Zwölf Millionen. Alice Westphal nennt diese Zahl. „Zwölf Millionen Frauen in Deutschland sind Opfer häuslicher Gewalt“, sagt die 70-Jährige. „Wenn die alle tagtäglich aufstehen würden, ganz still, was wäre das für ein Zeichen!“
Alice Westphal ist selbst Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Ihre Geschichte begann in der Kindheit und setzte sich später in einer Beziehung fort. Sie engagiert sich unter anderem im Betroffenenrat und hat eine Kampagne unter dem Hashtag „IchbinjededritteFrau“ gestartet. An diesem Morgen nimmt sie an einer Veranstaltung im Jüdischen Krankenhaus Berlin teil. Es geht um digitale Gewalt in Beziehungen.
Der Fall Christian Ulmen und die Vorwürfe seiner Exfrau Collien Fernandes haben ein Millionenpublikum auf diese Form der Gewalt aufmerksam gemacht. Alice Westphal erfährt von ähnlichen Übergriffen regelmäßig, wenn sie Betroffene berät. Es handelt sich nicht immer um Deepfake, um gefälschte Videos oder Fotos, von der KI generiert, wie mutmaßlich im Fall Ulmen.
„Es geht darum, Macht auszuüben“
„Da springt nachts plötzlich der Fernseher an, ferngesteuert wie zum Beispiel auch das Licht, die Waschmaschine oder ein anderes elektrisches Gerät“, berichtet Westphal. „Manchmal sind es marginale Veränderungen bei den Kontodaten.“ Das Ziel sei stets die Kontrolle über den anderen Menschen in der Beziehung. Oft auch sehr konkret mithilfe von GPS-Trackern, Spyware oder Ortungs-Apps. „Es geht darum, Macht auszuüben.“
Eine Studie vom Februar dieses Jahres lässt das Ausmaß des Problems erkennen. Das Bundeskriminalamt (BKA) stellte damals mit dem Bundesinnen- und dem Bundesfamilienministerium die Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) vor. Befragt wurden mehr als 15.000 Menschen. Bis dahin stammte die letzte große Gewaltbefragung in Deutschland aus dem Jahr 2004, aus der Zeit vor YouTube, Twitter und Reddit.
BKA: Jede fünfte Frau von digitaler Gewalt betroffen
Nach Angaben des BKA erlebte jede fünfte Frau (20,0 Prozent) und etwa jeder siebte Mann (13,9 Prozent) in den vergangenen fünf Jahren digitale Gewalt. Die Betroffenen waren auffallend jung. Mehr als 60 Prozent der 16- bis 17-jährigen Frauen und rund 33 Prozent der gleichaltrigen Männer berichteten über solche Vorkommnisse.
Etwa jede 30. befragte Frau machte der Studie zufolge Erfahrungen mit digitaler Gewalt in einer Beziehung; rund eine von 100 Frauen gab an, in den vergangenen fünf Jahren von einem Partner oder Ex-Partner gestalkt worden zu sein. Männer waren etwa halb so oft betroffen.
„Es sind meist Kleinigkeiten, die dazu führen, dass sich die Betroffenen fragen, ob sie vielleicht selbst den Fernseher für die Nacht programmiert oder Kontodaten geändert haben“, sagt Westphal. „Irgendwann haben sie das Gefühl, sie werden verrückt.“ Das Stresslevel ist hoch. „Sie befinden sich ohnehin in einem permanenten Überlebensmodus, der Stress potenziert sich, nichts mehr ist normal.“
New York Times berichtet über neue Details im Fall Collien Fernandes gegen Christian Ulmen
Etwa einmal in der Woche haben Annegret Dreher und ihre Kollegen in der Notaufnahme eine Frau vor sich, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden ist. Die Oberärztin arbeitet in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Jüdischen Krankenhauses Berlin, und ihre Herausforderung angesichts digitaler Gewalt besteht darin, Symptome richtig zu deuten. Das erweist sich im klinischen Alltag als schwierig. Es gibt keine auf den ersten Blick sichtbaren Zeichen wie bei körperlicher häuslicher Gewalt, keine Hämatome, keine Wunden.
Deshalb sind Annegret Dreher und ihr Chefarzt Peter Neu an diesem Morgen zum Aktionstag des Runden Tisches Berlin gekommen, der die Gesundheitsversorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt zum Thema hat. Medizinisches Personal soll für das Problem sensibilisiert werden und erhält praxisorientierte Empfehlungen. Und die beiden Mediziner wollen bei der Aufklärung helfen.
„Bisher sind es eher Zufallsbefunde“, sagt die Oberärztin. Eine Patientin schaut zum Beispiel ständig auf ihr Handy, hält noch Kontakt zum Täter, der sie weiter zu kontrollieren versucht. „Möglicherweise wird sie über Social Media gestalkt, verfolgt.“
Die Folgen der digitalen Gewalt sind vor allem Ängste, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen. Sie auf den fortdauernden Psychoterror in einer Beziehung zurückzuführen, die richtigen Fragen zu stellen, soll medizinisches Personal durch Handreichungen des Runden Tisches lernen. Nicht nur in Berliner Rettungsstellen, auch in Arztpraxen.
Im Jüdischen Krankenhaus werden solche Fragen bei verdächtigen Symptomen im Arztgespräch bereits gestellt, bei der psychiatrischen Anamnese. Erhärtet sich der Verdacht, öffnet sich die Betroffene, ist der erste große Schritt getan.
Scham spielt eine Rolle, bei digitaler wie bei körperlicher Gewalt in einer Beziehung. „Am Anfang ist es aber vor allem das Unverständnis“, sagt Alice Westphal. „Die Betroffenen können sich nicht vorstellen, dass sie Opfer häuslicher Gewalt sind. Das ist noch einmal eine ganz andere Form von Kontrollverlust.“
Sechs Beratungsstellen in Berlin
Maximale Überforderung erleben diese Frauen, sagt Westphal. „Deshalb müssen Gesellschaft und Politik das Thema stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, damit die Betroffenen erkennen, dass sie nicht allein sind und dass es Beratungsstellen gibt, an die sie sich wenden können.“ Sechs solcher Beratungsstellen existieren in Berlin, über die Stadt verteilt.
Um aufzuklären, ist Alice Westphal selbst an die Öffentlichkeit gegangen, als Vorstand einer Initiative namens Signalverein, mit ihrer eigenen Geschichte. „In einem Babywaisenhaus habe ich massive Gewalt erfahren. Vom Stiefgroßvater bin ich jahrelang missbraucht worden. Ich geriet in eine Gewaltbeziehung, ich habe sie mir selbst ausgesucht. Ich wurde in einem Park vergewaltigt.“ An keiner Stelle, zu keinem Zeitpunkt sei jemand eingeschritten. „Genau darum aber geht es.“
Es handelt sich um ein Patriarchatsthema, erklärt die Aktivistin, und damit sei es ein Präventionsthema: „Der Kampf gegen häusliche sexualisierte Gewalt beginnt im Grunde in der Erziehung.“
Alice Westphal machte es erst öffentlich, als sie Großmutter geworden war. Da war sie 62 Jahre alt.
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