakel in Dauerschleife in ostdeutschen Landschaften aufzuführen, damit hatte offenbar keiner ein Problem. Bis jetzt. Von der Kanzel mahnt inzwischen – an Sonntagen, wer kann, und wochentags, wer sich von irgendwas dazu berufen fühlt – zur Zähmung der Widerspenstigen. Da wird dem Ossi schwarz vor Augen, er sieht rot und keilt zurück. Der Bart ist ab, die Masken sind gefallen. Die Rollen werden in einem Tempo getauscht und an sich gerissen, dass einem schwindlig wird. Die Darsteller von damals sind in die Jahre gekommen, das Publikum schon gestorben oder längst auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe.

Behände stürmt von rechts und links, schier von allen Seiten die nächste Generation aufs Proszenium, und alle wollen mit bloßen Händen fangen, was sie allein im Geiste nicht zu fassen kriegen. Freilich, die alten Mittel sind obsolet, deshalb muss man das Volk kräftig bei den Ohren packen, es anders aus dem Walde sprengen und alsbald zur Strecke bringen. Nach allzu langem Sitzen auf dem Hochstand drückt es nun und treibt, es pirscht und lauert. Liegt was verwundet in der Aue, schickt man sogleich die Hunde rein. Hilft nichts mehr, bleibt nur der Fangschuss. Das hat gesessen. Ta-ta-ra, ta-ta-ra, ha-la-lii!

Das erlegte Wild wird nach fester Ordnung ausgelegt und ausgezählt. Als letzte Ehrung wird am Schluss die Strecke mit Hörnern gewissenhaft verblasen: Sau tot. Alles Opfer, Digga. Gegen den dunkelroten Abendhimmel ist die Silhouette von fröhlich davonhoppelnden Feldhasen zu sehen. Wieso sind die davongekommen, denken die einen – „… durch Buchen, Fichten, Tannen so schreit ich durch den Tag, begegne vielen Freunden, sie sind von meinem Schlag, denn ich wand’re ja so gerne am Rennsteig durch das Land …“, hören die anderen. Was für ein grandioses Schauspiel.

Der Jagdrausch drängt das Hirnblut abwärts in die niederen Instinkte, und schnell vergessen ist: Das echte Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts erzählt. Jede Geschichte hat eine Geschichte vor der Geschichte – aber unsere Gesellschaft ist längst ein Raum ohne Tür. Der diesseitige Phantomschmerz entsteht nicht aus realer Ablehnung – was uns zugrunde richtet, ist die Leerstelle, die sich bildet, wenn der Andere durch einen hindurchschaut wie durch Glas. Das ist schwerer zu tragen als unser Hass. Hass sieht dich wenigstens an.

Bis heute glaubt der aufgeklärte Westen hinzusehen. In Wahrheit hat er durch den Osten hindurchgesehen, von Anfang an. Nicht verstehen wollen – sondern aushalten, dass da etwas ist, das sich dem eigenen Kategorienapparat entzieht, das wurde nie gelernt. Stattdessen wurden Statistiken erhoben, Gutachten geschrieben und soziologische Studien über Befindlichkeiten hier und Unzulänglichkeiten da produziert, bloß um festzustellen, was nicht mehr zu übersehen ist: zwei Lebensrealitäten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder gesunde Zweifel wird sogleich konfektioniert und eingeordnet – das ist der Tod. So bleiben beide Teile ärmer, als sie sein müssten.

Besser für uns alle wäre: Der Mensch wird am Du zum Ich. Bitte, versteht mich nicht. Verstehen ist die eleganteste Form des Hindurchsehens. Es klingt noch einmal nach Begrüßungsgeld und ist das Gegenteil. Wer sagt, ich verstehe dich, hat dich bereits in sein System eingeordnet. Mein wilder Aufschrei wird nicht in deinem Monolog ersticken, den du für ein Gespräch hältst. Hört auf damit, mir meine Wut zu nehmen! Wenn’s nicht bald endet, begeh’ ich Fahnenflucht und rüste auf zum Pantalone. Ihr gebt mir nicht den Rest. Amygdala-Hijack.

Ich erinnere mich wie heute an die letzte Vorstellung, wie es plötzlich kühler wurde, spürbar kälter, teilweise unter 20 °C. Du hast da noch eine Nadel im Haar, kicherte Eva und zog mich wieder unter die Decke.

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