Dokumentarfilm

„Guten Abend, du Schöne“: Das diesjährige Leipziger Dokfilmfest verschreibt sich der Menschlichkeit

Vor fast 50 Jahren erzählten Frauen der Schriftstellerin Maxie Wander ihr Leben – so offen wie selten zuvor. Nun treffen wir die Frauen wieder – in Ina Borrmanns Eröffnungsfilm.

4 Min
Es ist wieder so weit: Leipzig lädt zur Dokfilmwoche

Es ist wieder so weit: Leipzig lädt zur Dokfilmwoche

© nn

Einmal im Jahr wird Leipzig zum Sehnsuchtsort für alle, die lieber ins echte Leben schauen als in die nächste perfektionierte Serienwelt. Vom 26. Oktober bis zum 1. November lädt DOK Leipzig, das Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, zur filmischen Weltvermessung: mit mehr als 200 Filmen, neuen Perspektiven und Geschichten, die sich nicht immer so ordentlich auflösen wie ein „Tatort“ im Ersten – dafür aber auch weitaus spannender sind.

Eröffnet wird die 69. Ausgabe mit einem Wiedersehen, das es in sich hat: „Guten Abend, du Schöne“ von Ina Borrmann. Fast ein halbes Jahrhundert nach Maxie Wanders legendärem Gesprächsband „Guten Morgen, du Schöne“ begegnet der Film einigen jener Frauen wieder, die 1977 der Autorin, die bereits Ende desselben Jahres verstarb, ihre Lebensgeschichten erzählten. Was ist aus ihren Träumen geworden, aus Aufbruch und Emanzipation, aus den Vorstellungen vom richtigen Leben? Und was davon ist heute noch aktuell? Die Vergangenheit bekommt hier kein museales Staubtuch übergeworfen, sondern darf sich mit der Gegenwart unterhalten.

„Ich rauche wie ein Schlot, ich mache alles wie ein Mann“

„Man hat ihr von sich erzählt, weil sie selbst von sich erzählt hat“, erklärt Annerose heute Wanders’ Menschenaufschließprinzip. Im Buch, das die Namen der Protagonistinnen verfremdete, hieß sie Erika und war 41 Jahre alt. Eindrücklich berichtet sie von ihrer narzisstisch-kalten Mutter im Krieg, die für die Tochter nichts übrig hatte und sogar noch eifersüchtig reagierte, als sich ein junger Mann für Erika interessierte.

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Sabine wiederum, im Buch „Petra“ und 18 Jahre alt, beeindruckt mit Sätzen, die noch einmal illustrieren, dass DDR-Frauen dem derzeitigen Feminismus einiges voraus hatten, was ihren Anspruch an Männer betraf, nur dass ihre Rebellion gegen das Patriarchat noch nicht so eine laute und aggressive war wie die heutiger Tage: „Ich rauche wie ein Schlot, ich mache alles wie ein Mann – trinken, den Partner wechseln, faul sein. Die Ehe empfinde ich als Versicherungsinstitut, als Pension oder Friedhof.“

Annerose. Bei Maxie Wander war sie „Erika“.

Annerose. Bei Maxie Wander war sie „Erika“.

© Susann Bargas Gomez

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Die Frauen erzählen von ihren sozialen Milieus, von Liebe und Enttäuschung, von Männern, Kindern und dem eigenen Körper. Sie berichten von Schrecklichem, erinnern sich aber auch an den befreienden Humor, den es brauchte, um das Leben trotzdem zu lieben. Manchmal giggeln sie dabei wie die jungen Mädchen, die sie einst waren, viel zu oft sind sie viel zu streng mit sich selbst: Ein überbordendes Selbstbewusstsein wurde keiner von ihren Kriegsgenerationseltern mitgegeben.

Das passt zu einem Festival, das die Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern ihr auf den Grund gehen will. In diesem Jahr rückt die neue Sektion „Fokus Ost“ ostdeutsche Lebensgeschichten und Perspektiven ins Zentrum. Es geht um Erinnerung, Umbrüche und die Frage, wer eigentlich erzählt, was der Osten war und ist. Dass Dokumentarfilme dabei nicht immer bequeme Antworten liefern, gehört zum Vergnügen.

International richtet sich der Blick auf Schauplätze, an denen politische und persönliche Konflikte ineinandergreifen: In „Hope Is a Word“ begegnet der Kampf gegen die Umweltzerstörung im nigerianischen Nigerdelta der Kraft der Poesie. „Free Zone“ führt nach Exarchia, in ein Athener Viertel zwischen linker Utopie und Gentrifizierung. Andere Filme erzählen von den Folgen der Waldbrände in Los Angeles, von demokratischen Kämpfen in Belarus oder von einer palästinensischen Beduinenfamilie, deren Lebensraum durch Luxusvillen bedroht wird.

Ina Borrmann – die Regisseurin von „Guten Abend, du Schöne“

Ina Borrmann – die Regisseurin von „Guten Abend, du Schöne“

© Alexandra Sell

217 Filme und XR-Arbeiten aus 61 Ländern gibt es eine Woche lang zu entdecken. 76 Filme konkurrieren in den vier Wettbewerben um die Goldenen und Silbernen Tauben, darunter 30 Weltpremieren. In der Rubrik „Fokus Ost“ erzählt RP Kahls „„Die Klasse von 1990“ von Rostocker Schauspielstudierenden 1990, die nach der Wende um den Erhalt ihrer Ausbildungsstätte kämpften. „Onkel Thuận“ blickt auf die Lebensgeschichten ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter in der DDR, während „Garten der Hoffnung“ einen Gemeinschaftsgarten in Schwerin als Ort der Begegnung porträtiert.

Auch der Animationsfilm ist eine tragende Säule des Festivals: Die Arbeiten reichen von surrealen Welten bis zu intimen Geschichten über Freundschaft und Familie. Mit der neuen Sektion „Positions“ will die künstlerische Leiterin Ola Staszel zudem Debatten ermöglichen, bei denen unterschiedliche Meinungen und Widersprüche ausdrücklich Platz haben. Ein Festival also, das nicht nur Bilder liefert, sondern auch Gesprächsstoff, der sich im wunderbaren Leipzig mit seinen wunderbaren Cafés bestimmt hervorragend vertiefen lässt.

Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. 26. Oktober bis 1. November 2026, www.dok-leipzig.de

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