Dietrich Gerber und Klaus Böger kandidieren gegeneinander um das Führungsamt im Berliner Sport. Ein Streitgespräch

"Es ist nicht auszuschließen, dass das kollabiert"

Michael Kölmel Boris Herrmann
7 Min

Am Freitag wählt der Landessportbund Berlin, die mit über einer halben Million Mitgliedern größte Personenvereinigung der Stadt, einen neuen Präsidenten. Um die Nachfolge von Peter Hanisch bewerben sich der ehemalige Schulsenator Klaus Böger und der derzeitige Vizepräsident Dietrich Gerber. Von den 198 Stimmen entfallen 125 auf die Sportfachverbände, 14 auf die Sportverbände mit besonderer Aufgabenstellung wie Behindertensport, acht auf Institutionen wie den Sportärztebund, 41 auf die Bezirksverbände und 10 auf das jetzige Präsidium. Der Wahlausgang ist offen.Herr Gerber, auf die Stimmen welcher Verbände können Sie zählen?Gerber: Es gibt natürlich eine Reihe von Verbänden, die seit Jahren mit mir eng zusammenarbeiten. In den vielen Jahren im Leistungssport hat sich das so ergeben. Bei den ganzen Wasserfahrsportarten zum Beispiel, die scheinen mich zu mögen. Ich gehe davon aus, dass mir die Mehrheit das Votum gibt.Herr Böger, Sie sehen das bestimmt anders. Die großen Ballsportverbände haben beizeiten erklärt, Sie unterstützen zu wollen.Böger: Als Herr Hanisch erklärt hat, er stehe nicht mehr zur Verfügung, bin ich angesprochen worden. Ich kandidiere gerne, und ich bin zuversichtlich. Es gibt einige Verbände die gesagt haben: Ja, wir wählen Sie.Warum braucht Berlin einen Sportbundpräsidenten Böger?Böger: Ich habe fast ein Vierteljahrhundert in der Politik mit dem Sport gearbeitet und bin gut vernetzt in der Stadt.Herr Gerber, was können Sie denn besser als Ihr Gegenkandidat?Gerber: Ich bin ja nun schon über 30 Jahre im Ehrenamt im Sport, bin seit 1991 im Präsidium des Landessportbundes. Ich habe so viel Erfahrungen im Berliner Sport, dass ich glaube, den Puls des Sports sehr gut fühlen zu können und zu wissen, worauf es ankommt.Böger: Herr Gerber war ohne Frage länger Sportfunktionär als ich. Ich bringe mehr Erfahrung aus der Ebene der Sportpolitik ein. Ich kann die Interessen des Sports vertreten. Da glaube ich, ist es nicht nachteilig, wenn man weiß, wie die Politik tickt.Gerber: Wir kandidieren nicht für einen Parteivorsitz, sondern für die Führung des Sports in dieser Stadt.Wo sehen Sie denn die großen Herausforderungen im Berliner Sport?Gerber: Über allem schwebt das Problem der Finanzen. Wir haben in den Jahren erhebliche Verluste bei der Sportförderung erlitten. Wir kommen hier an einen Punkt, wo es nicht auszuschließen ist, dass der eine oder andere Bereich im organisierten Sport kollabiert.Böger: Die größte Herausforderung sehe ich in der Bevölkerungsentwicklung. Wir müssen begreifen, dass die Menschen in der Stadt älter werden, aber aktiv sind, das ist ein riesiger Ansatzpunkt. Ein anderer Punkt ist die Integration. Wir alle wissen, in dieser Stadt haben schon fast die Hälfte der Kinder, die in die Schule kommen, einen Migrationshintergrund. Das ist eine riesige Herausforderung. Der Sport kann das nicht alleine, aber er kann Beiträge dazu leisten. Man muss aus dieser Bedeutung eben auch die finanzielle Absicherung des Sports ableiten. Das Geld, das der Staat in den Sport investiert, ist eine gute Anlage.Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass der Sport sein Geld nicht immer zur vollsten Zufriedenheit ausgibt.Böger: Es ist eigentlich ziemlich klar und legitim, dass bei der Frage, wie der Landessportbund das Geld verteilt, kritisch nachgefragt wird. Im Turnerbund gab es die Forderung, mehr Geld für den Breitensport auszugeben, da muss man sicherlich offen sein für Gespräche. Aber es ist das Normalste der Welt, dass es darüber Auseinandersetzungen gibt.Haben Sie denn Visionen, wo der Landessportbund in zehn oder 20 Jahren stehen kann?Böger: Es gibt Probleme bei der jüngeren Generation. Viele junge Leute treiben individuell Sport, joggen, fahren Rad oder sind in Fitness-Studios. Warum sind die nicht in Vereinen? Man muss überlegen, wie man den Sport so positioniert, dass der Verein, als die vielleicht beste deutsche Erfindung, lebendig bleibt. Wie kann der Sport sich zum Beispiel in die große Herausforderung Prävention, Gesundheit stärker einbringen? Wenn wir die Dopingfrage nicht in den Griff bekommen, wird der Leistungssport es sehr schwer haben. Und ich kann auch nicht sehen, wie dafür dann öffentliche Gelder gegeben werden.Gerber: Wir müssen ganz schnell anfangen, mit dem Senat ins Gespräch zu gehen, um eine solide