Longevity-Trend

Drei Jahre jünger durch Vitamin D? Für wen sich die Kapsel im Winter lohnt

Vitamin-D-Mangel im Winter: Ab welchem Blutwert ein Mangel besteht, wie viel Mikrogramm das BfR empfiehlt und was Vitamin D gegen das Altern bewirkt.

4 Min
Eine Kapsel am Tag für langsameres Altern? In einer US-Studie blieben die Zellen unter Vitamin D länger jung, länger gelebt haben die Teilnehmer dadurch aber nicht. (Symbolbild)

Eine Kapsel am Tag für langsameres Altern? In einer US-Studie blieben die Zellen unter Vitamin D länger jung, länger gelebt haben die Teilnehmer dadurch aber nicht. (Symbolbild)

© Imago/AntonioGuillem via

Knapp drei Jahre jünger, nur durch eine Kapsel am Tag: So wird eine große US-Studie gern zusammengefasst, die Vitamin D zum Star der Longevity-Szene gemacht hat. Gemessen wurde allerdings nur die Länge winziger Schutzkappen im Erbgut.

Die entscheidende Frage, ob Menschen mit Vitamin D länger leben, haben andere Studien beantwortet. Für Gutversorgte fällt die Antwort ernüchternd aus. Wer einen Mangel hat, kann dagegen viel gewinnen, und das betrifft ab Oktober erstaunlich viele.

Vitamin-D-Mangel: Fast 60 Prozent der Deutschen unterversorgt

Fast 60 Prozent der Menschen in Deutschland erreichen nicht den Blutwert von 50 Nanomol pro Liter (nmol/l), den Fachleute für ausreichend halten. Das geht auf eine gemeinsame Einschätzung von Robert Koch-Institut, Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) zurück, die die Verbraucherzentrale zusammenfasst.

Unter 30 nmol/l sprechen Mediziner von einem echten Mangel. Das trifft übers Jahr gemittelt rund 15 Prozent der Erwachsenen, schätzt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) laut Pharmazeutischer Zeitung.

80 bis 90 Prozent seines Vitamin D bildet der Körper laut BfR selbst in der Haut, und dafür braucht er UV-Licht. In Berlin reicht die Sonne dafür von Oktober bis ins Frühjahr kaum aus.

Vitamin D und Sterberisiko: Bei 50 knickt die Kurve ab

Wie eng der Spiegel mit der Lebensdauer verknüpft ist, zeigt eine Auswertung von 307.601 Briten aus der UK Biobank. Ein australisches Team um die Epidemiologin Elina Hyppönen nutzte dafür Genvarianten, die den Vitamin-D-Spiegel lebenslang leicht anheben oder senken. Lebensstil und Vorerkrankungen verzerren das Ergebnis so kaum.

Bei sehr niedrigen Werten war das Sterberisiko klar erhöht, vor allem durch Krebs, Herz- und Atemwegsleiden. Bis etwa 50 nmol/l fiel es steil ab. Danach verlief die Kurve fast flach.

VITAL-Studie: Drei Jahre langsameres Zellaltern

Die Schlagzeile vom gebremsten Altern stammt aus der US-Studie VITAL. 1054 Menschen ab 50 nahmen vier Jahre lang täglich 2000 Internationale Einheiten (IE) Vitamin D3, Omega-3-Fettsäuren oder ein Placebo.

Gemessen wurden die Telomere, die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Man kann sie sich wie die Plastikhülsen an Schnürsenkeln vorstellen, nur dass sie mit jeder Zellteilung ein Stück kürzer werden.

In der Vitamin-D-Gruppe verloren sie 140 Basenpaare weniger als unter Placebo. Das entspricht laut Mass General Brigham knapp drei Jahren Zellalterung. Omega-3 blieb wirkungslos.

Der Haken: Länger gelebt hat niemand

Ob die Teilnehmer dadurch gesünder wurden, hat diese Teilstudie gar nicht untersucht, wie Harvard-Forscher anmerken. Die VITAL-Hauptstudie mit fast 26.000 Menschen liefert die Antwort trotzdem: Über gut fünf Jahre sank die Sterblichkeit nicht messbar.

Die australische D-Health-Studie mit älteren, meist gut versorgten Menschen kam zum selben Ergebnis. In der Zürcher DO-HEALTH-Studie, die das biologische Alter über Veränderungen am Erbgut maß, schnitt ausgerechnet Omega-3 besser ab als Vitamin D.

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Vitamin D und Krebs: Täglich wirkt, monatlich nicht

Am handfestesten sind die Daten zum Krebs. Das DKFZ wertete 14 Studien mit knapp 105.000 Teilnehmern aus. Bei täglicher Einnahme niedriger Dosen sank die Krebssterblichkeit um zwölf Prozent, hohe Einzeldosen einmal im Monat brachten nichts.

Vor der Erkrankung selbst schützt Vitamin D nach derzeitigem Stand wahrscheinlich nicht. Es könnte aber die Chance verbessern, sie zu überleben, am deutlichsten bei Einnahme schon vor der Diagnose, meldet Apotheke adhoc.

Eine mögliche Erklärung: In einer weiteren DKFZ-Auswertung lagen bei Krebspatienten unter Vitamin D die Entzündungswerte niedriger, darunter Interleukin-6 und das C-reaktive Protein.

Wie viel Vitamin D im Winter? Das empfehlen Fachleute

Die DGE nennt 20 Mikrogramm (800 IE) pro Tag als Richtwert, wenn der Körper selbst nichts bildet. Mehr sollten Nahrungsergänzungsmittel laut BfR täglich nicht liefern.

Die VITAL-Teilnehmer schluckten das Zweieinhalbfache. Wer ihre Telomer-Werte nachahmen will, landet also deutlich über der deutschen Empfehlung. Dauerhaft zu viel Vitamin D kann den Kalziumspiegel gefährlich erhöhen und die Nieren schädigen.

Sinnvoll ist deshalb zuerst ein Bluttest beim Hausarzt, gerade für Ältere und Menschen, die selten rauskommen. Ohne konkreten Verdacht auf einen Mangel zahlen Kassenpatienten ihn meist selbst.

Vitamin D macht gesunde Menschen also nicht jünger, sondern bewahrt Unterversorgte vor einem vermeidbaren Risiko. Für die Kapsel im Badezimmerschrank heißt das: erst messen, dann schlucken.

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