Sensations-Fund

Drei Kinder in einem Grab: Was geschah vor 4000 Jahren bei Dachritz?

Bei Dachritz im Saalekreis haben Archäologen drei Grabgruben der Glockenbecherkultur entdeckt: sieben Tote, 4000 Jahre alt, Fund an der Stromtrasse.

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Die Grabungshelfer Berit Kersten und Jochen Wolf legen eine Bestattung aus der Glockenbecherzeit bei Dachritz frei.

Die Grabungshelfer Berit Kersten und Jochen Wolf legen eine Bestattung aus der Glockenbecherzeit bei Dachritz frei.

© Heiko Rebsch/dpa

Bei Dachritz im Saalekreis schiebt ein Bagger den Mutterboden beiseite, damit hier bald Windstrom nach Bayern fließen kann. Was darunter zum Vorschein kommt, ist rund 4000 Jahre alt und passt in kein Schema.

Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt haben in dem Ortsteil der Gemeinde Petersberg drei Grabgruben freigelegt. Darin lagen die Überreste von sieben Menschen.

Einer von ihnen wurde allein bestattet. In der Grube daneben lagen zwei Erwachsene. In der dritten: drei Kinder und ein Erwachsener.

Sieben Tote, drei Gruben – und ein Grab mit drei Kindern

Die Toten gehören zur Glockenbecherkultur, benannt nach den glockenförmigen Gefäßen, die man den Verstorbenen mitgab. Meist enthielten sie Nahrung für den Weg.

Tassen, Becher und Schalen fanden die Archäologen auch bei Dachritz. Die Grabstellen messen jeweils etwa 1,20 mal 2,40 Meter.

Genau hier beginnt das Problem der Forscher. Diese Kultur hatte für den Tod ein Regelwerk, das über Jahrhunderte hinweg eingehalten wurde.

Glockenbecherkultur: der strengste Bestattungscode der Jungsteinzeit

Männer wurden auf der linken Körperseite niedergelegt, mit dem Kopf im Norden. Frauen auf der rechten, mit dem Kopf im Süden. Beide blickten nach Osten, dorthin, wo die Sonne aufgeht.

Dazu kamen stark angezogene Beine, ein oder zwei Gefäße als Beigabe und ein Toter pro Grab. Wie genau sich die Menschen daran hielten, zeigen die Funde von Förderstedt im Salzlandkreis, wo Archäologen 2025 an derselben Trasse Gräber mit Pfeilspitzen und einer Armschutzplatte freilegten.

Das Regelwerk galt in ähnlicher Form von Portugal bis Ungarn. Bei Dachritz gilt es nicht.

Hier liegen mehrere Menschen zusammen in einer Grube, und die Gruben sind für die damalige Praxis auffällig geräumig.

Lehmwand bei Dachritz: ein Dach über den Toten

Zwischen den beiden großen Grabgruben stießen die Ausgräber auf ein etwa 30 Zentimeter starkes Bauteil aus verdichtetem Lehm. Es bildete offenbar die Basis einer Wand.

Das gut erhaltene Lehmfundament zeige eine aufgehende Konstruktion an, die „eine Überdachung erahnen“ lasse, erklärte Susanne Friederich laut der Nachrichtenagentur dpa. Sie leitet am Landesamt die Abteilung Bodendenkmalpflege und verantwortet die Grabung.

Ein Dach über einem Grab ergibt nur Sinn, solange das Grab offen ist. Wer eines baut, rechnet mit Tagen, in denen noch jemand kommt.

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Die These der Grabungsleiterin: ein Unglück, dann ein Abschied

Friederich vermutet, dass die Menschen an anderer Stelle ums Leben kamen, womöglich bei einem Unglück. Ihre Angehörigen brachten sie danach an diesen Ort.

Die Gräber liegen entlang eines Weges, der auf die Spitze einer Landzunge zulief. Die Zunge ragte weit in eine Auenlandschaft hinein, sichtbar von weitem. So eine Stelle steuert man nicht zufällig an.

Was die vier Menschen im dritten Grab gemeinsam sterben ließ, ist damit noch nicht beantwortet. Drei Kinder und ein Erwachsener in einer Grube – dafür braucht es ein Ereignis, das eine ganze Gruppe auf einmal traf.

Wer die Glockenbecherleute überhaupt waren

Die Becher tauchen ab etwa 2750 vor Christus in halb Europa auf, und lange stritt die Forschung darüber, ob mit ihnen auch Menschen wanderten.

Eine Studie mit 400 vorgeschichtlichen Genomen, 2018 im Fachblatt Nature erschienen, gab eine doppelte Antwort. Zwischen Iberien und Mitteleuropa reiste vor allem die Idee, nicht die Bevölkerung.

Nach Britannien dagegen kam der Becher mit Einwanderern, die binnen weniger Jahrhunderte rund 90 Prozent des dortigen Genpools ersetzten. Die Steppen-Abstammung, die sie mitbrachten, war in Mitteleuropa da schon rund 400 Jahre heimisch.

Für die Toten von Dachritz heißt das: Sie waren Nachbarn einer Welt in Bewegung, die ihre Regeln trotzdem sehr genau kannte.

Südostlink: Was der Kabelgraben in Sachsen-Anhalt freilegt

Gegraben wird bei Dachritz, weil hier der Südostlink verlegt wird. Die Gleichstromverbindung ist rund 543 Kilometer lang, führt von Wolmirstedt bei Magdeburg zum Standort Isar bei Landshut und soll ab 2027 Strom transportieren.

Der Kabelgraben ist damit zur größten Ausgrabung geworden, die Sachsen-Anhalt seit Jahren erlebt. Er schneidet quer durch eine Landschaft, in der seit 7500 Jahren gesiedelt wird.

Allein im vergangenen Jahr kamen an der Trasse schnurkeramische Gräber mit tierzahnbesetzten Taschen bei Krauschwitz ans Licht. Bei Gerstewitz fanden sich Opfergruben der Salzmünder Kultur, bei Wolmirstedt der Panzer einer Sumpfschildkröte in einer bronzezeitlichen Ofengrube.

Blockbergung: Die Antworten kommen aus Halle

Die Anlage von Dachritz soll nun komplett aus dem Boden geschnitten und als Ganzes geborgen werden. Blockbergung nennen die Fachleute das.

Der Erdklotz wandert in die Restaurierungswerkstatt des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, wo auch die Himmelsscheibe von Nebra liegt. Dort wird unter kontrollierten Bedingungen weitergegraben, Millimeter für Millimeter.

Erst dann dürfte sich zeigen, woran die sieben Menschen starben und ob sie miteinander verwandt waren. Knochen und Zähne erzählen das inzwischen ziemlich zuverlässig.

Wenn die Analysen ergeben, dass die vier aus dem dritten Grab eine Familie waren, dann liegt in Halle bald der Befund zu einem einzigen sehr schlechten Tag im Jahr 2000 vor Christus.

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