Finanzierung zu entwickeln, die unabhängig ist von den jeweiligen Einspielergebnissen von Toto und Lotto. Wir wissen alle nicht, wie lange dieses Monopol noch existent bleiben wird. Aber für die Vereine ist diese fehlende Planungssicherheit katastrophal. Können sie sich irgendwas anschaffen? Können sie was bauen? Können sie neue Sportgruppen aufbauen? Ein weiterer Punkt ist das Problem der Sportstätten. Die Ausstattung mit Hallen ist unter dem, was eigentlich mal Norm war.Der SPD-Senat hat unter dem Schulsenator Böger die Ganztagsschule eingeführt. Konkurriert der Sportunterricht auf den wenigen Sportflächen mit den Vereinen?Gerber: Das ist ein riesiges organisatorisches Problem, weil die Schule eigentlich die Kinder bis 16 Uhr in Anspruch nimmt. Und dann können auch die Vereine erst wieder in die Sporthallen rein. Deshalb gibt es auch das Projekt Schule und Verein, in dem Vereine mit den Schulen zusammenarbeiten.Böger: Worum es geht ist, die Vereine und auch Verbände in einen engen Verbund zu bringen mit dem Bildungssystem. In meinen Augen ist Sport auch elementarer Bestandteil von Bildung. Wie können wir jungen Menschen Fairness und Teamgeist besser beibringen als eben im Sport?Hat Berlin zu viel Geld für Großereignisse wie die Leichtathletik-WM, Fußball-WM oder Olympiabewerbung verschwendet?Böger: Zugespitzt würde ich mal sagen, der Berliner Sport hat mit der gescheiterten Olympiabewerbung exzellente Sportstätten bekommen. Wo hätte Alba denn überhaupt spielen können? Wir haben zudem das beste Schwimmbad in Europa. Wir haben auch eine Radrennbahn. Also aus Sicht des Sports ist das durchaus ein hoher Ertrag.Sollte sich Berlin wieder um die Olympischen Spiele bewerben?Gerber: Wir bleiben in Standby. Wir müssen erstmal gucken, wie München abschneidet bei der Bewerbung um die Winterspiele. Danach muss man das Gefühl dafür haben, kann so was funktionieren oder nicht. Damit wir nicht wahnsinnig viele Kampagnen entwickeln, die sicherlich sehr teuer sind und nachher ins Leere gehen. Insofern wird sich Berlin irgendwann wieder bewerben, aber wahrscheinlich werden wir das beide nicht mehr erleben.Es hat ja zuletzt nicht nur Vorbilder gegeben im Sport. Gerade wurde entschieden, dass der dopingbelastete Trainer Werner Goldmann wieder eingestellt wird.Böger: Was Olympia angeht, stimme ich Herrn Gerber zu. Im Fall Goldmann bin ich froh, das nicht unmittelbar entscheiden zu müssen, weil das ein sehr schwieriges Problem ist. Mir liegt auch daran, dass das nicht ausschließlich ein Problem des DDR-Sports ist. Die Dopingproblematik stellt sich für den gesamten Sport in einer enormen Schärfe. Sonst sind wir irgendwann an dem Punkt, dass Eltern ihren Kindern nicht mehr empfehlen können, in einen Verein zu gehen. Das ist eine Geschichte, die in ihrer Dimension bislang noch nicht erkannt wurde. Der Sport muss seine Notwendigkeit für diese Gesellschaft nachweisen, um seine Finanzierung sicherzustellen.Wie kann das konkret gehen?Böger: Es wäre eine gute Sache, wenn die Hälfte des Geldes, das Sportler zu Recht für ihre Siege bekommen, erst einmal eingefroren und angelegt wird, bis auch die Langzeitproben ausgewertet sind. Wenn dann nach fünf Jahren nichts gegen den Sportler vorliegt, dann gibt es den Rest der Tranche.Wird das am Freitagabend eine Richtungs- oder eine Sympathiewahl?Gerber: Ob Sympathie oder nicht, es geht darum: Wer kann die Dinge umsetzen? Der neue Präsident muss jedenfalls mit einer klaren Mehrheit gewählt werden, um sich als Mann des gesamten Sports der Politik darzustellen. Wenn einer mit 51 Prozent gewählt wird, das wäre nicht so gut.Herr Böger, würden Sie es denn begrüßen, wenn Herr Gerber Ihnen als Vizepräsident assistieren würde?Böger: Wir haben vor Monaten lange gesprochen und festgestellt, dass wir beide nur für das Präsidentenamt kandidieren, und damit ist diese Frage geklärt.Das Gespräch führten Boris Herrmann und Michael Kölmel.------------------------------"Es geht darum: Wer kann Dinge umsetzen?" Dietrich Gerber"Ich kann die Interessen des Sports vertreten." Klaus Böger------------------------------Foto: Dietrich Gerber, am 6. 3. 1944 in Brieg bei Breslau geboren, ist seit 1993 Vizepräsident des LSB. Er ist Vorsitzender des Olympiastützpunktes Berlin und vertritt den Berliner Sport im DOSB.------------------------------Foto: Klaus Böger, geboren am 8. 9. 1945 im hessischen Lauterbach, ist Mitglied in der SPD. Er war von 1999 bis 2006 in Berlin Senator für Bildung, Jugend und Sport.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner