Filmfest

DOK Leipzig 2026: Neue Sektion „Fokus Ost“ eröffnet mit Maxie-Wander-Film

Die Filmemacherin und Kuratorin Grit Lemke bringt DDR-Frauen aus Maxie Wanders Buch erneut vor die Kamera. Was die neue Sektion „Fokus Ost“ soll und zu bieten hat.

4 Min
Grit Lemke kuratiert „Fokus Ost“ beim DOK-Leipzig-Filmfestival (Archivbild)

Grit Lemke kuratiert „Fokus Ost“ beim DOK-Leipzig-Filmfestival (Archivbild)

© Nadja Wohlleben

Das Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig (26. Oktober bis 1. November 2026) führt eine neue Sektion ein: „Fokus Ost“. Kuratiert wird die Programmschiene von der Filmemacherin und Autorin Grit Lemke, die selbst lange Jahre Programmleiterin bei DOK Leipzig war.

Die Intendantin Ola Staszel, die seit Januar 2026 die künstlerische Leitung und Geschäftsführung des Festivals innehat, erklärt in der Pressemitteilung das Ziel: Man wolle ostdeutschen Perspektiven im Dokumentarfilm mehr Raum geben. Kuratorin Lemke beschreibt ihren Ansatz als Versuch, eine Lücke zu schließen und Gegenerzählungen sichtbar zu machen – verbunden mit der Frage, warum ostdeutsche Vielfalt bislang zu wenig erzählt werde und wer darüber entscheide.

Eröffnungsfilm knüpft an Maxie Wander an

„Fokus Ost“ steuert auch gleich den Eröffnungsfilm des Festivals bei und setzt damit ein Zeichen: „Guten Abend, du Schöne“ der sächsischen Regisseurin Ina Borrmann nimmt Maxie Wanders Protokollband „Guten Morgen, du Schöne“ von 1977 als Ausgangspunkt – eines der wirkmächtigsten Bücher der deutschen Literaturgeschichte.

Wander hatte damals DDR-Frauen anonym über ihr Leben erzählen lassen. Borrmann hat für ihren Film Protagonistinnen des Buches erneut getroffen: Heute sprechen sie unter echtem Namen und mit großer Offenheit über Lebensentwürfe, Arbeit, Partnerschaft, DDR-Vergangenheit und Gegenwart, Familie, Sexualität, Alter und ihren Platz in der Gesellschaft.

Zehn Filme, acht Weltpremieren

Zum Schwerpunkt „Fokus Ost“ gehören insgesamt zehn Dokumentarfilme, acht davon feiern bei DOK Leipzig ihre Weltpremiere. Neben dem Eröffnungsfilm zeigt die Sektion weitere Filme. Eine Talkserie begleitet das Programm: Diskutiert werden soll, wie ostdeutsche Lebensrealitäten im Dokumentarfilm repräsentiert werden, mit welchen Hürden Filmschaffende konfrontiert sind und welchen Weg ihre Filme in Kino, Fernsehen und Streaming finden.

Aus dem Programm

Die Klasse von 1990 – über den Protest Rostocker Studierender gegen die Abwicklung der dortigen Außenstelle der Schauspielschule „Ernst Busch“ in der Wendezeit.
Onkel Thuận – die Biografie zweier ehemaliger DDR-Vertragsarbeitender aus Vietnam.
Garten der Hoffnung – über einen Garten, der inmitten einer Schweriner Plattenbausiedlung zu einem besonderen Ort wird.
Silicon Saxony (Kurzfilm).
10 bis 20 Halden – eine filmisch-assoziative Recherche zu Landschaft, Geschichte, Mythos und Identität im Mansfelder Land.

Vier weitere Filme der Sektion sind Teil des Deutschen Wettbewerbs Dokumentarfilm; sie werden erst am 8. Oktober bekannt gegeben.

Kuratorin mit langer DOK-Leipzig-Geschichte

Grit Lemke, 1965 in Spremberg geboren und in Hoyerswerda aufgewachsen, war von 1991 bis 2017 in verschiedenen Funktionen für DOK Leipzig tätig, zuletzt als Leiterin des Filmprogramms. Bis 2022 leitete sie beim Filmfestival Cottbus die deutsch-sorbische Sektion „Heimat/Domownja/Domizna“ und kuratierte Filmreihen unter anderem für die Akademie der Künste Berlin und das goEast-Festival Wiesbaden.

Einem breiteren Publikum wurde Lemke durch ihren dokumentarischen Roman „Kinder von Hoy“ (Suhrkamp, 2021) bekannt, der zum Bestseller wurde und mit dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet wurde. Als Regisseurin drehte sie „Gundermann Revier“ (2019) und „Bei uns heißt sie Hanka“ (2023) über sorbisches Leben in der Lausitz.

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„Interner Kolonialismus“

Ihre entschiedene Stimme für die Belange der Ostdeutschen und ihre Lebenswirklichkeit macht sie zu einem gefragten Gast in Talkshows und bei Podiumsdiskussionen. In einem Interview mit der Berliner Zeitung beschrieb sie die Erfahrung vieler Ostdeutscher nach 1990 als eine Form von strukturellem Machtgefälle, wie es in der Forschung unter dem Begriff „interner Kolonialismus“ diskutiert wird – vergleichbar etwa mit dem historischen Verhältnis Englands zu Schottland, Wales oder Irland.

Zugleich wehrte sie sich gegen den ihr entgegengebrachten Vorwurf der Selbstviktimisierung: Wer Missstände öffentlich benenne, so Lemke, mache sich damit gerade nicht zum Opfer, sondern übe Selbstermächtigung aus.

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